Die schweren Einquartierungen einer durch die langen Kriegszüge ganz verwilderten rohen Soldateska, welche meist sich selbst versorgen mußte, drückten als harte Last gleichviel ob Freund oder Feind. Jetzt war der Schwede der Befreier von der Belagerung durch das kaiserliche Heer. Zehn Jahre später war es der kaiserliche Graf Pikkolomini, der als Befreier vom schwedischen Joch freudig begrüßt wurde. Und zwischendurch wurden bald kaiserliche, bald schwedische Truppen abgewiesen und erhielten keinen Einlaß in die feste alte Stadt, sondern eine tapfre Antwort voll männlicher Energie.
Dem kaiserlichen Oberst Ulefeld, der 1633 mit starken Truppen vor der Stadt erschien und drohend Einlaß begehrte, antwortete man, daß man ihm, »so er die Stadt attakieren wolte, mit nichts als Kraut und Loth begegnen wolle, wo er nicht Churfürstl. Befehl brächte, die Stadt zu öffnen«.
Auch dem kaiserlichen Oberst Abraham Schönnickel, der aus Chemnitz stammte, ist 1634 nur eine »schlechte Antwort und nichts als Kraut und Loth gewilliget worden«. Der Bürgermeister Jonas Schönlebe verhandelte mit ihm vor dem Tor und sagte auf seine Verheißungen des Schutzes und seine Drohungen mit Plünderung und Brand, »daß man nechst Gott, sonst keiner Beschützung von nöthen hette« und warf ihm vor, daß er ein Landeskind sein wollte »und fürgebe, er were dem Lande und der Stadt zum besten ankommen, und verderbete doch alles in grund, und man jetzo für Augen sehe, wie der alte schöne Hospital für der Stadt liechter Lohe brennete«. Das war dem Schönnickel zu viel! Nach vielen Wortwechseln ist er im Zorn davongerannt mit wilden Drohungen und hat die ganze Vorstadt und Scheunen vor dem Peterstor in Brand gesetzt, so daß »letzlichen das an der Stadt gelegene große Glockengießhaus ergrieffen, davon eine solche Brunst und flammende Hitze entstanden, daß die Funken in und über die Stadt hauffenweise geflohen, auch schon allbereit ein Hauß in der Ringmauer am Thore zu brennen angefangen«. Dieses Gießhaus war die Werkstatt des berühmten Gießergeschlechts der Hilliger vor dem Peterstor, aus welcher die herrlichen Grabplatten aus Messing und die Bronzedenkmäler in der Begräbniskapelle der sächsischen Fürsten am Dom, ferner die schönsten Glocken in Sachsen, heute noch ein Stolz der Gemeinden, und weiter über seine Grenzen hinaus und nicht zuletzt künstlerisch mit besonderem Reichtum und Geschmack verzierten Bronzegeschütze in großer Zahl hervorgegangen waren. Das Stammhaus der Hilliger stand in der Petersstraße, nicht weit vom Tore. Ihr Familienwappen, ein Bär mit einem Zirkel oder Taster in den Vorderpranken, ziert noch heute das alte Portal. Welcher Grimm und Zorn mag Hilliger durchtobt haben, als wenige 100 Schritte von seinem Hause die Stätte seiner Arbeit und Erfolge, seines Ruhmes und seiner Existenz in Flammen aufging und der Funkenregen vom Westwinde über die Stadt getragen wurde, als in Asche sank, woran sein Herz und seine Kunst hing, und er ohnmächtig zuschauen mußte, ohne den Mordbrennern heimzahlen zu können. – Schönnickel zog ab, ohne sein eigentliches Ziel zu erreichen.
Viele Stürme und Wetter brausten so im Laufe der Jahre noch über die starken Tore, Mauern und Türme, wie über die trotzigen Häupter der Bürger dahin. Kein Sturm aber war stärker, kein Wetter war furchtbarer als das der Belagerung der Stadt durch den schwedischen Feldherrn Torstensson. Vom 27. Dezember 1642 bis zum 17. Februar 1643, rund 50 Tage, dauerte diese furchtbare Zeit, in der die Bürgerschaft mit den Bergleuten und der kleinen Garnison einen Heldenmut gegen gewaltige Übermacht und Ausdauer in größter Not bewiesen hat, so daß diese Tat sich würdig neben die größten Heldentaten der Geschichte stellt, ein leuchtendes Beispiel in dem Jammer und Elend jener Tage, ein leuchtendes Beispiel und Fackel auch im Dunkel unserer Zeit!
Auf einem der ältesten Freiberger Stadtpläne steht der Spruch: »Salus urbis est concordia civium!« Das Heil der Stadt ist die Eintracht der Bürger. Dies Wort stand nicht nur auf dem Stadtplan eingeprägt, sondern stand auch im Herzen und im Hirn jedes Bürgers und Bewohners festgeprägt, eingehämmert durch die jahrzehntelange gemeinsame Not.
Erst 1639, also 4 Jahre zuvor hatten sie zwei Belagerungen durch den schwedischen General Banner ertragen und siegreich überstanden. Vom 2. März bis 20. März und dann zum zweiten Male vom 10. April bis 17. April hatte Banner versucht, die Stadt zu stürmen und manche mannhafte Tat und mannhaftes Wort ist uns aus diesen schweren Tagen überliefert.
Mit gewaltiger Übermacht war Banner vor die Stadt gerückt und stand plötzlich vor den Toren, denn ein dicker, finsterer Nebel war eingefallen und hatte sich über die Stadt und das Land gewälzt, so daß man sich nicht hatte in der Nähe erkennen können. »Solches hat bey drey Stunden gewehret, daß jedermann dafür gehalten, es sey dieser Nebel von Finnen oder Lappländern gemacht.« Banner nahm im Freibergsdorfer Rittergut Quartier und begann alsbald mit der Beschießung, Schanzen und Laufgräben zu bauen und in der Vorstadt zu sengen und zu brennen. Mit seinem schweren Geschütz hat er angefangen »auff das Peters und Erbische Thor zu spielen, und an beyden Orten über hundert Schösse anbracht, dadurch die Brustwehren durchlöchert«. Er drohte, falls die Stadt nicht übergeben würde, »wollte er keines Menschen schonen, sondern allen die Hälse brechen!« Der Kommandant von Haubitz gab die unerschrockene Antwort, »daß er den vertrawten Platz, vermöge seiner Pflicht und geleisteten Eids mainteniren müste, solches auch biß auff den letzten Blutstropffen trewlich thun wolte.« Es erinnert dieses Wort an das berühmte Telegramm des unverzagten Verteidigers von Tsingtau, des Gouverneurs von Meyer-Waldeck, in den ersten großen Tagen des Weltkrieges: »Einstehe für Pflichterfüllung bis zum Äußersten«. Durch Ausfälle und tapfere Gegenwehr wurde dem Feinde viel Schaden zugefügt. Am 9. März sollte das Peterstor erstürmt werden und alle feindliche Macht richtete sich gegen das Bollwerk. Nach starker Beschießung stand der Feind mit Sturmzeug und Leitern bereit und versuchte von dem vor dem Tore stehenden Zollhaus aus das Rondell, den schützenden, runden Mauerbau vor dem eigentlichen Torturm, zu ersteigen. Sie sind aber tapfer empfangen und mit Verlust zurückgetrieben und es ist auch »durch außgeworffenes Geströde, Pech und Fewerkugeln, das Zollhauß in brand gerathen, daß ein groß Fewer auffgangen, und sich der Feind mit schimpff reterieren müssen. Die Schösse, so beyderseits geschehen, sind unzehlich gewesen«. Während hier am Peterstor so der wilde Kampf tobte, machte der Hauptmann Thörmer am Meißner Tor einen Ausfall, fand keinen Widerstand »indem alles zum Hauptwerke fürs Petersthor gelauffen, und auff eingebildete Eroberung der Stadt gewartet, hat er nicht allein des Feindes angefangene Baterien niedergerissen, sondern auch so lange sichere Verweilung gehabet, daß er viel Hew und Stroh, so wegen der Pferde und Viehes fast beynötig gewesen, in die Stadt einbringen können.« Dieses Stücklein zeigt, welch kecker Mut die Verteidigung beseelte.
Trotz dieses Mißerfolges schickte der Feind wieder einen Unterhändler, dieses Mal einen ehemaligen Kriegskameraden des Kommandanten, der jetzt im anderen Lager focht und nun die frühere Kameradschaft geltend machen wollte. »Hat sich dabey beklaget, daß ihnen die weile gar lang für der Stadt were.« »Dem der Commendant zur Antwort gegeben, die weile zu vertreiben, wolte er ihm ein baar Spiel Charten liefern, inmassen er auch dieselben hinauswerffen lassen.« Ein grimmiger Humor klingt aus dieser Art der Verhandlung. Wort und Tat, Geist und Schwert werden von einem entschlossenen und geschlossenen Willen geführt!
Einer späteren Aufforderung, das arme Volk, Weib und Kinder aus der Stadt zu schaffen, damit nicht unschuldig Blut vergossen würde, ferner die Stadt in Güte auffzugeben, sonst sollten die Bergwerke eingefüllt und alles verwüstet und verdorben werden, setzte Haubitz die Antwort entgegen: »Er wüste von keinem armen Volcke, und hette man in der Stadt genung zu leben, deßwegen er nicht einen Hund naußgeben wolte; die gantze Stadt were unschuldig, und hette wider die Kron Schweden nichts verbühret, wolte der General sich nicht mit unschuldigen Blute beflecken, so solte er für sich selbst der Stadt und der unschuldigen Einwohner schonen. Mit dem Bergwercke müste er geschehen lassen, was der General nicht unterlassen könte.«
Nach diesen Abweisungen verdoppelte der Feind seine Anstrengungen, den Trotz der Stadt zu brechen. Durch eine trommelfeuerartige Beschießung wurde eine Bresche in die Mauer gelegt in der Nähe des sogenannten Pestturmes, wo der Pestprediger, der pestilentialis, während der Seuche seinen vom Verkehr gesperrten Wohnsitz nehmen mußte, um seinen Kranken mit Gefahr seines Lebens, aber ohne Gefahr für die Allgemeinheit dienen zu können. Der Turm und die Mauer stehen heute noch im städtischen Bauhofe an der Mönchsstraße. Der Turm ist jetzt bis übers Dach mit Epheu umsponnen, ein rechter alter, sturmfester Geselle mit grünem Wettermantel, und draußen auf der Feldseite zieht sich am Fuße der starken Mauern der alte Stadtgraben entlang, und über lauschige Promenadenwege rauschen hohe stolze Bäume. Wenn diese alten grauen Quadern und Blöcke des Turmes und der Mauern erzählten könnten, welch ein Heldenlied würde erstehen, wachsen und klingen von wuchtiger Größe, von Tapferkeit im Kampfe, von todesmutigem Ausharren in Not und Tod, von seelischer Größe und Opfermut im Ringen und Ausharren gegen die furchtbare Seuche, welche als Geißel des Krieges die Seelen und Körper des armen, mißhandelten, aus tausend Wunden blutenden, hinsiechenden Volkes schlug! Doch die Steine schweigen. Ist es vergessen und verklungen, daß Mannesmut und Opfergeist, daß zähe Treue und Gottvertrauen den Sieg auch gegen Übermacht über Pest und Tod und widriges Schicksal erzwingen können? – –