»Als zerbrochen war der Stein,
Stellten Bürger sich zu Mauern.
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Und aus allen offenen Lücken
Tritt hervor manch Angesicht,
Brust an Brust zusammenrücken,
Und die Mauer selber ficht.«
In jenen Tagen war mancher Bürger vier, fünf oder mehr Tage und Nächte auf seinem Posten mit der Waffe in der Hand, das Gesicht zum Feind.
Mit Laufgräben und Mörsern, mit Handgranaten und Minen und Gegenminen wurde gekämpft. Wie ein Bericht aus dem Schützengrabenkriege im Weltkrieg klingt es zuweilen in der Chronik, wenn man liest, wie die Bergleute den Feind beim Bau seiner Laufgräben und Minen belauschten und ihre Gänge dagegen trieben, Wasser hineinschlugen oder mit Feuer und Pulver entgegenarbeiteten. Der Feind suchte den Mut der Verteidiger, der tapferen Bürger, vor allem dadurch zu lähmen und zu brechen, sie von den Mauern wegzulocken und die Verteidigungskraft zu zersplittern, daß er ihre Straßen und Häuser immer wieder in Brand zu schießen unternahm. Wenn ihre Häuser brennen und von ihren Dächern die Brunst zum Himmel lodert, so war seine Rechnung, sucht jeder das Seine zu retten. Die gierige Flamme im Rücken der Verteidiger sei der Bundesgenosse. Feuerballen und Granaten wurden in die Stadt geworfen. Pechkränze und brennende Lunten zusammengebunden, mit Schwefel untermischt und dergleichen Mittel der Brandstiftung fielen auf Straßen und Dächer tagaus tagein, fielen und entzündeten manche Feuersbrunst, fielen auch und verlöschten. Was aber nicht fiel und verlöschte war der Mut der Verteidiger. Da versuchte es der Feind mit Drohung und mit Verheißung: Wenn die Stadt sich nicht ergeben wolle, ließ er dem Woledlen, Vest- und Mannhaften Herrn Obrister Leutenant und Commandeur und durch ihn der ganzen Bürgerschaft sagen, so habe sie »sich dieses gäntzlich zu versehen, daß nicht allein die Stadt und Bürgerschaft mit Fewer und Schwerd zu grund gerichtet, sondern auch Weib und Kind nicht verschonet, und also verfahren werden, daß andere obstinate Örter ein Exempel daran haben sollen«. Der Kommandant würde selbsten, »weil er einig und allein ursache an dem unschuldigen Blut, so vergossen werden möchte, und keine gütliche Offerten annehmen will, nicht als ein cavallier tractiret werden.«
Welche schwere Versuchung für ein schwaches, ängstliches Herz, für friedliche, stille Gemüter, die nur in Ruhe ihrer Arbeit, ihrem stillen Berufe leben und verdienen wollten, jetzt nachzugeben, schwach zu werden, die Tore zu öffnen und den so freundlichen Feind, der so viel versprach, einzulassen! Dem aussichtslosen Kampfe, dem doch keine Märtyrerkrone winkte, diesem Schrecken ohne Ende, ein glimpfliches Ende zu bereiten, ein glimpfliches, nicht ein schimpfliches, denn der »Ehre« war schon genug getan, mehr als in andren deutschen Städten mit stärkeren Mauern und Türmen! – Doch nein, in Freiberg schlugen Heldenherzen unter dem Bürgerrock wie unter der bunten Jacke des Soldaten. Die Stadt hielt stand, weil kein Verräter sich fand. Die Stadt hielt stand, weil in der Bresche Männer als lebendiger Wall todesmutig den Angriffen wehrten, die Stadt hielt stand, denn ihr Spruch lautete »urbis salus est civium concordia«, das Heil, die Rettung der Stadt ist die Eintracht der Bürger! concordia bedeutete hier mehr als nur Eintracht, es war das Zusammengeschmiedetsein der Herzen, zusammengeschmiedet durch Not und Tod zur Einheit für Leben und Sterben. Nur solche concordia konnte die Rettung sein.