Anno 1580. Den 11. Tagk Aprillis um 6 Uhr Nachmitt, den Montag Quasi modo geniti ist der Ehrsame Melchior Heber in Gott selig entschlafen. D. G. G. Seines Alters 60 Jahr.« Auf dem Stein finden sich noch folgende Nachrichten eingemeißelt: »Diesen Stein hat Georg Heber seinem Groß-Groß-Väter zum Andenken renoviren lassen den 10. Juli 1743.« Und weiter: »Dies Denkmahl lüß bei dem neuen Kirchenbau seinem Ur-Ur-Großvater zu Ehren abermals erneuern Karl Gottlob Heber 1783.« Treuer Familiensinn hat so ein Denkmal von kulturgeschichtlichem Werte bewahrt in seiner treuherzigen Schlichtheit und biederen Berufsfreude, wie es wohl einzigartig ist, namentlich wenn man bedenkt, daß heute noch nach rd. 350 Jahren die bäuerlichen Enkel seine Denkmalpfleger auf dem kleinen Dorffriedhofe sind.
Wir nehmen Abschied und lenken wieder der Dorfstraße zu. Die zahlreichen Gänse, Enten und Hühner auf der Straße sind dem Rade nicht gewogen. Mit Flattern, Fauchen und Geschrei entrüsten sie sich oder suchen durch ängstliches Hin- und Herlaufen dem allzuraschen, gefürchteten Feinde zu entkommen. Heil uns, daß wir ohne unfreiwillige Tötung eines »Rassehuhnes« – überfahrene Hühner sind immer »Rassehühner« – am Ausgange des Dorfes anlangen. Dort macht die Bobritzsch eine starke Krümmung, fast im rechten Winkel. Ein stattlicher Hof liegt im Winkel und mächtige, alte Bäume beschatten den Platz. Dort mündet der Colmnitzbach, und eine Brücke führt über die Bobritzsch, von der aus du in das Strudeln der klaren Wasser hinabschauen kannst, die goldbraunen und grünen Steine siehst, an denen die Forellen stehen oder blitzschnell vorbeihuschen, wo du die ganze Lieblichkeit dieses stillen Winkels mit seinem Wasserrauschen und Vogelsang unter grünem Blätterdach empfinden kannst. Wie Sonntag, durch den leise der Glockenton der Andacht klingt, liegt es immer hier unter sonnenstrahlendurchflochtener Laubkuppel. –
Auf schmalem Wege über dem breiten Wiesengrunde des Colmnitzbaches geht es aufwärts. Wie ein leuchtend grüner Teppich ist der Grund zwischen die Hänge eingespannt. Doch bald verwahren uns hohe, dichte Hecken den Blick auf diese grüne Herrlichkeit. Zwei Höfe am Hange liegen vor uns, die Gippenhäuser. Das Gebell des wackeren Spitz an der Hütte und sein wildes Umherrasen an rasselnder Kette zeigt, unter wie guter Hut die stillen, einsamen Häuser stehen. Eine bleiche Dame sitzt dort drüben am Wiesenrande, ein Kind spielt in der Nähe und trägt ihr duftende Blumen herzu. Sommerfrischler! Ja, hier könnt ihr gesunden und wie Joseph Viktor von Scheffel, der leider Halbvergessene und doch so echt deutsche Mann, in seinen Bergpsalmen singen und sagen:
»Du hast eine Ruhe, ein Obdach gefunden,
Hier magst du gesunden,
Hier magst du die ehrlich empfangenen Wunden
Ausheilen in friedsamer Stille.«
Zwischen duftendem, rauschendem Wald und saftgrüner, blumiger Wiese, in der die Margareten mit weißen Sternen leuchten, fern vom Staub der Straßen der Welt, den Blick auf sanft geschwungene edle Höhenlinien, abgeschlossen doch nicht eingeschlossen, so recht ein Ort friedsamer Stille! –
Friedsame Stille? – Ich denke eines kalten stürmischen Herbstes im Jahre 1697. Der Schnee hatte schon kalt und naß über die Stoppeln gefegt. Es war ein Wetter, wo man näher an den Ofen rückt, in dem die Scheite knacken und knistern. Ein Wetter, bei dem im Felde nicht viel zu tun ist, und Großmutter vielleicht die Bibel vom Bortbrett nimmt, die große Hornbrille aufsetzt und langsam liest die Geschichte vom barmherzigen Samariter: Wie der Mensch unter die Mörder fiel, und sie schlugen ihn und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. Und da der Priester ihn sah, ging er vorüber, desgleichen auch ein Levit, sah ihn und ging vorüber. Da der Samariter ihn sah, »jammerte ihn sein, ging zu ihm, verband ihm seine Wunden und goß drein Öl und Wein und hob ihn auf sein Tier und führte ihn in die Herberge und pflegte sein.«
Sie las just diesen Vers, da kam der Sohn herein, schüttelte den nassen Schnee ab, stampfte mit den schmutzigen Schuhen und rief: »Draußen auf dem Acker oben am Walde steht ein fremder, mit Stroh belegter Leiterschlitten und drinnen liegt verlassen ein armer, todkranker Mann! Er kann kaum mehr sprechen. Ich habe es gleich dem Gutsherrn und dem Pfarrer gemeldet. Sie werden schon sorgen, mich gehts nichts weiter an. Gib mir meine warme Suppe, es ist ein Wetter, um keinen Hund hinauszujagen.« – »Ach der arme Mann! Nur gut, daß du so gescheit warst, das gleich zu melden, sonst hätten wir am Ende noch allerlei Umstände bei dem schlimmen Wetter. Man weiß doch nie, was das für Leute sind! Es ist schon besser, das macht der Pfarrer!« –