Die Antwort auf die Drohung und Verheißung des Feindes war, daß man dem Kurfürsten die Treue halten müsse, und im übrigen »dahin es lassen muß, was Gottes Allmacht schicken wolle«.
Ähnliche tapfere Worte klingen noch mehr herüber. Auch auf die furchtbarsten Drohungen »es würde keines Menschen, auch des Kindes im Mutterleibe nicht verschonet«, merkt man kein Schwanken in der mannhaften Sprache, keine Übergabe: »Der Feind solle erfahren, daß so viele redliche ehrliche Leute in der Stadt finden würde, die ihr Eyd und Pflicht in acht haben, und biß auff den letzten Blutstropffen ritterlich fechten, ja auch lieber sterben als zugeben würden, daß diese freye Bergstadt und die ihrigen unter das schwedische Joch gelangen solten«.
Torstensson war es jedoch Ernst mit seinen Drohungen. Er unternahm den Generalsturm auf die unglückliche Stadt, indem er zunächst durch eine furchtbare Beschießung sie sturmreif zu machen suchte. Zwei Tage lang hat er sie bombardiert und 2500 Stück Schüsse in ihre Mauern geschleudert. Dann kam der eigentliche Sturm »mit unaussprechlicher furi und Geschrey« zugleich auf das Peterstor, Erbische Tor und Meißner Tor. Der Hauptangriff galt dem Peterstor, »da zugleich mit und unter den stürmen die Feuerwerker, theils aus Mörseln, große schreckliche Hauffen Steine, Ballen und Granaten in die Stadt geworffen, theils aus groben Stücken auf die breche gespielet, und sonsten Creutzweiß und also hefftig durch die Häuser flanquiret, daß alles erbebet, und ein solcher lerm in der Stadt worden, als wenn Himmel und Erden ineinander gingen«.
Während dieses furchtbaren Sturmes lag alles Volk, das nicht Waffen führte, in den Kirchen betend auf den Knien und alle Glocken läuteten und trugen mit ihrem Dröhnen den Notschrei der Stadt zum Himmel empor, um schließlich mit dem Sange des Te Deum laudamus den Dank der Erretteten emporzujubeln.
Auch dieser furchtbare Angriff wurde zurückgeschlagen, so daß die Feinde unter großem Verlust sich zurückziehen mußten »in großer confusion«, wobei »aus Stücken mit Hagel und Kardetzschen, wie auch aus Doppelhacken, gezogenen Röhren und Musqueten, noch großen schaden unter ihnen gethan, ohne was durch ihr eigenes hefftiges schiessen wider die brechen und Thürme geschehen, dadurch sie selbst von zurück schlagenden Stückkugeln nicht wenig verletzet, theils auch mit Steinen verfallen, und übel beschädigt worden«. Bei diesem Kampfe hat jeder, der kämpfen konnte, die Waffe geführt. Der Kommandant Georg Hermann von Schweinitz an der Spitze, nicht nur in Worten tapfer, hat »sich tapffer und rühmlich sehen lassen, indem er nicht allein in allen gute anstellung gemacht, und stets bey der höchsten Gefahr sich funden, sondern auch selbst aus einem Schießloch am Thurme, zeit wehrenden Sturms, Fewer gegeben, und Granaten außgeworffen, daß er dadurch vom Pulver im Gesichte verletzet, und ihm der eine Schenkel blaissiret worden«. Seinem Beispiele der persönlichen Tapferkeit folgten die Offiziere, Soldaten, Ratsherrn und Beamten, Bürgerschaft und Bergleute. »Ist auch jedermann darby unerschrocken, mutig und frewdig gewesen, also daß etliche Mußquetirer, ungeschewet aller Gefahr, und des so grimmigen Schiessens, auff die brechen gesprungen, mit Morgenstern und Schlachtschwerdten agiret und Fewer auff den Feind im Graben gegeben. Die eine Seite des Zwingers, da die breche am niedrigsten und gefährlichsten gewesen, haben die Bürger, welche unter die Defension Fahne gehören, innen gehabt, und männlichen beschützt, dabey sich der Stadt Leutenant Peter Schmol befunden, und tapffere Gegenwehre gethan.«
An diesen wackeren Peter Schmohl erinnert uns heute noch der letzte Rest des Stadtmauerturmes am Peterstor, der uns an jener Stadtseite erhalten geblieben ist aus der Heldenzeit der Stadt. Es ist der letzte Stumpf des alten Rotgießerturmes, den Schmohl verteidigte. Wenig beachtet und kaum verstanden steht er im grünen Rasen und über ihm rauschen die hohen Bäume. Was könnte er wohl erzählen aus jenen Tagen des Sturmes, als die weiße und die blaue schwedische Brigade heranrückte mit fliegenden Fahnen und vollem Spiel, mit Leitern und Sturmgerät, und des kleinen Häufleins todesmutige Tapferkeit dennoch den Sieg errang! Diese wenigen Steine, dieser schlichte Mauerrest verkörpert Geschichte, die mit der stolzesten Heldensage aller Zeiten sich messen kann. Noch ein anderes schlichtes Zeichen, das sich im Altertumsmuseum befindet, erinnert an den tapferen Peter Schmohl. Es ist der Ehering, den er einst seiner Gattin Catharina am 3. Februar 1635 in der Nikolaikirche an den Finger gesteckt. Sie mag in den Tagen der Belagerung und des Krieges besonders schwer getragen und gelitten haben, da sie ihren Helden kannte, der sich nicht schonte, den sie stets an dem gefährlichsten Posten wußte. Sie mag durch Seelenstärke ihm eine starke Stütze gewesen sein. Eine treue Gattin und Mutter war sie, und ihre Ehe war ein glückliche und kinderreiche, denn es entstammten ihr 7 Söhne und 7 Töchter. – Beim Bau der 3. Bürgerschule auf dem Gelände der alten Nonnen- oder Jakobikirche stieß man im Jahre 1902 auf die Schmohlsche Gruft und fand außer den Resten eines braunen Sammetkleides den Trauring. Der künstlerisch schöne goldene Reif, wohl eine Arbeit Samuel Klemms, zeigt äußerlich ein zierlich gestaltetes Sternenmuster, innerlich die Inschrift: »Peter Schmol den 3. Febru. 1635« auf schwarzer Emaille. Nicht ohne Rührung schaut man diesen Ring, der für das Leben des alten Freiberger Helden von so großer Bedeutung war, und damit vielleicht auch für das Schicksal der Stadt in schweren Tagen wichtige innere Werte umschloß. Seine Sterne haben nicht getrogen. – Auch das Wappen Peter Schmohls erzählt von seiner Art und entsprach seinem Leben und seinen Taten. Es zeigte einen bewehrten Arm mit einem Säbel in der Faust, die Helmzierde trägt drei Straußenfedern. Er war ja der tapfere Arm seiner Vaterstadt, ein Kriegsmann, der schon in der Schlacht bei Lützen und bei Nördlingen unter den Schweden gekämpft hatte, ehe er heimkam und der Heimat diente. Am alten Zinnpokal der Freiberger Defensionerschaft im Museum mit der Jahreszahl 1639, der auf dem Deckel einen alten Defensioner in Eisenrüstung trägt, ist dieses Wappen im Lorbeerkranz an bevorzugter Stelle angebracht mit der Inschrift:
PETTER SCHMAL. LEUTENAMPT.
Er war der erste Vorsteher der Gesellschaft und hat vermutlich den Pokal mit anderen Mitgliedern unmittelbar nach seiner Ernennung zum Defensionerleutenant gestiftet. Die schöne Form des Pokals mit dem Schmuck der angehängten Münzen und den Gravierungen zeugt ebenso wie der künstlerisch feine Ring dafür, daß Schmohl nicht ein roher, ungebildeter Kriegsmann war, sondern daß lebhaftes Schönheitsempfinden in ihm lebendig war.
Drei Dinge erinnern so an Peter Schmohl, drei Dinge, die viel sagen und zu deuten vermögen: Der Turm, der Ring, der Pokal, der mannhaft erfüllte Beruf, die glückliche Ehe und die Geselligkeit mit wackeren Männern, welche wie Sinnbilder die Summe seines Lebens, die Sinnesart und die Taten dieses echt deutschen Mannes und Kämpfers für die Heimat erklären, eines Mannes, dessen Freiberg dankbar gedenkt. Er stand auf schwerstem Posten bei der Belagerung und mit wenigausgebildeten Leuten, die sonst nur gewöhnt waren, ihren friedlichen Beschäftigungen nachzugehen, denen er erst seinen Heldengeist einhauchen mußte durch Wort und Beispiel und rücksichtsloses Einsetzen seiner Person. Seinem Namen begegnen wir in den Berichten auf Schritt und Tritt und können ihn noch zwischen den Zeilen vielfach lesen: Peter Schmohl einer der besten Söhne Alt-Freibergs in schwerster Zeit!
50 Tage dauerte die Belagerung, 50 Tage, von denen jeder mit neuer Not und Gefahr, mit neuen Leiden, Sorgen und Ängsten blutigrot am Morgenhimmel emporstieg und blutig in der Nacht versank. Der Mut der Verteidiger blieb unerschüttert. In immer neuen Ausfällen und tapferster Gegenwehr taten sie dem Feinde Abbruch, wenn auch der Entsatz und die Hilfe, welche der Kurfürst versprochen hatte, und das kaiserliche Heer, welches sie von Böhmen erwarteten, länger und länger auf sich warten ließen.