Daß alle Lieder geraten,

Verdank ich nur dem Streifen im Tann,

Den stillen Hochwaldpfaden.«

(Scheffel, Aventiure.)

Solch ein stiller Hochwaldpfad, über den die knorrigen Wurzeln laufen, führt mich in die harzduftige grüne Tiefe, und ein Singen und Jauchzen geht mir durch die Seele, doch es schweigen meine Lippen, und leise ist mein Gang. Es ist mir, als ob meine Seele in dem Vogel wäre dort oben auf der höchsten Spitze jener stolzen Fichte. Sein Lied steigt jubelnd empor, da leuchtet der Himmel noch blauer, der grüne Tann wird hundertmal grüner als sonst, die Luft wird luftiger, klarer, der Duft des Waldes wird stärker, herbsüßer und, was von Schleiern und Düsternis in mir war, sinkt hernieder, als wären alle Rätsel und Fragen in Licht und Klarheit gelöst und überwunden. Es schweigen meine Lippen und leise ist mein Gang. Nur ab und zu knistern die Nadeln oder ein Ästlein unter den Reifen des Rades, welches ich führe.

»Willst du dein Herz mir schenken, so fang es heimlich an,« das gilt auch vom Walde, dessen Seele man nur findet, wenn leise unsere Seele sich an seine schmiegt. Dann öffnen sich uns seine grüngoldnen Augen und schauen uns an voll unergründlicher Tiefe, dann spricht sein Mund im geheimnisvollen Raunen, und wir hören im stundenlangen leisen Wipfelrauschen, wie des Waldes Seele mit uns spricht und ihre Wunder uns offenbart. Und wenn der Sturm in den Zweigen und Ästen wühlt und sein urgewaltiges brausendes Lied durch die bebenden Wipfel wie Meereswogen sich stürzt und schäumt, dann fühlen wir unser tiefstes Inneres mit gepackt, geschüttelt, erschüttert, und alles Kleine schwindet, alles Welke wird abgerissen, alles Dürre wird geknickt. Willst du des Waldes Wunder lernen, dann darfst du nur lauschen, schauen und vergessen, was draußen ist, mußt du deiner selbst vergessen. Was er dir zeigt und sagt, was er dann deiner Seele gibt, das wird dich reich und froh machen. Der Wald ist dein geworden, weil er dir seine tiefsten Geheimnisse gab und du seiner wundersamen Kräfte kund wurdest. –

Eine im Sonnenschein flimmernde Blöße öffnet sich. Ein kräftiger, warmer Harzduft steigt empor und füllt die Brust, als sollten die Lungen besonders in Waldeskraft gebadet werden, und in tiefen Zügen atmen wir den starken Duft wie einen köstlichen Trank. Die Grillen zirpen ihr heißes Sonnenlied, und über den Halmen und Spitzen der Schonung zittert die Luft, als wäre sie durch das schwirrende, wie in Wellen flirrende unendliche Grillenlied zum Schwingen gebracht. – Ein Blick in die Weite auf blauferne Höhenlinien, dann ein dunkler, grüner, kurzer Waldpfad, und plötzlich gibt es mir einen Riß durch die Seele. Wie eine ungeheure rote, offene Wunde in der Felsenflanke des Berghanges liegt es vor mir, von rauher, rücksichtsloser Hand geschlagen, dort eine Schutthalde von kleingeschlagenem Porphyrgestein, daß aus dem Abhange herausgeschlagen und gesprengt ist. Hier hatte ein Steinbrecher mit gierigen Zähnen gearbeitet. Und weiter strecken sich Schienen eines Bahnneubaues, der sich mitten durch eine Felsengruppe voll malerischer Wucht eine klaffende Lücke gebrochen hat.

Bitterkeit steigt dir auf, daß Schönheit und Friede nicht mehr heilig sind, sondern wehrlos – das Zarte und Edle, das Tiefe und Heilige ist ja immer wehrlos – der Rücksichtslosigkeit und ehernen Notwendigkeit unterliegen müssen! Schillers Nänie klingt schmerzvoll durch die Seele:

»Auch das Schöne muß sterben.

Siehe, da weinen die Götter,