Die Räuberromantik im grünen Walde, die wilden Raubfahrten durch Nacht und Gebirge, der Schrecken der Dörfer hatten ihr grausiges Ende gefunden, aber noch immer sind die Stätten seines unheimlichen Wirkens von einem unbestimmten Grauen umwittert, ein Grauen, daß ein furchtbares, unheimliches Geschehen ahnt und der geschäftigen Phantasie so weiten Spielraum gibt.

Was das Wandern im Thüringer Land so unvergleichlich genußreich und poetisch macht, ist, daß überall die Gestalten der Sage und Geschichte, von Poesie und Märchen mit uns wandern und das, was wir schauen, beleben und verklären. Sachsen ist nicht reich an solchen Stätten, aus denen uns Sage oder Märchen mit verträumten Augen anschaut und die Romantik uns grüßt. Sorgfältig müssen wir die wenigen Stätten solcher Romantik schonen, und wäre es auch nur Räuberromantik, und müssen wir pflegen, was durch die Phantasie und die Erinnerung des Volkes oder durch irgendeine halbverschollene Sage sein besonderes Gepräge, seine besondere Weihe erhielt. Jedes alte Sühne- oder Mordkreuz, um welches irgendeine dunkle Kunde wie ein Ton aus einem alten, verlorenen, vergessenen Liede klingt, hat so die Denkmalsweihe erhalten. Das Gedenken des Volkes schafft erst die rechten Denkmäler. Hier, dem lieblichen Tännichttal, das durch seine landschaftliche Schönheit und seine geologische Eigenart schon seine Weihe als Naturdenkmal in sich trägt, hat das Volk im gesunden, tiefen Empfinden noch diese besondere geistige Denkmalsweihe der Phantasie gegeben, den Schimmer der Räuberromantik. – Eine andere Romantik, die Jugendromantik, vermag auch das dürftigste Stückchen Erde zu verklären. Von einem ehrwürdigen Freunde des Heimatschutzes, der hier vor siebzig Jahren jung war, liegt ein Brief vor, aus dem diese Romantik herausklingt über das Tal wie das Rauschen von Bach und Bäumen, und die leisen wehmütigen Töne des Liedes: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar.« Er schreibt:

»An dieses liebliche Stückchen Erde, im besonderen an die über der ›Diebskammer‹ sich aufbauenden Felsenpartien knüpfen sich für mich die angenehmsten Erinnerungen aus meiner Jugend. Als Naundorfer Pfarrerssohn habe ich dort von meiner Tertianerzeit an bis in meine ersten akademischen Semester (1855–1861), in welch letzterem Jahre nach des Vaters Tode unsere Familie den Ort verlassen mußte, in den Ferienzeiten zahlreiche glückliche Stunden verlebt. Mit Hilfe eines mir befreundeten, jungen, für Romantik empfänglichen Lehrers hatte ich hier in etwa halber Höhe des Felsens ein Plätzchen für längeren Aufenthalt hergerichtet, einen Felsblock als Tisch, einen anderen moosbedeckten als Sessel, und in diese durch keine Straße gestörte Weltabgeschiedenheit flüchtete ich mich so oft wie möglich mit meinen Freunden aus dem altklassischen Altertume, Homer, Sophokles, Horaz usw. oder mit unseren deutschen Dichterheroen. Hier beschäftigte ich mich mit ersten poetischen (richtiger wohl›gereimten‹) Versuchen, übersetzte ich in das Deutsche einen Teil von Ovids Metamorphosen, und ich hatte immer die Empfindung, daß mir hier alles leichter von statten ging. Auch verträumte ich manche Stunde unter dem Rauschen der Tannen, dem Gesange der damals noch zahlreichen Vogelwelt, unter dem Murmeln des zwischen saftig grünen Wiesen durch den Grund fließenden, kristallhellen, von Forellen und Krebsen dicht bevölkerten Colmnitzbaches. Der Felsen senkte sich winkelförmig in die Erde und schien in eine Höhle zu führen, die von Steinen verschüttet war, in deren Geheimnis ich aber nie eingedrungen bin. Ob der berüchtigte, 1715 in Dresden hingerichtete Lips Tullian auch hier sein Wesen getrieben hat, weiß ich nicht, wäre aber bei der versteckten Lage der Diebskammer nicht unmöglich. Es wurde zu meiner Zeit von diesem Tale nur mit einer gewissen Scheu von den Dorfbewohnern gesprochen. Ich habe seinerzeit bei den Freiberger Gymnasialspaziergängen, die gewöhnlich über Niederbobritzsch nach Naundorf führten, nie versäumt, meine Freunde an diesen meinen Lieblingsort zu führen, ihn auch später ab und zu aufgesucht.«

O Klang der Jugendromantik und echter deutscher Träumerei aus dieser lieblichen Taleinsamkeit heraus, der wie von fernen süßen Glocken noch durch das Greisenalter tönt! Es klingt wie ein Vers von Mörike:

»Dämonischer Stille unergründlicher Ruh’

lauschte mein innerer Sinn.

Eingeschlossen mit dir in diesem sonnigen

Zaubergürtel, o Einsamkeit, fühlt ich

und dachte nur dich!«

Und dieser Felsen, dieser Ort, die so noch klingen und Tausenden noch klingen mögen, sollten dem Steinknacker ausgeliefert werden!? Damit einige geschickte Geschäftemacher gute »Geschäfte tätigen«, sollten die Felsen zu Straßenschotter verarbeitet werden und allmählich Meißel, Bohrer und Brechstange sich hineinfressen in die Talwände, bis alles weggefressen ist, was an Schönheit und höheren Werten Tausenden zur Freude, Erquickung und inneren Bereicherung diente.