Doch nicht genug »der außgestandenen so grossen Noth, Angst, Elendes und Jammers, so sich diese zeit über bey der guten Stadt Freybergk befunden!« Die Schlacht bei Lützen war geschlagen, der Schwede rückte heran und trieb die kaiserliche Armee vor sich her. Da ließ »der Commendant anfahen, und die schöne grosse Vorstadt mit allen Forwercken fürm Meißnischen Thore, wie auch die eine Seite fürm Petersthore, sambt der Viehgassen anzünden, und in die Asche legen. Was nicht brennen wollte, ward niedergerissen, oder sonst durchlöchert und verwüstet, und geschach diesen und hernachfolgende Tage mit abbrennen und niederwerfung derer so alten wolgebawten und weitläufftigen Vorstädte, und schönen Forwercken, Scheunen, Mühlen und anderen sowol gemeinen als Privat-Gebäuden solcher Schade, der nicht genugsam zu schätzen.« Sogar die Friedhöfe entgingen der Vernichtung nicht, indem »auch die schönen Bogen und Mawren eingerissen, und alles schändlichen verwüstet« wurde. Doch alle diese furchtbaren Leiden hatten den Mut und die Treue der Bürger und des Rates nicht gebrochen. Die Hammerschläge des Schicksals hatten ihre Herzen fest geschmiedet. Es leuchtet ein Wort aus jenen dunklen Tagen wie ein silberner Turm herüber in unsre dunkle Zeit, dessen strahlende Zinne echter Mannesmut und echte, in Schicksalsglut gehärtete Treue ist. Der Schwede, mit dem der Kurfürst verbunden war, rückte heran, der Feind in der Stadt richtete sich auf eine Belagerung ein und wollte ihm trotzen.

Da rief der kaiserliche Kommandant Mohr vom Walde die Bürgermeister der Stadt und etliche Ratsmitglieder zu sich, ob sie zu ihm halten und die Stadt mit ihm verteidigen wollten: Er habe Befehl, sich, solange er könnte, zu halten, hernach aber auf das Schloß sich zurückzuziehen und die Stadt an 20 Orten in Brand zu stecken. Die tapfere Antwort war, »daß sie wider ihren gnädigsten Landsfürsten, und ihm geleistete Pflicht, derer sie noch nicht loßgezehlet weren, nicht thun könnten noch wollten, hetten deßwegen einmütig beschlossen, wo sie mit dergleichen Anmutungen nicht könnten verschonet werden, lieber die Stadt und alles das ihrige zu verlassen, da sie auch gleich betteln gehen solten, als wider Pflicht und Gewissen, auch wider die löblichen exempla ihrer in Trewe hochberühmten Vorfahren zu handeln. Bäten den Herrn Commendanten, ihrer und der armen Bürgerschaft hierinnen gnädig zu verschonen. Wo es aber nicht seyn könte, ihnen zu vergönstigen, daß sie mit Weib und Kindern dürfften abziehen, und sich nach Dresden begeben.« Es klingt der Trotz des Lutherliedes aus diesen Worten. Es waren nicht leere Worte schlauer Berechnung, denn dazu war man zu tief durch Blut, Brand und Greuel des Krieges gewatet. Man kannte den Gegner nur zu gut und hatte am eigenen Leibe verspürt, was die Wut und Zuchtlosigkeit des Feindes bedeutete. Nicht leere Worte, sondern opferbereite, tatenmutige Entschlossenheit war das Wort:

Nehmen sie den Leib

Gut, Ehr, Kind und Weib,

Laß fahren dahin

Sie habens kein Gewinn

Das Reich muß uns doch bleiben.

Doch es kam nicht zum Äußersten: der Kommandant bekam plötzlich Befehl vom kaiserlichen Hauptquartier in Böhmen, die Stadt zu räumen. Das war die Rettung vor dem angedrohten furchtbaren Schicksal. Nachdem noch die wilde Soldateska Tag und Nacht geplündert und gebrandschatzt hatte und man von der Stadt noch 900 Taler Kontribution erpreßt hatte, rückte der Feind über das winterliche Gebirge nach Böhmen ab, die Wagen mit gestohlenem Gute der Stadt und der Bürger gefüllt. Hinter ihm jagte aber die Angst vor dem Schweden. Auf rauhen Wegen im tiefen Schnee, auf steiler vereister Straße blieb manch Wagen mit reicher Beute stecken und manches kostbare Stück aus Silber, Zinn oder Kupfer, welches beim Rückzug hinderlich war, wurde auf die Straße geworfen. Manch Bäuerlein oben im Gebirge mag da ein kostbares Stück heimlich auf einsamem Hofe geborgen haben.

Die Stadt war frei nach einer furchtbaren Leidenszeit von zwei Monaten. Tore, Mauern und Türme waren hart mitgenommen, aber die silbernen Türme des Mutes und der Treue waren ungebrochen.

Immer wieder und wieder tobten die Stürme und Wetter des unseligen Krieges um diese Türme und Zinnen der Stadt. Es war die Zeit, wo jeder Soldat an sich schon Feind des Bürgers war, ob nun lutherisch oder papistisch, ob kaiserlich oder sächsisch oder schwedisch. Der Feind von heute konnte morgen der Freund sein, mit dem man Schulter an Schulter kämpfte, der gemeinsame Feind der Soldaten war aber der Bürger und Bauer, den zu schinden ein Teil der Soldatenfreude und des Lohnes war.