Dort drüben grüßt in breiten Wogen das grüne Meer des Tharandter Waldes. Mein Rad fliegt wie ein Vogel hinab ins Bobritzschtal. Sanfter sind die Hänge hier als im Muldentale. Malerische Höfe und Häuschen klimmen auf und ab, drängen sich am Bach und drücken sich in die Talwinkel. Naundorf ist es, dessen Kirchturm auf der Höhe wie ein Hirte über seine Herde wacht. Die Straße führt talaufwärts am Bach entlang. Die Wellen hüpfen mit Murmeln und Plaudern über die runden Steine, und flinke Forellen schießen blitzschnell daher. Einst war dieser köstliche Fisch so häufig hier, wie ein altes Naundorfer Kind erzählt, daß für wenige Groschen eine ganze Schüssel voll im Fuhrmannsgasthof an der Straße geliefert wurde. Heute mag wohl kaum ein Fuhrmann mehr Forellen dort essen wie in der alten, stillen, einfältigen Zeit, als es noch zufriedene Menschen gab.
Ein Seitenweg führt von der Dorfstraße am Hange aufwärts zur Kirche, die seit Jahrhunderten inmitten des Gottesackers von hier über die Dächer und Höfe der Gemeinde herniederschaut. Eine Mauer umschließt den Friedhof, und hohe Bäume überschatten den Eingang. Vogellied aus den dichten grünen, lichtdurchfunkelten Zweigen, Choralgesang und Orgelklang aus der Kirche vereinen sich zu einer stimmungsvollen Sonntagsharmonie, als ginge leise mit uns über die stillen, grünen Gräber mit schwebendem Schritte der Frieden suchender, findender, erlöster Seelen und segnete uns. Ein Gottesdienst in Einsamkeit still neben der Kirche kann feierlicher, kann tiefer und gehaltvoller wirken als in der Gemeinschaft einer gefüllten, aber doch »leeren« Kirche. Die einsam grüne Stätte mit ihrem Lobgesang aus der Höhe und aus der Nähe war uns ein Gotteswinkel stiller, tiefer Andachts- und Feiergedanken von weltfreier Entrücktheit. – – –
An der Friedhofsmauer stehen ein paar alte verwitterte Grabsteine in barocken Formen mit verwischten, fast unleserlichen Schriftzügen, grünlich angeflogen und von grauen Flechten hie und da betupft. Die Urenkel derer, die sie nennen, sind längst zu Staub geworden. Wie stumme Prediger der Vergänglichkeit lehnen die alten Steine dort an der Mauer und fragen dich: Wer bist denn du?! – Der Staub zu deinen Füßen, auf dem du stehst, atmete einst, liebte einst, lachte einst wie du! Wer bist denn du?! – Sinnend betrachten wir den schlichten, etwas nüchternen Kirchenbau aus dem Jahre 1783 mit seinem holzbeschlagenen Turmaufbau, gekrönt von spitzer achteckiger Haube. Wievielen werden die Glocken dort oben noch zum letzten Gange läuten? –
An der Südseite der Kirche ist ein alter Grabstein eingemauert, der ein Denkmal ganz eigener Art ist, und ein schönes Zeugnis dafür, daß die Gedanken des Heimatschutzes und der Denkmalpflege nicht etwa etwas künstlich Gezüchtetes, Literarisches, sentimental ins Volk Hineingetragenes sind, sondern aus dem Verlangen und der Seele unseres Volkes mit ursprünglicher Gewalt hervorgegangen sind und seinem tiefsten Empfinden entsprechen.
Der Stein ist über 200 Jahre älter als die jetzige Kirche und wurde beim Neubau der Kirche 1783 in die Mauer an geschützter Stelle eingelassen, um ihn vor Vernichtung zu bewahren. Dem wackeren Fuhrmann Melchior Heber, der im Jahre 1580 starb, ist er gewidmet. Seine Ururenkel haben den Stein erneuert, ein späterer Enkel hat ihn in die Wand der neuen Kirche gesetzt, und heute liegen die Urenkel jenes Nachfahren in Gräbern unter jenem Stein des alten Melchior Heber, und ein junges Geschlecht des alten Namens und Blutes wirkt im Heimatdorfe seiner bäuerlichen Ahnen heute noch, festgewurzelt im heimischen Boden seit Jahrhunderten.
Der Stein stellt in seinem oberen Teil den alten Melchior dar in der Tracht seiner Zeit betend vor dem Bilde des Gekreuzigten knieend. Als unterer Abschluß der Platte ist der starke Fuhrmannsfrachtwagen im Relief abgebildet, mit hochgespanntem, rundem Plane überdeckt und sechs starken Pferden als Bespannung. Die Inschrift lautet:
»Im Leben hatte ich an fahren mein Vergnügen
Und fuhr an diesen bald und bald an jenen Ort,
Im Tode spannt ich aus und ließ alles fahren liegen
Und fuhr andern Seelen nach in sichren Himmelsport.