Es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht,
Daß das Vollkommene stirbt.«
Der Blick senkt sich rechts durch die Stämme und über schwankende Wipfel und wiegende Fichtenspitzen hinab in einen Talgrund wie in einen Trostgrund, der noch als ein stilles Märchenland des Friedens und der Schönheit grün heraufleuchtet. Es ist das Tännichttal. Wir blicken mit frohem, innerem Glücksgefühl hinab, denn durch die Arbeit des Heimatschutzes wird es uns in seiner unberührten taufrischen Lieblichkeit erhalten bleiben und noch viele stille Wanderer entzücken. Die tiefmelodischen Stimmen der wilden Tauben, des Pirols Flötenrufe und der Finken schmetternder Schlag, und alle die anderen tausend Stimmen des Waldes werden nicht verstummen vor lärmender Industriearbeit, Kreischen von Maschinen und Knirschen und Rasseln der Steinbrecher. Die malerischen Felsklippen, die wie Türme und Mauern aus den grünen Wipfeln und Wogen des Waldes emporsteigen, sollen noch länger ihre trotzigen Stirnen dem Wind und der Sonne stolz entgegenheben.
Dort unten blitzen die Wellen des Colmnitzbaches aus dem Smaragdgrün des Wiesenbodens herauf. Er kommt weit von draußen her, aus der waldarmen Gegend, um hier zwischen Wald und Felsen seines Daseins schönste Strecke zu durchlaufen. Wie die anderen Bäche der Freiberger Gegend hat er sich schon draußen ein tiefes Bett gegraben und windet sich in vielen Krümmungen durch die hügelige Landschaft. Die begleitenden Höhenkuppen des Gneismassivs von breitgelagerter rundlicher Art, welche mit ihren langen, schöngeschwungenen Linien ungeheuren Wogen gleichen, haben an der Quelle 500 Meter, an der Mündung in die Bobritzsch rund 400 Meter Höhe. Draußen im freien Lande haben sich im Colmnitzbachtale in der langgestreckten, dem Wasserlaufe folgenden Siedlungsweise des Kolonistendorfes die Dörfer Pretzschendorf, Ober- und Niedercolmnitz angesiedelt. Ihre Wiesen und Felder mit ihren besonderen Reizen von Saat, Ernte und Wiesenduft geben der ganzen weiten Gegend draußen einen ausgesprochen landwirtschaftlichen Charakter, aber auch mit ihrer ausgesprochenen Kahlheit, welche außer den Bäumen an den Straßen, am murmelnden Bach und in den Gärten des Dorfes kaum einen Baum duldet, der nur der Schönheit, nicht aber besonders dem Nutzen dient. Nur hie und da krönt irgendeine ferne Kuppe ein einzelner Baum mit mächtigem Wipfel und verstärkt das Gefühl der Weite und Freiheit, der Ruhe und Größe der Landschaft. Fünf Sechstel seines Laufes hat so der Colmnitzbach kahles Gelände durchströmt, bis er hier im waldigen, engen, malerischen Tännichttal sich heimfindet zu Bergeshang mit dunklen Fichten, zu Wiesengründen mit leuchtendem Grün. Der schluchtartige Charakter dieses Tales mit seinen steilen, bewaldeten Abhängen im Gegensatz zu den sanfteren Hügelwogen des freien Landes, ist überraschend und gibt malerische Bilder, gleichviel, ob man von oben hineinschaut in die saftigen Gründe einer stillen smaragdenen Märchenwelt, oder ob man von unten zu den Höhen hinaufschaut, die mit ihren Wänden einzelne Kessel abschließen und bei einer neuen Krümmung neue Bilder friedsamer Stille öffnen. Der Talboden hat nur fünfzig bis sechzig Meter Breite. Die anschließenden steilen Hänge steigen rund 100 Meter auf, zum Teil mit hohen Felswänden, Zacken und ragenden roten Porphyrklippen, die wie zinnengekrönte Burgmauern aufsteigen. Dieser schluchtartige Charakter des Tales im Gegensatze zur breiten Landschaft draußen, ist das Ergebnis urgewaltiger Kräfte aus der Werdezeit unserer Erde und des Wirkens von Jahrmillionen der Arbeit des Wassers und des Wetters, und ist insofern ein Naturdenkmal von besonderer Bedeutung für die Freiberger Gegend.
Das flachgeschichtete, im Laufe der Jahrmillionen rundlich abgeschliffene Urgebirge des Gneises der Freiberger Landschaft ist hier mit ungeheurer vulkanischer Gewalt vom Porphyr durchbrochen. Durch die Gneisüberlagerungen und das harte Porphyrmassiv hat sich der Bach hindurchgenagt und die schmale Talenge hineingefressen. Dort drüben, mitten in dieser malerischen Talenge, an ihrem schönsten Punkte, ragen die zackigen Spitzen und Kämme der gewaltigen roten Porphyrklippen in den blauen Himmel vom grünen Waldhange empor, die Diebskammer. Diese Felsgruppe ist die Krönung der Schönheit des ganzen Tales, das urgewaltige, zu Stein erstarrte Denkmal gigantischer, aus der Tiefe emporglutender Naturkräfte. Wir stellen das Rad in das Dickicht und klettern näher heran durch Fichtengezweig und Ginstergestrüpp, die trotzigen Zacken zu betrachten. Da sehen wir und erleben es fast an der eigenartigen Faltung und Schichtung des Gesteins, wie einst in ungeheuren Wehen und Ringen lebendiger Kräfte die Massen emporstiegen, sich zusammenpreßten und neigten, sich kristallisierten und zu besonderer Lagerung und Schichtung versteinten.
Das Tännichttal streicht von Osten nach Westen. Die Strahlen der Morgensonne und das rote Licht des untergehenden Tagesgestirnes läßt die roten Klippen in feuriger Glut aufleuchten, als wären sie von innerem Feuer durchglüht und wollten zu neuem vulkanischem Leben erwachen. Ein Naturdenkmal ist dieses Tal mit seiner Felsengruppe, das im geologischen Anschauungsunterricht für jedermann von der Natur selbst unübertrefflich dargeboten ist und zu uns redet vom Werden unserer Erde, Heimat und Landschaft mit deutlicherer Zunge als Bücher, die das Volk nicht liest, als Gelehrte, die das Volk nicht hört, als Weisheit, die in den Hörsälen oder bei den Spezialisten bleibt. Es tut einen Dienst an der deutschen Seele, wer für diese Werte der deutschen Natur und Heimat kämpft, ein Kampf für die deutsche Seele und ihre Rechte an der Heimat, ein Kampf für die Seele der Heimat gegen kalte, harte Seelenlosigkeit der Ausbeutung. Unser Volk hat ein Recht darauf, daß diese Naturdenkmäler, die Eigenart und besondere Schönheit der Heimat geschützt und ihm und der Nachwelt ungeschmälert erhalten bleiben und nicht der Ausbeutung einiger Nurgeldmänner überlassen werden. Das was der Allgemeinheit und der Heimat dienen kann und im höchsten Sinne zur geistigen und seelischen Förderung dient, darf niemals käuflich sein, darf niemals nur dem Interesse eines Einzelnen um materiellen Gewinnes willen ausgeliefert werden, sondern muß unbedingt als Besitz der Allgemeinheit, als ein Denkmal gehütet und gepflegt werden.
Solches unverletzliches, der Allgemeinheit, dem Volke gehöriges Naturdenkmal wird auch diese Felsengruppe mit dem ganzen Tale sein und bleiben, bei dessen Anblick und sinnender Betrachtung Tausenden das Herz aufgehen muß für die Schönheit der Heimat, und das Verständnis und die Freude wachsen soll an ihrer Seele, an ihrem Leben, Sein und Werden.
Freibergs Umgebung ist nicht reich an solchen Punkten, wo Wissenschaft und beseelte Schönheit sich in gleicher Weise vereinen, um den Ort reizvoll zu machen, und wo als Drittes noch die Sage hinzukommt, um mit den krausen Ranken der Phantasie und der Erinnerung den Ort geheimnisvoll zu schmücken.
Der Lips-Tullian-Felsen dort drüben im Tale ist in unmittelbarer Nähe, der Felsen, wo der große verruchte Räuber einst hauste. Auch die Diebskammer hier mag ihm und seinen dunklen Zwecken gedient haben. Die echte Räuberromantik spinnt ihre bunten Fäden um die zackigen Zinnen dieser aus grünen Fichten ragenden Räuberburg, die bald wie Blut, bald wie Gold in der Sonne leuchten, bald wie von Rauch geschwärzt und Krähen umflogen im Schatten liegen. Lips Tullian, den jeder im Freiberger Bezirk kennt, denn im mittelalterlichen, grausigen unterirdischen Gefängnisse des Freiberger Rathauses, wo auch Kunz von Kaufungen, der Prinzenräuber, schmachtete, mußte er 1715 sein Todesurteil erwarten. Seine in den Felsen gehauene Zelle, Ketten und Handschellen werden heute noch gezeigt.