Lips Tullian war weit und breit gefürchtet, und wenn auch die Sage manches angedichtet hat, so mag seine »Schreibfeder«, die schwere Brechstange, manche blutige Seite in seinem Lebensbuch geschrieben haben.
Es war zur Fastnacht 1710, da klopfte es um die Mitternachtsstunde beim Branntweinbrenner Jakob Hähnel in Tuttendorf an die Türe. Eine fremde Männerstimme bat um etwas Branntwein, um einer unwohl gewordenen Frau beispringen zu können. Der gutmütige, vertrauensselige Mann öffnete die Tür. Aber sofort fielen über ihn und sein Weib drei Raubgesellen her, banden und knebelten sie und mißhandelten sie so hart, daß die Frau ein Auge einbüßte. Außer anderen Dingen, die ihnen gefielen, raubten sie 42 Taler bar Geld, die der Mann im Keller verwahrt hatte. –
Lips Tullian war zu Besuch gewesen. – –
Die unter Georg dem Bärtigen im Jahre 1532 gegründete Schützengilde in Glashütte besaß, ähnlich wie die Freiberger Schützengilde heute noch, ehemals einen reichen Kleinodienschatz, den sie in einer großen schöngeschnitzten Truhe mit kunstreich gearbeitetem Schlosse in der Sakristei der Stadtkirche aufbewahrte. Das Hauptstück bildete ein silberner, auf einem Aste ruhender Adler mit Rubinenaugen, der Stolz der Gilde und Königsschmuck. Eines Tages im Jahre 1710 fand man die Sakristei und die Truhe erbrochen. Das Kleinod war gestohlen. –
Lips Tullian war zu Besuch gewesen. – –
Ein Anschlag auf den Freiberger Silberwagen, der mit den Schätzen der Münze zwischen Freiberg und Dresden verkehrte, sollte wohl ein Hauptschlag seines tatenreichen Lebens sein. Im Dickicht des Tharandter Waldes, vielleicht nicht weit von seinem Schlupfwinkel hier im Tännicht, wollte er mit seinen Raubgesellen in der Nacht dem Wagen auflauern. Er hatte eine Schmiede erbrochen und als geeignetes Werkzeug sich große Hämmer und Bohreisen gestohlen und beim Hinterhalte vergraben. Vorspringen, den Widerstand niederschlagen, den Wagen erbrechen und mit dem geraubten Gelde auf den vier schönen Pferden des Wagens auf und davon, vielleicht ins nahe Böhmerland, das war der verwegene Plan der Spießgesellen. Doch einer war unter ihnen, dem sie nicht trauten, den sie fernhalten wollten und der dann aus Rache durch einen noch erhaltenen Brief ohne Unterschrift den Anschlag verriet. Auf der Münze hatte er den Brief eingeworfen mit folgendem Wortlaut: »Lüeber Herr mintzmester ich gebe nachricht das man erfahren hat das sich reber gesamlet haben in dem walt bey der Hutte bey der nacht den sielber wagen wolten angreiffen so er mit dem gelte hin wartz füere die angebung ist von einen Knecht der zuvor bei den silber wagen gewest ist welcher sich in Freiberg auffhelt die reber halten sich auch in Freiberg auff sie können in den wertzheusern nachforschen lassen waß vor fremde sich da aufhalten diese Nachricht ist gewißlich war sie mugen wol den wagen ohne koeinfoie bey der nacht nicht lassen durch den walt gen sonst moechten sie alles köbbut machen ich wolte mir wol selber melten ich kan es nicht recht er weilen ich habe es hinder wartlich gehoirt und moechte mich auch gefar trohen,
den 5 Nofemmer 1704.«
Der Verräter hatte vielleicht selbst den ersten Gedanken dazu gegeben und den Plan geschmiedet, denn er war, wie er schreibt, als Knecht »zuvor bei den silber wagen gewest« und kannte daher jede Gewohnheit und Gelegenheit am besten.
Man handelte nach dem Ratschlag des Briefes. Durch Stollenarbeiter, welche dem Wagen weit entgegengeschickt wurden, durch den Förster und schließlich durch einige Mann Kavallerie wurde der Weg des kostbaren Silberwagens so stark gesichert, daß der verwegene Lips Tullian seinen Plan aufgeben mußte.
Doch auch eines Lips Tullian Verwegenheit und Raubsucht fand ihr Ende und wohlverdiente Strafe. Er, der starke Räuberhauptmann und Führer tollkühner wilder Verbrecher, wurde von einem Schneidergesellen überwunden. Zu Freiberg wars, am 19. September 1710, als Lips Tullian im Jägerkleide das Erbische Tor durchschritt. Der Torschreiber, Stadtkorporal Wilde, hielt den fremden, finsteren Gesellen an und fragte ihn nach seinem Passe. Lips ging frech vorbei und trat in das große Eckhaus mit den Worten: »Warum die Frage? Alle Wochen bringe ich Wildbret in die Stadt. Ich bin der Förster des Herrn von Hartenstein und brauche keinen Paß!« Der Torschreiber eilte ihm in den dunklen Hausflur nach, doch der Räuber packte ihn und stieß ihm den Hirschfänger in die Brust, ehe jener noch viel Lärm schlagen konnte. Doch ein Weber hatte die Untat gesehen und schrie Mord, ein Schneidergeselle sprang den riesenstarken Mann von hinten an und riß ihn zu Boden. Nach kurzem, wildem Kampfe war er gebunden und gefangen. »Freibergs armselige Spießbürger haben Lips Tullian überwältigt!« brüllte er wie ein Tier in ohnmächtiger, schäumender Wut. Mehr als ein Jahr saß er dann gefangen in der unterirdischen Zelle des Rathauses, aus der es kein Entrinnen gab, den stärksten Graden der Folter trotzte er hier, bis er am 14. November 1711 nach Dresden geschafft und im Gefängnisse »die Mohrenkammer« angeschmiedet wurde. Drei Fluchtversuche mißlangen ihm, ehe sein Mut gebrochen war und er seine Schandtaten alle eingestand. Zwei Tage und eine Nacht dauerten diese Geständnisse voller Blut und Grauen. Am 8. März 1715 wurde Lips Tullian dann mit seinen inzwischen auch ergriffenen Spießgesellen Sawberg, Eckold, Schöneck, Lehmann und Hentzschel in Dresden enthauptet. Ihre Körper wurden aufs Rad geflochten. –