Die Straße ins Muldental hinab fliegt das Rad, daß ein Jauchzen aus der Brust wie ein lachender, springender Brunnen emporsteigt. Halli und Hallo! Die Sommerwelt ist mein, die rechts und links an mir vorüberstürmt, die grünen Hänge, die saftigen Wiesen und dort der rauschende Fluß im tiefen Grunde, mit seinen weißen Schaumflocken auf dunklem, sprudelndem Wasser. Die Heimat ist mein, denn meine Seele ist ihr offen, sie ist mein, denn sie gibt sich mir, weil ihrem Zauber und ihrer Wesensinnigkeit sich meine Seele gibt. Jenseits geht es steil bergauf. Steinig und heiß ist der Pfad, das Geröll rutscht unter dem Fuß, und die glimmerblinkenden Gneisplatten flimmern wie Silber. Auf dieser jähen Straße zogen schon die wilden Haufen der Schweden und Kaiserlichen einher, die Grenadiere des Alten Fritz und das Heer Napoleons. Kanonen und Packwagen sind unter Fluchen der Soldaten und Keuchen und Schnauben der Rosse mit vielfachem Vorspann, mit Seilen und Hebeln den steilen Hang mit seinen glatten Felsplatten hinaufgezogen. Manch wilde Verwünschung und grimmiges Wort, manch sauren Schweiß hat dieser Weg gekostet. – Wie stille ist es heute hier! Es knistert leise das Rad. Geröll löst sich unter dem Fuß. Rötlich blüht schon das Heidekraut in dichten Polstern am Wege.

Auf der Höhe schöpft die Brust tief Atem und dann wandern die Augen hinab ins tiefe grüne Tal, wo die Mulde schäumt, und dort nach den Höhen, wo die Halden und Bergwerke, Alt-Freibergs Wahrzeichen und Hünenmale des Bergbaues, sich türmen, und weit in die blaue Ferne, wo die duftigen Linien der Berge in unendlicher Zartheit sich am Horizonte dehnen. Doch nun wieder vorwärts, dem Walde entgegen, in dessen grünem Meere ich untertauchen will. Über breiten Höhenrücken geht die Fahrt. Die Felder reifen der Ernte entgegen. Wie lange noch, dann klingt die Sense und die Pracht sinkt vor dem Schnitter dahin. – Hast du Frucht gebracht? – –

Die Vogelbeerbäume schmücken sich schon mit roten Beeren. Wie lange noch, und die Drosseln ziehen, die Beeren fallen und liegen wie Blutstropfen am Straßenrande. – Blutstropfen! – Wieviel Blut mag auf dieser Heeresstraße sächsischen Schicksals geflossen, am Wegrande versickert, vom Regen verwaschen sein? Tropfen am Wege, verronnen, vergessen, vom Baume des Lebens blutrot geschüttelt, zertreten, verloren im Staube – Menschenschicksal, wie dunkel ist dein Lauf, aus Dunkel kommend, im Dunkel vergehend, rote Beeren nur hie und da im Staube deiner Straße! – –

Drüben am Höhenrande des Horizontes steigen die Häuser von Konradsdorf bergaufwärts, und der Kirchturm ragt spitz über die gelagerten niedrigen Dächer, weithin als Landmarke die Gegend beherrschend. Wie friedlich und still das Bild, der Blick über die fruchtbaren Breiten, und doch, wieviel Stürme sind darüber hingebraust. Alte Kunde erzählt von Konradsdorf aus dem Jahre 1632: »Den 16. April eben dieses Jahrs, morgens um 5 Uhr, da Kaiserliche Völker eingefallen, ist Nikol Kirbach von zwei Kroaten niedergesäbelt worden. Um eben diese Zeit haben auch die Kaiserlichen Kroaten die Kirche allhier erbrochen, was darein geflüchtet ermordet, den silbern Kelch und 100 Fl. mitgenommen, wobey Pfarr und Schulmeister beynahe das Leben eingebüßt, davon man die Spuren in der Kirchthüre noch findet.«

Die Kirche zu Hilbersdorf dort drüben, dessen Flur an unsere Straße grenzt, wurde 1639 von den Schweden unter Banner eingeäschert und Mord und Blut war in seiner stillen Dorfstraße.

Menschenschicksal, Völkerschicksal, wie geht ihre Straße über lichte Höhe und dunkle Täler, durch Sonne und tiefe Schatten! Rote Beeren am Straßenrand, deuten sie Freude, deuten sie Leid? –

Herbstmahnung, Schicksalsmahnung, Sommerwende leuchten uns die roten Beeren am Wege, am Baume im Laube, das hie und da leise vergilbt, im Staube, der ihr brennendes Leben mit Asche bestreut. Wie lange noch, dann klirrt der Frost, dann schnaubt der Schnee in mächtigen Wehen und Wirbeln gleich wilden weißen Rossen über die starren Felder und kahlen Höhen und hinter ihnen der eisige Ost mit scharfen Peitschenschlägen. –

Wohl dem, der eine Heimat hat! –

Doch heute weht ein süßer Duft wie Honig herüber. Ein blühendes Kleefeld strömt des Sommers ganze Lieblichkeit in Duft und Farbe in die blaue Luft. Ich steige vom Rade und lausche dem Liede des glühenden, blühenden Klees. Millionen von Bienen und anderen Insekten singen und summen in dem purpurnen Blütenmeer ihr Lebenslied und taumeln von Kelch zu Kelch. Als klänge ein seliger Harfenton dem Sommer und der Sonne entgegen, voll gesättigt vom süßen Drange des Lebens und Blühens. Schwer und wonnig steigt der Duft des Feldes empor, und ich trinke ihn mit tiefen Zügen, als wäre es ein alter, köstlicher Wein. Ein purpurner Teppich aus Duft und Licht, Farbe und Leben gewoben, auf dem nur die Sonnenstrahlen mit leichten, schwebenden Füßen dahingleiten dürfen. Ein Teppich, wie ein dunkler purpurner Orgelton, den der Sommerwind leise dahinträgt, daß die Herzen stille werden. Als ob das heilige Herz der Mutter Erde unter ihnen schlägt, so geht geheimnisvolles Leben durch die Millionen Blütenköpfe, ein Beben, ein Atmen auf und nieder – o du Heimatflur! –

Und dort das Ährenfeld neigt schon die Halme. Der Wind geht drüber hin in flüsternden Wellen. Die Lerchen steigen empor in die flimmernde Luft und taumeln selig der Sonne entgegen als gäbe es keine Erdenschwere und hätte ihre singende Seele dort oben den Weg zur Heimat gefunden. –