Die Rüstlöcher der fleißigen Werkleute sind in regelmäßigen Abständen sein einziger Schmuck. Schießscharten mit Rundöffnung für die Rohre der kleinen Feldschlangen, Geschütze, Doppelhaken und Falkonetlein und mit Schlitzen für die Beobachtung und den Abzug der Pulvergase durchbrechen im oberen Teil des Turmes 18 m über der Erde in drei Reihen übereinander von je neun Stück das Mauerwerk und sind von innen durch gewölbte, tunnelartige, ringförmige Umgänge im Mauerkerne zugänglich. Oben öffnen sich im Ringe dicht unter dem spitzen Kegeldach die neun Schießluken oder Scharten für die groben Stücke. Von hier brüllten sie dem Feinde ihre rauhen Grüße zu. Die letzten Kanonen sollen erst 1796 herabgestürzt und von Hammerschmieden als altes Eisen gekauft worden sein.

Im vorigen Jahrhundert erst wurde das eigentliche Tor mit dem weitvorspringenden Rondell abgebrochen, und weit klaffte die große Lücke zwischen dem mächtigen Turm und dem Reste der Stadtmauer. Erst im Jahre 1922 wurde von mir ein Wohnhaus für die Stadt dort errichtet. Durch weitgespannten Torbogen ist es mit dem Turm verbunden und zu einer malerischen, geschlossenen Gruppe zusammengefaßt, welche das Straßenbild abschließt. Am Tor ließ ich in Sandstein die Sprüche meißeln: »Gemeinwohl geht über dein Wohl« und »Eintracht bricht Not, Zwietracht bringt Tod«. Dafür ist der Turm selbst Zeuge und Mahnung durch seine Entstehung und seine Geschichte.

Bergmannstreue soll ja diesen starken Schutz und Wächter der Stadt geschaffen haben, indem jeder Bergmann für das Gemeinwohl sich von seinem Schichtlohn einen Betrag kürzen ließ, und indem er selbst mit Hand anlegte. So wuchs das Bollwerk empor, seiner Bestimmung entgegen und hat in den Stürmen der Jahrhunderte unerschüttert und unzerstörbar, wuchtig und stolz seinen Platz in der Mauer, im Stadtbilde und vor dem Feinde ausgefüllt, denn Eintracht bricht Not, Zwietracht bringt Tod!

Er sah trotzig hernieder mit seiner Felsenstirn auf Sorben und Hussiten, auf Wallensteins Söldner und schwedische Heerscharen, auf die Füsiliere des Friderikus Rex, auf Napoleons Truppen und die Sieger von 70. Wie brandete um seine Mauern die sturmbewegte Geschichte der Stadt und der ganzen Heimat! Er hörte einst die dunkle bittere Kunde von Sievershausen, da Herzog Moritz, die Hoffnung des evangelischen Deutschlands, fiel, von Lützen, da Gustav Adolf starb, die Siegeskunde von Leuthen und Leipzig, die Schmach von Jena, von Moskaus Brand und von dem Fall von Paris, von Sedan, von Lüttich, Tannenberg und Skagerrak. Das deutsche Leid sank lastend auf ihn nieder, und schwarze Wolken deckten blühende Fluren.

An ihm rumpelte die gelbe Postkutsche mit hellem Hornruf vorbei, und lustige Wagen mit Maien und lachenden Mädchen, und auch der dunkle Wagen mit seinen schwarzen Rossen zum nahen Donatsfriedhof und seinem grünen Frieden. So viele Bergmannsgeschlechter, die längst vergessen dort der Ewigkeit entgegenschlummern, hat er gekannt, wie sie als Kinder zu seinen Füßen spielten.

Johann Tetzel verkaufte zu seinen Füßen seine Ablaßzettel an die Bergknappen und schleppte viel Geld mit fort, denn er predigte, daß alle Schächte verfallen würden, wenn man nicht reichliche Spenden in seinen Ablaßkasten werfen würde. Bruder Martinus, der Bergmannssohn aus Wittenberg sah vielleicht mit seinen tiefen Augen dieses trotzige Bollwerk der Stadt, den Psalm und sein Lied von der festen Burg im Herzen. Er trug Seelen und Herzen mit sich fort und riß die Geister zu höherem Fluge mit sich empor.

Des Alten Fritzen blaues Königsauge maß den alten Turmrecken mit prüfendem Feldherrnblick, nachdem er schon sechs Jahre im Heldenkampfe siegreich einer Welt von Feinden Trotz geboten und neuen Lorbeer um seine kriegs- und siegesmüde Stirn geflochten.

Humboldt, der die Welt umwanderte und neu als Kosmos in seinen Werken erstehen ließ, Goethe, der eine Welt in seinem Herzen trug, und neue Geisteswelten schuf und deutschen Geistes stolze Stirn zu den Sternen hob, sie schauten empor zum alten Turm, der wie etwas Zeitloses am Wege steht und mit stummer Sprache raunt von ewigen Dingen.

Theodor Körner im Bergkittel sang zu ihm seine Burschen- und Bergmannslieder empor und trug seine begeisterte Seele von hier wie einen lodernden Opferbrand ins Morgenrot der Freiheit.

An ihm schritt der Handwerksbursche vorbei, die Wahrzeichen der Stadt sich noch einmal bedenkend, hinaus, wo ihm das Leben und die Zukunft lachte.