Die Not in der Stadt stieg immer höher, und sehnsuchtsvoll schaute man von den Türmen in die Ferne nach Frauenstein, wo die Straße zu den Höhen des Gebirges sich emporzieht, ob nicht die Kaiserlichen nahten. Jede ungewöhnliche Bewegung bei den schwedischen Belagerern wurde als hoffnungsreiches Zeichen nahender Hilfe gedeutet und brachte doch immer wieder Enttäuschung. Am 23. Januar hatte ein wackerer Bergmann, der sich bis zum Feldmarschall Octavio Piccolomini nach Böhmen durchgeschlagen und heimkehrend von den Schweden vor der Stadt aufgefangen, ihnen aber wieder entwischt und in die Stadt zurückgelangt war, Briefe des Feldmarschalls gebracht, daß er in wenig Tagen die Stadt entsetzen werde und daß sie bis dahin, »wie bishero zu ihrem unsterblichen Ruhm geschehen, dem Feinde noch mehrere gute Resistenz erweisen, und zu keinem accord sich einlassen« solle. Dieses Schreiben ist »der Stadt sehr tröstlichen gewesen«, aber 25 Tage lang wurde jeder Tag eine neue Enttäuschung, denn das kaiserliche Heer kam nicht. Immer wieder sandte man Botschaft an den Kurfürsten nach Dresden und nach Böhmen an Piccolomini. Aus allerlei Zeichen des Himmels suchte man Trost und Hoffnung zu gewinnen. Bald war es ein schwarzes Kreuz, das am Himmel stand und sich zum Feinde hin bewegte, bald war es brausender Sturm mit Donner gleich einem Erdbeben, ein Ungewitter, das mit Feuer und Wasser den Feinden schadete, die Stadt aber verschonte, bald waren es feurige Kugeln am nächtlichen Himmel, welche rotfeurige Strahlen von sich gaben, bald hat es beim Feinde Blut und Feuer geregnet, ohne daß die Stadt etwas davon verspürte, bald sind Kinder und Bürger der Stadt in wunderbarer Weise vor Schüssen, die ihre Umgebung zerschmetterten, unverletzt bewahrt geblieben, bald sind Minen und Schüsse, welche der Stadt galten, den Feinden selbst verderblich geworden. Alle diese tröstlich ausgelegten und empfundenen Zeichen änderten aber nichts daran, daß täglich die Lage der Stadt schlimmer wurde und der Grimm der Feinde, die Gewalt der Angriffe mit allen Mitteln, namentlich mit Minen, Handgranaten und Feuer von Tag zu Tag furchtbarer wurden. Am 9. Februar geriet das Peterstor in die Gewalt der Schweden, und ihre Schüsse fegten von dort in die Petersgasse und ihre Häuser, auf die Mauern und Türme, welche von dort im Rücken oder Flanke beschossen werden konnten. Doch grimmig wehrte sich der Freiberger Löwe: War auch das Tor gebrochen, die Straße, den Weg gab er nicht frei. Eine starke Batterie wurde in der Petersstraße gebaut, welche das jetzt feindliche Tor unter wirksames Feuer nahm, so daß der Feind sich in die unteren Torgewölbe zurückziehen mußte. Alle Häuser der Petersstraße wurden durchbrochen, so daß sie wie ein Wehrgang untereinander verbunden und mit Musketieren stark besetzt zu feuer- und verderbenspeienden Mauern werden konnten, falls der Feind hätte weiter vordringen wollen. Der Schwede erkannte wohl, daß dieser Weg in die Stadt, den nicht mehr Mauern, sondern eine eiserne Wehr von Männern verriegelte, ein Todesweg für ihn sein würde und wagte sich nicht weiter vor zwischen die grimmigen Tatzen des Löwen.

Der letzte wilde Verzweiflungskampf der Stadt schien heranzunahen. Doch auch bei den Feinden machte sich Unruhe bemerkbar, da sie wohl Kunde hatten vom Heranrücken des kaiserlichen Heeres. Am 10. Februar langten Boten in der Stadt an, daß in längstens acht Tagen die kaiserliche Armee Freiberg befreien werde und ihre Ankunft durch ein oder zwei brennende Häuser in Lichtenberg und durch Kanonenschüsse von der Höhe melden würde. Diese Frist war noch eine harte Probe für die Verteidiger, denn der Feind setzte alles daran, die Stadt noch zu gewinnen. Tag und Nacht dauerte das Schießen und das Granatenwerfen. Granaten von 1 Zentner Gewicht fielen in die Straßen und auf den Obermarkt, töteten Bürger und richteten manchen schweren Schaden an. Mit Minen wurde ein unterirdischer Kampf geführt: »Abends sind des Feinds Minirer und die Bergleute in der Stadt unter der Erden so nahe zusammen kommen, daß die Bergleute den Feind hören reden.« Auch durch Verhandlungen und Versprechungen suchte nochmals der Schwede die Stadt zu gewinnen. Alles vergeblich, alle Versuche prallten an der todesmutigen, stahlharten Treue wirkungslos ab.

Man glaubte mit allen Fasern des Herzens an die baldige Erlösung, und als in der Nacht vom 15. zum 16. Februar die verabredeten Zeichen die Nähe des kaiserlichen Heeres kündeten, konnten weder Drohungen noch glatte Worte, noch alle Wut des Ansturmes den tapferen Mut mehr erschüttern.

Das Morgenrot des 17. Februars 1643 brachte die Befreiung aus der furchtbaren Not. Der Feind rückte ab, die Stadt war frei. Staunend sahen die kaiserlichen Offiziere, an ihrer Spitze Oktavius Piccolomini, was die Stadt geleistet, und man hat sich verwundert, »wie man gegen einen dermaßen mächtigen und grimmigen Feind solchen Ort also lange halten können; deßwegen auch die Standhafftigkeit, Fleiß und tapffere Gegenwehr der redlichen Guarnison und trewen Bürgerschafft hoch gerühmet«.

Der Feind aber hat die »Stadt Freybergk verwüntschet und verfluchet, und das schöne Volk beklaget, so dafür sitzen blieben«. Man hätte Nachricht, »daß über dreytausend Mann für der Stadt sich verlohren: Man hette ingemein die Stadt nur die Hexenstadt genennet, und dafür gehalten, es gienge mit zaubern zu, daß man bey so überaus grossem Ernste eine Landstadt nicht gewinnen könte«. »Der General Torstensohn were darüber so erzürnet gewesen und hette ihm gäntzlich fürgesetzet, außzutawren, und die Stadt sambt aller Zubehör ohne Schonung einiges Menschen in grund zu schleiffen«.

4500 Schüsse aus großen Kanonen, etliche hundert Würfe aus Mörsern, 14 Minen hat er angebracht und hat dennoch, trotzdem er »schon den Stadtgraben, Zwinger, und das eine Thor, sambt den beygelegenen Thurm in seiner Macht gehabet, und die Ringmawer auff etliche zwantzig Ellen also niedergefüllet, daß er ebenes Fusses in die Stadt lauffen können, sich doch derselben nicht vollends bemächtigen mögen«. Wohl nie zuvor war das Te Deum laudamus so »mit hertzlicher Freude und Andacht« gesungen und im jubelnden Dankgottesdienst das Jauchzen der Erlösten zum Himmel gestiegen, und auch nach den Predigten so froh »mit allerley instrumenten lieblich musiciret« worden, um den Dank emporzutragen, als bei dem Dankfeste am 26. Februar 1643. Der Feind hatte gar übel draußen gehaust. Die Hospitalkirche war verwüstet und entweiht, Gestühl, Kanzel, Emporen, Bilder usw. verbrannt und zerstört. Häuser waren abgebrochen, verbrannt und vernichtet, Balken ausgeschnitten, Tür und Tore ausgerissen, die Obstbäume nah und fern abgehauen. In den Bergwerken waren »die Fahrten verderbet, der Vorrath an Ertzen verschüttet, die Wercke, Glethe, Herd und anders in Hütten weggenommen, die Räder und Wellen zerhawen, die Öfen eingerissen, die Künste und Zeuge verbrennet und solcher schade geschehen, der nicht genugsam kan geschätzet noch beschrieben werden.«

Die festen Mauern, die festen Tore und Türen haben nicht dem Ansturm des Feindes standgehalten, die festen Herzen blieben unerschüttert, sie blieben stärker als das Schicksal! – – – –

Im Albert-Museum zu Freiberg liegt im Kleinodienschranke eine schimmernde, kunstvoll aus massivem, goldenem Bande geflochtene Kette. Kaiser Ferdinand III. hat sie als Lohn und Dank für die tapfere Verteidigung nach der Belagerung dem wackeren Bürgermeister Jonas Schönlebe verliehen und ihm zugleich den Adel angeboten. Für die Stadt hatte Schönlebe seine ganze Kraft und Leben, seine ganze Persönlichkeit eingesetzt und mit ihm seine Freiberger bis zum letzten Mann. Wenn er diesen goldenen Schmuck sich über die Schulter legte, so trug in ihm die ganze Stadt gleichsam dieses Kleinod als Ehrung für ihren Mut, ihre Treue und Tapferkeit, ein unschätzbares Sinnbild und redendes Zeichen von der Treue wie Gold. Mit leuchtenden Worten singt es und sagt es seit Jahrhunderten und in die kommenden Tage hinein von der Ehre der Stadt, der alten, freien, getreuen Bergstadt, von der Stadt mit den silbernen Türmen, den Türmen der Treue, von festen Mauern und festen Herzen.

Gesichte und Geschichten vom Freiberger Rathaus.

Aus dem Stadtplan von Freiberg kann man auch die Entwicklungsgeschichte der alten Stadt lesen, die in großen unverwischbaren Zügen ihr aufgeprägt ist. Der Stadtplan ist gebaute Geschichte. Da ist die erste dörfliche Siedlung des alten Christiansdorf in den unregelmäßig und scheinbar willkürlich sich zusammenschließenden Gassen der Sächsstadt erkennbar, da zeigt sich die Unterstadt mit dem Untermarkt und Dom als weitere Stufe der Entwicklung zur Stadt und endlich schließt das Gründungswerk Ottos des Reichen und seiner Nachfolger die Stadtbildung ab. Die westliche Hälfte der Stadt mit dem Rechtecksschema des Straßennetzes, das sich an die von Norden nach Süden durchlaufende Hauptachse des Straßenzuges der Erbischen Straße und Burgstraße anschließt, verrät deutlich und klar die ordnende Hand des Städtebauers, der nach bestimmtem Plane Straßen und Plätze anlegt und die Bauflächen absteckt und schließlich das Ganze mit starker, wehrhafter Mauer umgibt. Im Herzen der ganzen Anlage, dort wo der Hauptverkehr vom Peterstor und Erbischen Tor und von den anderen Himmelsrichtungen her zusammenströmt, liegt der große, rechteckige Obermarkt mit dem Rathause. Dort erhebt sich in unmittelbarer Nähe am höchsten Punkte der Stadt mit dem höchsten Turme der Stadt die Peterskirche als Hauptpfarrkirche der neuen Gründung und bereichert durch ihre wirkungsvolle Baugruppe das Stadtbild. Der Obermarkt selbst ist ein Meisterwerk geschlossener Raumbildung und wirkt mit seinen harmonisch gebildeten Häuserwänden und hohen, altertümlichen Dächern wie ein gewaltiger Saal unter freiem Himmel. Die Türen, welche in diesen stolzen Saal hineinführen, die Straßenöffnungen, sind so geschickt angelegt, daß nirgends die Geschlossenheit der Wände unangenehm unterbrochen wird. Es sind keine Prachtgebäude mit üppigem Beiwerk, mit sprudelndem Reichtum der Formen und Ornamentik, von denen eins das andere wohl überbieten möchte, nein es sind einfache schlichte Glieder einer großen Familie, die zusammengehören und zusammenhalten, die ihr bescheidenes Gewand mit Würde tragen. Es sind anständige, ehrenfeste Bürger, die dort um den Markt sich sammelten und nun Schulter an Schulter stehen. Nur hie und da ein reicheres Portal, ein Giebel, ein Erkerchen, ein Bildwerk, eine schöne Haustür unterbricht die Schlichtheit und Ruhe der Fassaden ohne viel Gesimse, Fensterumrahmungen und Ausladungen.