Der Gutsherr und Pfarrer waren nicht sehr erbaut gewesen von der Nachricht. Und dazu das schlechte Wetter! Was tun? – Sie riefen den Ortsdiener und schickten ihn zum Kranken auf dem Acker oben am Walde, um zu eruieren und zu konstatieren, wer er sei, wie er dorthin komme, wer ihn dorthin gebracht, und ob sie vielleicht gar nicht etwa zuständig seien, in dieser Sache etwas zu befinden. – Der Kranke konnte nicht mehr sprechen, so die Nachricht des Ortsdieners! Das war ein schwieriger Fall! Verlegen saßen das geistliche und weltliche Haupt des Dorfes und kratzten sich bei dieser Nachricht hinter den Ohren: »Vielleicht würde dieser fremde, ganz unbekannte, nicht ortsansässige Mensch gar auf der Gemeindeflur sterben wollen! Das wäre ein höchst unangenehmes Vorhaben und gegen die Gemeinde wenig rücksichtvoll, denn sie hätte davon Kosten und Scherereien! Ihn ins Dorf holen? Nein! Wer soll ihn aufnehmen?« Sie grübelten über diesen Fall, bis die frühe Finsternis kam, und hatten dann einen bauernschlauen Einfall. Sie schickten zwei Wächter zum verlassenen Sterbenden hinauf, »daß ihm kein Unheil zustieße«, die ihre eigentliche Aufgabe aber verständnisinnig wohl erfaßt hatten und bei Sturm und Regen den Schlitten mit dem Todkranken von der Gemeindeflur fort in den Tharandter Wald, auf kurfürstl. Grund und Boden, brachten. Um Mitternacht starb der arme Mensch 12 Ellen von der Grenze entfernt auf kurfürstlichem Gebiete. Am nächsten Tage, den 22. September, wurde Bericht an das Amt in Grillenburg erstattet, daß auf kurfürstlichem Gebiete ein Mensch verstorben sei, und um Bescheid gebeten. Dieser fiel zunächst dahin aus, daß ihnen bedeutet wurde, »wie ihnen aus christlicher Liebe wohl zugestanden hätte, den todtkranken Mann, welcher ihrem Anführen nach wenig oder gar nichts am Leibe habe, in eine warme Stube zu bringen und sein zu pflegen, nicht aber ihn in der Kälte liegen zu lassen und auf seinen Tod zu warten. Die Leiche sei einstweilen zu bewahren.« Bei den weiteren Nachforschungen des Amtes wollte zunächst niemand davon wissen, wie der Kranke auf das Feld gekommen. Durch Peter Henker zu Fördergersdorf stellte sich indes heraus, wie ihm Jakob Kirsten zu Herzogswalde berichtet, daß am 19. September die Colmnitzer einen halbtoten Mann auf einem Schlitten vor ihre Kirche gebracht und daselbst stehengelassen haben; die Herzogswalder hätten ihn darauf wieder nach Colmnitz gebracht. Der Colmnitzer Richter gestand nun zu, daß die Niederbobritzscher den Mann mittelst Fuhre zu ihm, dem Richter gebracht; da er aber abwesend gewesen, so habe, ohne sein Geheiß, Andreas Bormann daselbst ihn nach Herzogswalde weggeführt.
Es war ein armer Schuster aus Naumburg, der kurz vorher in Tharandt in Arbeit gestanden hatte. – Regierung zu Dresden und Amt zu Grillenburg ordneten nun unter Ermahnungen zu mehr christlicher Liebe an, daß der Körper des Verstorbenen auf Colmnitzer Flur gebracht, ein Sarg von den Colmnitzern angefertigt werde und die Beerdigung in Colmnitz erfolgen solle. So hatte endlich ein armer, müder Erdenpilger, dem in drei Dörfern keine Stätte zum Sterben in friedsamer Stille gegönnt wurde, seine letzte Ruhe gefunden. – –
Wie heißt es doch im Gleichnis? »und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. Und da der Priester ihn sah, ging er vorüber, desgleichen auch ein Levit, sah ihn und ging vorüber!« Jawohl, die harten Herzen aus dem Gleichnis waren hier in der Wirklichkeit alle da, wo aber war der barmherzige Samariter? Drei Dörfer am Tharandter Walde und kein barmherziger Samariter darin! – Über 200 Jahre ist diese Geschichte her. Ob es heute mehr Barmherzigkeit an der Straße gibt? Ach, unserem Volke ist Liebe so bitter not! – »Friedsame Stille!« Wo findet man sie, wenn man nicht Raum dafür im eigenen Herzen hat? Wir schauen noch einmal zurück in das weite, weiche, von Sommer gesegnete Land, wo soviel Unfriede und Unbarmherzigkeit wohnt, und tauchen dann ein in den herrlichen Wald, dies grüne Kleinod zwischen Freiberg und Dresden, den Tharandter Wald. Wie viele Stunden tiefster Freude danke ich dir, du deutscher Wald und deinen stillen Wundern, wenn draußen das Leben trübe und schwer und drinnen das Herz trübe und schwer ward.
»Wer einmal diesen Jungbrunn’ fand,
Der schöpft aus keinem andern!
Denn das ist deutschen Waldes Kraft,
Daß er kein Siechtum leidet,
Und alles, was gebrestenhaft,
Aus Leib und Seele scheidet.
Daß ich wieder singen und jauchzen kann,