Der Bergmann zog vorüber mit Glückauf zur Schicht in schwarzer Tiefe, zum Schacht anfahrend, dessen Glöckchen traulich herüberklang.
Die Wogen und Wellen der Zeit und der Menschen strömten dahin. Das Tor und die Mauern fielen zum Teil. Der alte, graue, riesige Wächter aber blieb und sah sinnend, wie zu seinen Füßen buntes Bürgerleben hinausquoll über Wälle und Gräben, wie die frische neue Jugend hinausdrängte in Gärten und Grün, in Wälder und Berge, zu Sport und Spiel, in Sonnenglück und stählende Winterlust, wenn sie Gott oder ihrer eignen Seele tiefste Sehnsucht fühlten im Wehen der Halme, im Rauschen der Bäume, im weißen Glanz der Winterpracht, in den Wundern der Weite, als sie die Heimat fanden und immer wieder suchten in Sehnsucht und in der Heimat die Seele und die Kraft, welche sie gesund und reich macht.
Goldene Volkslieder klingen empor zu ihm wie aus dem Zauberbrunnen der Märchenzeit, die süßen Wunderweisen von Schubert und Silcher. Sehnsuchtsklänge von Herrmann Löns und erzgebirgischer Heimatsang von Anton Günther ranken sich mit Lautenklang um die mondscheinumflimmerten Mauern des Turmes und der alten Stadt.
Der alte graue Landsknecht aber, mit seinen mächtigen breiten Schultern, der alte getreue Ekkehard und Hüter der Stadt schaut hernieder und lächelt über das bunte Getriebe, über das Lieben und Leiden, das Eilen und Weilen, das Hasten und Rasten, das Jagen und Plagen der Ameisen zu seinen Füßen.
Wie um seine Stirn die Dohlen schreien und flattern, abstreichen und heranschweben, so eilen und ändern sich Geschichte, Geschlechter und Geschicke; Seelen und Gedanken flattern und schweben. Warum? Wohin?
Der Donatsfriedhof, der Gottesacker mit seinen rätselhaften Schollen, die Jahrhundert für Jahrhundert immer aufs neue umgestürzt werden, ist so nah, in dem von Ewigkeit so viel gesprochen wird, und die Vergänglichkeit so grausam uns ins Antlitz starrt, in dem die Blumen der Hoffnung und die Dornen der Verzweiflung dicht nebeneinander wachsen, welken und immer wieder sprießen, in dem die Fragen und die Rätsel keimen, und die bangende Seele Antwort und Lösung pflücken will und sucht, bis ihr hier draußen die Antwort wird, wenn einst hinter dem dunklen Tor sich ihr die letzten Rätsel lösen.
Wohin rinnt der Strom des Lebens, der unaufhaltsam durch die Jahrhunderte fließt, an dessen Ufer der alte Turm wie ein Felsen unerschüttert steht? Über ihn spannt sich des Himmels unendliches dunkles Gewölbe mit seinen Myriaden flimmernder Welten. Ein Stern schießt seine leuchtende Bahn in weitem Bogen und ist verschwunden. Warum? Wohin?
Weltall und Ewigkeit – unfaßbare Gedanken nicht auszudenkender Gewalt! Menschenseele! nicht faßbares Wunder von unerklärlicher Größe! Leben und Vergänglichkeit, Menschenseele und Ewigkeit, die Rätselfragen alles Seins, schweben empor über die mondscheinumflimmerten Dächer. Nie gestillte, nie erfüllte dürstende Sehnsuchtsgedanken wandern in den dunklen Abgrund des Weltalls, in die schweigenden dunkelblauen Fluren der Unendlichkeit.
Selig sind, die da Heimweh haben,
Denn sie sollen nach Hause kommen.