Als der Sturm des Feindes gegen diese Bresche einsetzte, haben die Verteidiger anfangs ein wenig zugesehen, »biß eine gute anzahl, und wie man vermercket bey vierhundert im Graben, theils auch im Zwinger und auff den Leitern gewesen, da dann die Trajoner und Bürger, so im Zwinger hinter den Abschnitten im Fewer gelegen, eine grimmige Salve unter sie gegeben, daß sie mit hauffen herunter gepurtzelt, und bevoraus der Oberste Magnus Jahnsohn, welcher diese Völcker angeführet, und sich hoch vermessen, er wollte und müste diesen Tag in der Stadt seyn, nachdem er auff der Leiter kaum zur Bresche hinein gegucket, geschwinde einen Schoß durch den Kopff bekommen und abgestürtzet worden, welches, als es die andern, so hernach getrungen, und den Sturm auch antreten wollen, ersehen, wie es noch außwendig der Stadt so scharff hergangen und leicht erachten können, daß sie inwendig der Mawren ein viel ärgeres zu erwarten hätten, haben sie weiter nicht fortgewolt, ob sie schon von Officirern mit blossen Degen hefftig angetrieben, auch etliche erstochen worden, sondern haben ihre Mußqueten und ander Gewehre in Zwinger und Stadtgraben geworffen, und sich reteriret, denen die in der Stadt eilends nachgesetzet, mit kurtzen Wehren, Schlachtschwerdten, Morgenstern und dergleichen ihrer noch viel niedergemacht, und gute Beuten davon bekommen. Was und wieviel vom Feinde diesen Tag umbkommen, hat man nicht eigentlich wissen können, denn sie unterschiedene Personen der Beschädigten und Toden weggeschleppet, auch unter andern einen Obersten Leutenant, laut der Gefangenen Aussage, auff dem Rücken mit fortbracht. In Zwinger und Graben sind etwan hundert Mann liegen blieben, darunter sich ernenter Oberster Jahnsohn, ein Hauptmann, und etliche andere Officirer mehr befunden, dabey zweene gequetzschte, die also fest und gefroren gewesen, daß man ihnen auch mit Beilen die Köpffe nicht hat abhawen können. Fünffe sind lebendig in die Stadt bracht, der Oberste, der so gern in der Stadt seyn wolte, und der Hauptman beygesetzt, die andern begraben worden. In der Stadt ist kein einiger Mensch umbs Leben kommen, aber für dem Sturm über der Arbeit sind drey Bergmänner in Schaden gerathen, darunter der eine verstorben.«
Der Oberst Jahnsohn »soll zwar ein statlicher Soldat, doch ein sehr grimmiger und blutgieriger Mensch (wie auch das Gesichte fast außgewiesen) und laut der Gefangenen Bericht des Banners Schwester Sohn gewesen seyn, deßwegen er von selben sehr lieb gehalten und hoch betawert worden«. Wie vom Kampf um Trojas Mauern und wie von der Trauer des Achill um seinen gefallenen Freund Patroklos’ klingt es aus dieser Schilderung des Zeitgenossen, der selbst diese schweren und großen Tage in den Mauern Freibergs mit durchlebt hat.
Nach diesem Sturme war die Stoßkraft des Feindes erlahmt. Nach drei Tagen kam der Stadt Hilfe von kaiserlichen und kurfürstlich sächsischen Truppen. Banner zog sich zurück in der Richtung auf Chemnitz.
Er soll geklagt haben, daß er soviel Verlust gehabt und daß ihm das Glück in allen zuwider gewesen wäre, »sonderlich, daß er für diesem Rattenneste etliche hohe liebe Officirer und über tausend Mann hatte einbüssen müssen«.
Banner dachte aber an Rache! Drei Wochen später stand er wieder mit mächtigem Heere vor der Stadt. 20 000 Mann und etliche 70 große und kleine Stücke sollten die Stadt in seine Hand bringen und er dachte mit Durst die trotzigen Bürger zu zwingen. Die Quell- und Röhrwässer, deren Lage ihm Verräter gewiesen hatte, schnitt er ab und den Münzbach, welcher die Stadt durchfließt, ließ er abstechen und in einen Schacht leiten, so daß dadurch auch die Gruben überschwemmt, der Bergbau zerstört und gefährdet und der heimliche unterirdische Verkehr der eingeschlossenen Stadt mit der Außenwelt auf Gängen und Stollen tief unter Tage behindert war. Gleichzeitig ließ er mit glühenden Brandkugeln die Stadt beschießen. So glaubte er endlich den harten Mut der Freiberger erschüttern zu können. Mit der Drohung, »daß keines Menschen solte geschonet werden, so man sich ferner opponiren würde«, schickte er seinen Generaladjutanten: »Er wüßte, daß nicht viel zu leben und gantz kein Wasser in der Stadt sei« Die tapfere Antwort des Kommandanten dagegen lautete, daß er seiner Pflicht genug tun und sich wehren müste. »Es weren, Gottlob, bey der Stadt noch nirgends solche extrema, daß man nichts solte zu leben haben. Was an Wasser abgienge, were an Wein und Biere vorhanden, und dürffte ihm der General hier keine andere Willfährigkeit als Kraut und Loth einbilden.« Nachdem er noch einige Tage vergeblich vor der Stadt gelagert und manchen Schuß in ihre Mauern gesandt, sah er wohl ein, daß nicht so leichten Kaufes das »Rattennest« auszuheben sei. Nach einer Belagerungszeit von etwa 7 Tagen brach er auf und zog nach Böhmen. Die Stadt war frei! Vor den Feinden draußen hatten die starken Mauern und Türme und der trotzige Mut geschützt, doch wehe, wer schützt die Stadt vor den Freunden? Starke Einquartierungen, Kontributionen, Steuern, Lieferungen drückten die Bürger. Das ganze Land war unsicher. Feindliche Reiter schwärmten überall umher und Marodebrüder folgten wie die Aasgeier den Spuren der Truppen, sei es Freund oder Feind. Die Bestellung der Felder konnte nur mangelhaft erfolgen und »über die grossen herumbstreifenden vielfältigen Kriegsmäuse, hat es auch eine gewaltige Menge kleiner Feldmäuse in Gärten, Äckern und Wiesen gegeben, welche nicht allein das Getreide in Scheunen, sondern auch die Wintersaat im Felde durchfahren und platzweise gefressen«. Wo noch etwas geblieben war, wurde es gestohlen, obschon der Bürger kaum mehr das Brot zahlen konnte.
Drei Jahre gingen so in Not und Sorgen, Kriegsgefahr und drückenden Ängsten und Leiden dahin, eine Zeit, geeignet auch den härtesten Sinn, die stärksten Herzen zu beugen und mürbe zu machen. Da zog sich ein neues Wetter unheildrohend, finster um die Stadt zusammen. Das war das Wetter, aus welchem die schwersten Blitze zuckten und das so recht eigentlich die Feuerprobe für die Türme, Mauern und Bollwerke der Stadt, wie für die silbernen Türme unentwegter Treue der Bürgerschaft werden sollte. Die Schweden rückten mit neuer furchtbarer Macht heran. Tilli war bei Breitenfeld am 23. Oktober 1642 geschlagen und seine fliehenden Truppen eilten raubend und sengend vor den Schweden her, an Freiberg vorbei nach Böhmen. Leipzig war am 26. November gefallen und in der Gewalt des schwedischen Feindes, dem nichts mehr widerstehen konnte, der »das gantze Land in grosse zerrüttung und verderbnüs versetzet«. Wehe dir, kleines Freiberg, du Städtchen, dessen Mauerring nur 2700 m lang und in einem halben Stündchen leicht umschritten ist, dessen Längsachse nur 1000 m, dessen Querachse nur 700 m mißt, dessen Bürgerschaft durch Not und Teuerung, durch Pest und Brandschatzung seit Jahren geschlagen und gepeinigt und mehr und mehr vermindert und verarmt war, du willst mit deinen Mauern und Türmen und deinen wenigen Männern dem Feinde trotzen, dem furchtbaren, erbarmungslosen Torstensson, dem noch keine feste Stadt widerstanden, der sieggewöhnt soeben erst in offener Feldschlacht auf dem blutigen Plane von Breitenfeld 46 Stücke Geschütz eroberte!? Du Städtchen mit deiner Besatzung von nur 290 Soldaten des Kurfürsten, wie willst du der ganzen, von Sieg zu Sieg stürmenden schwedischen Armee trotzen, 8 Brigaden Infanterie, 104 großen und kleinen Stücken Geschütze, 5 Feuermörsern, 700–800 Reitern und noch 3 Reiterregimentern? Wie von einer furchtbaren Lawine wirst du doch hinweggefegt werden, wie von einer Sturmflut, die über dich zusammenschlägt, dich zerschmettert und nur Trümmer hinterläßt! – –
Und dennoch hat sie es gewagt! Sie sprachen trotzig ihr »Dennoch!« und glaubten an das Wort: »Eine feste Burg ist unser Gott!« Täglich wurden in jeder Kirche drei bis vier Betstunden abgehalten und als der Feind Bresche geschossen hatte, hat der Vesper-Prediger Glaser jeden Tag zweimal »und zwar offters mitten unter der Gefahr, und zunächst bey den geschossenen brechen, in mit anhörung der Feinde, die Betstunden gehalten und verrichtet«. Das Gebet war ihr Harnisch, das Gebet war ihre Mauer, die sie bauten, wo die Stadtmauer in Trümmer ging, im Gebet überwanden sie die Schrecken und Verzagtheit, als strömten immer wieder neue Kräfte ihnen zu und verzehnfachten die Zahl, die Kraft und den Mut der Verteidiger. Die starken Kräfte der Seelen, die in unergründlichen Tiefen des Glaubens wurzelten und daraus emporwuchsen, waren die silbernen Türme der Stadt, welche keine feindliche Übermacht erstürmen oder in Trümmer legen konnte. Wenn unser deutsches Volk im tiefsten Innern seiner Seele sich solche silbernen Türme erst wieder baut, dann hat noch heute die deutsche Not ihr Ende, denn stärker als das Schicksal ist doch der Mut, der’s unerschüttert trägt. –
Die Führer in diesem Heldenkampf waren der tapfere Kommandant von Schweinitz und der Bürgermeister Jonas Schönlebe. Als v. Schweinitz zur Übergabe aufgefordert und gefragt wurde, ob er sich wehren wolle angesichts der Übermacht, antwortete er, »der Feldmarschall solle nicht fragen, er würde einen Soldaten an ihm finden.« Er hat dieses Wort eingelöst und dem furchtbaren Ansturme des Feindes getrotzt. Als schwedische Hauptstellung, die stark mit Geschützen besetzt war, war die Johanniskirche und das alte Johannishospital mit seinem Garten ausgebaut. Wo die alten Hospitaliten beteten oder ihre Ruhe genießen wollten, brüllten die Kanonen, wieherten und stampften die Pferde, heulten die glühenden Brandkugeln ihrer Vaterstadt entgegen und donnerten an die Mauer des starken Petersturmes. Der Friedhof um das alte Spittelkirchlein herum war von Schanzen und Laufgräben durchwühlt. Den Toten war ihre Ruhe geraubt, um von dort Tod und Verderben zu säen. Heute noch rauscht dort der grüne Wipfel der mächtigen, ehrwürdigen Spittellinde, der Torstenssonlinde, unter der Torstensson sein Zelt hatte, von wo er, durch die Gicht oft an den Stuhl gefesselt, die Angriffe und wilden Sturmläufe auf das Peterstor leitete, ein lebendiger Zeuge schwerster und großer Tage, ein Natur- und Geschichtsdenkmal von besonderer heiliger Bedeutung.
50 Tage dauerte die Belagerung und Bestürmung, vom 27. Dezember 1642 bis zum 17. Februar 1643, während harter Winterkälte. Immer wieder richtete sich der Sturm mit ungeheurer Wucht gegen das Peterstor. Das Rondell, das starke, im Halbkreis vor den eigentlichen Torturm vorgeschobene Mauerwerk, wurde von den Schweden erobert und bildete nur noch einen Trümmerhaufen. Der Turm selbst war fast ganz zerschossen. Von Stockwerk zu Stockwerk wurden die Geschütze tiefer gestellt, weil Mauern und Gewölbe zusammenbrachen unter dem Gehämmer der aus nächster Nähe feuernden Geschütze. Die vordere Hälfte des Turmes wurde schließlich ganz in Trümmer gelegt, so daß nur noch die Rückwand als zerschossene Ruine in die Lüfte ragte.
Neben dem Turm wurde die Mauer zerschmettert, so daß eine Bresche von 20 Ellen Breite offenen Eingang in die Stadt verhieß. Offenen Eingang – wenn nicht der Wall tapferer Männerherzen als eiserne Wehr die Bresche geschlossen hätte, so daß kein Feind eindringen konnte!