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Die anderen Tore schienen wohl auch für die Ewigkeit gebaut zu sein. Doch was durch Jahrhunderte feindlichen Stürmen Trotz geboten und der Stadt und ihren Bürgern als Schutz und Hort gedient hatte, das mußte unter der Spitzhacke dieser Bürger fallen.
So sank ein prächtiger, wehrhafter Torbau nach dem andern, ein malerisches Bild alter Stadtherrlichkeit nach dem andern dahin. Wenn man die alten Darstellungen der Tore betrachtet, so könnte man glauben, jene Zeit der Spitzhacke, des Meißels und Brecheisens sei blind und gefühllos gewesen gegen die reizvolle Schönheit und gegen den Zauber der Geschichte, welcher die alten Türme und Mauern mit ihren Ranken umsponnen hielt. 1846 fiel z. B. das Erbische Tor, das einen Ludwig Richter zu einer entzückenden Kupferradierung begeistert hatte. Wie ein Blick auf das Juwel mittelalterlicher Stadtschönheit, auf Rothenburg ob d. Tauber, wirkt dieser Ausschnitt aus Alt-Freibergs verlorener alter Herrlichkeit. Aus tiefem Wallgraben rauschen die Baumwipfel empor, aber höher steigen die trotzigen Türme und Mauern, über welche Giebel und Dächer schauen, und zwischen ihnen der Torturm des Erbischen Tors, feingegliedert, auf vierkantigem Unterbau achteckig aufragend. Acht große ovale Schießluken für die schweren Geschütze und darüber, getrennt durch ein glattes Gesimsband, acht schmale horizontale Schießschlitze sind der wirksame und zweckvolle Schmuck des wuchtigen Bauwerkes. So friedlich und gar nicht kriegerisch mehr schaut das Tor darein.
Die vier letzten, alten, eisernen Kanonen, welche einst grimmig von hier oben hinabdrohten, wurden 1802 verkauft und der Erlös wurde zur Stärkung der Laternenkasse verwendet, die zur Einrichtung einer öffentlichen Beleuchtung gegründet war. – Liegt nicht darin die ganze Behaglichkeit des Spießbürgers, den Krieg und Kriegsgeschrei nicht stört, weil er meint, ihm sei der Friede sicher und der Krieg dahinten weit in der Türkei so fern, so fern, und doch stand Mars schon drohend am Himmel und die apokalyptischen Reiter hatten ihre Rosse gezäumt zum Ritte durch Deutschlands blühende Fluren und auch Freibergs Gassen in der napoleonischen Zeit. Hier, auf unserem Bilde von Ludwig Richter, sind diese schweren Tage vorübergebraust und das friedlich behagliche Leben macht sich wieder breit und vergißt so gern die dunklen Tage. Zum Turme staffeln sich auf, wie mächtige Stufen, die Mauern des »Rondells«, des Vorhofes oder Vortores. Stolze Pappeln stehen wie ragende Wächter daneben und breite Baumkronen lehnen sich an das alte Mauerwerk. Im Vordergrunde aber bewegen sich die lieben Gestalten, mit welchen Ludwig Richters sonniges Kinderherz in stets wechselnder Fülle seine Werke zu beleben wußte. Der vornehme Bürger mit hohem Hut, der seine zwei Damen im Reifrock auf dem Walle spazieren führt, zwei Bergleute in ihrer altertümlichen, charakteristischen Tracht, die Bauersfrau, welche ihren schweren Korb zu Markte trägt, das dralle Mädchen mit einem wackeren Handwerksmeister, Hunde und Zicklein und fernes Gewimmel. –
So friedlich und freundlich diese Bilder ausschauen, so bittere Not, Wunden und Tod haben doch diese Mauern gesehen, wenn der Feind vor ihnen lag, die Häuser der Vorstädte brannten und die Pest und der Hunger durch die Gassen schlich und mit knöchernem Finger an die Pforten pochte. Das waren die Notzeiten und Heldenzeiten der Stadt, wenn Kriegsstürme diese starken Mauern und Türme umtobten und manch wackeres Stücklein von trotzigem Bürgermut und unverzagter Treue aus harter Faust und festem Herzen sprang. Not lehrt beten und Not macht Helden! Eintracht bricht Not! Das Peterstor war es vor allem, dem immer wieder die Wut der Feinde, die furchtbarsten Angriffe galten. Seine stärkste Probe mußte dieses Bollwerk mit seinem gedrungenen vierkantigen Turme und mächtigem Rondell im dreißigjährigen Kriege aushalten. Doch was nützen Mauern und Türme, wenn nicht heldenmütige Treue die Wache hält. Es ist ein Ruhmesblatt von höherem Werte als ein Blatt von jenem silbernen Baum einst im Turnierhofe zu Nordhausen, welches sich hier tapferer Soldatengeist und Bürgermut für alle Zeiten errang.
Furchtbares hatte die Stadt bereits erlitten. Plünderungen und Kontributionen von Freund und Feind, Einquartierungen, Seuchen und Brandschatzungen.
Besonders schwer war das Jahr 1632. Bald waren churfürstliche Truppen, bald Wallensteins Regimenter, bald die berüchtigten Horden des Holck, bald kaiserliche »Krabaten«, bald Böhmen oder andere Völker in der Stadt oder vor ihren Mauern. Dann kam der kaiserliche General Feldmarschall Graf von Gallas auf Wallensteins Befehl Ende September mit großer Übermacht und bombardierte die unglückliche Stadt. Granaten bis zu 90 Pfund hämmerten auf das Peterstor mit furchtbaren Schlägen und auf die Straßen, und Brandgeschosse »viel Fewerballen« fielen auf der Petersgasse und Fischergasse auf die Dächer der Häuser immer und immer wieder und bedrohten mit Feuersbrunst die Stadt. Den tapferen Verteidigern, welche schon 300 feindliche Soldaten erschossen, ging die Munition aus und an Lebensmitteln war Mangel, der Feind legte die Sturmleitern an und hat »dannenhero hoher Beträwungen verlauten lassen, alles ohne unterscheid nieder zu hawen, und die Stadt gäntzlicher zu verderben, wo sie nicht ohne ferneren verzug auffgegeben würde, ist der Schrecken in der Stadt bey den Einwohnern und Eingefleheten desto grösser worden, und ist dieses eine recht ängstliche Nacht, und die Stadt in grosser Gefahr gewesen.« Die Stadt mußte sich ergeben und den übermütigen Feind in ihre Mauern lassen. Die kurfürstliche Garnison mußte die Waffen ablegen und erhielt freien Abzug. Von den Bürgern wurden aber 50 000 Reichstaler verlangt als Ablösung für die Plünderung innerhalb 3 Tagen aufzubringen. Auf inständiges Bitten wurde durch Vermittlung des Feldmarschall-Leutnants Holck diese Summe auf 30 000 Taler ermäßigt. Da aber die Bürgerschaft schon zuvor für die Garnison an Verpfleggeldern innerhalb 6 Wochen 45 143 Taler, 5 Groschen, 3 Pfennige hatte aufbringen müssen, so war sie »dermassen erschöpffet und verarmet, daß aller Vorrath hinweg, und bey vielen mehr nicht als das liebe Leben übrig. Drumb gab es wegen Einbringung dieser hohen Rantzion große difficulteten, und mußte alles, was noch etwan an güldenen Ketten, silbernen Bechern, Gürteln, Messerscheiden, und dergleichen Geschmeide bey einem oder dem andern vorhanden, herausgegeben werden.«
So wurde zwar die Stadt vor der Plünderung noch bewahrt, aber tief und bitter war noch trotzdem der Leidenskelch, den die unglückliche Bürgerschaft leeren mußte. Die Bürger mußten ihre Waffen und Harnische abliefern und wehrlos gemacht, wurden sie durch übermütige Einquartierung geschunden, gepeinigt und ausgesogen und »also ausgezehret, daß der Vorrath an victualien und fourage aller gantz dahin, und nicht ein bißlein Brods mehr bey den Becken, oder ein trunck Biers, viel weniger etwas von Saltze, Gewürtze, und anderer Nothdurfft zu bekommen, deßwegen auch etliche Personen auff den offnen Gassen niedergefallen, verschmachtet und Hungers gestorben.« »Dessen aber allen ungeachtet wurden bey manchen Bürger 10, 12, 15, 20 auch wohl mehr Soldaten einquartiret, welche ihre volle verpflegung haben wollten.« »Die arme Bürgerschafft wurde also geängstet, daß ihrer viel mit Weib und Kindern aus den Häusern entwichen, und alles im Stiche liessen, (wie man denn nach abzug des Feindes fünffhundert Häuser in der Ringmauer befunden, welche gantz leer und wüste gelegen).« Über dieses alles war kein Mensch in seinem eigenen Hause sicher, denn die Soldaten »grossen Muthwillen und Frevel verübeten, zumal des Nachts, da mit Gewalt in die Häuser, Gewölbe und Keller gebrochen, und alles auffgeschlagen, durchsuchet und weggestolen war. Darzu fiel wegen mangelung nothdürfftiger victualien viel und mancherley Krankheiten, und endlichen eine geschwinde infection und Pest ein, welche inkurtzen etliche tausend Menschen in und vor der Stadt hinrisse, und fast den dritten Theil der Bürger mit wegraffete. Die meisten wurden heimlichen begraben, öffentlichen hat man dreytausend Personen gezehlet, die mit gewöhnlichen Ceremonien zur Erden bestattet worden.«
Wenn man bedenkt, daß diese Häufung von Elend und Jammer sich auf zwei Monate, Oktober und November, zusammendrängte, daß die Stadt klein und wahrscheinlich nicht mehr als 10 000 Einwohner zählte, so gewinnt diese Zahl an unheimlicher Bedeutung, denn heute beträgt die Zahl der jährlichen Todesfälle 500 bei rund 35 000 Einwohnern!
Wie ein Würgeengel ging die Pest durch die Häuser und klopfte fast an jede Türe. Die Särge reichten nicht aus und viele wurden heimlich verscharrt, weil die Not dazu zwang. Die lateinische Schule war zehn Wochen lang geschlossen, und als sie wieder eröffnet wurde, fand sich noch nicht die Hälfte der Schüler wieder ein. Die größere Hälfte dieser blühenden Jugend war verloren, verdorben, verstorben.