Und Gottes goldne Sonne schwebt
Still über dem Bezirke.
Ein harziges Gedüfte
Durchwogt die warmen Lüfte.
(Scheffel.)
Wie ein silberner Steg für überirdische Füße schimmert der Bach im Grün und windet sich durch die saftige Aue, als wollte er diese Stätte nicht verlassen, sondern immer noch einmal umkehren und bleiben. Einzelne Baumgruppen von herrlicher Gestalt stehen hier und da mitten in der Wiese und flüstern ihm zu, und im weichen blauen Dufte dämmern die fernen Abhänge des Tales.
Dann fliegt unser Blick noch einmal hinauf zu den Felsschroffen, die dort oben rot in der Sonne leuchten, aus dem Waldesdunkel schimmernd emporsteigen. Wir schreiten dann weiter am Wiesenrand im smaragdenen Grund. Weiß glänzen die Stämme der Birken, jung und frisch, am Wege. Die Felsen dort oben entwickeln sich beim Rückschauen zu einer langen, gewaltigen Mauer, die mit schroffen Seiten, scharfen Spitzen und Kanten, nackt und kahl, nur mit dem bunten Gewande der Farbe bekleidet, aus dem Walde aufragt. Der Reichtum der Farben, die je nach Beleuchtung wechseln, je nachdem die Schatten der Wolken den Wald, die Wiese oder die ernsten Felsenstirnen streifen, gibt dem Bilde einen besonderen überraschenden Reiz. Wie ein tiefes, tiefes weiches, buntgesticktes Kissen ist die Wiese mit ihrem Duft und ihren Blumen, in das man sich hineinschmiegen möchte. Es plaudert der Bach unermüdlich an unserer Seite mit melodischer Stimme. Birken und Erlen streuen ihren Schatten mit den zarten Sonnenringeln auf Weg und Wiese und flüstern im weichen Sommerwinde leise von den alten Geschichten, die hier geschehen, denn dort drüben ragt aus dem Walde der Lips-Tullian-Felsen, der noch viel mehr davon weiß und erzählen könnte, daß – –! Der ist aber ein rauher, schweigsamer Geselle, der seine Geheimnisse wohl hütet und das junge Volk der Pflanzen und Bäume raunen und flüstern läßt. In seine Felsenstirne zogen die Jahrhunderte und Jahrtausende ihre tiefen Runen. Was ist ihm da noch kurzlebiges Werden und Wachsen, Menschenleid und Menschentat, was sind da die Geschlechter der Menschen, die hier vorüberschritten, was ist da Jugend und Alter? Gras, das zu seinen Füßen wächst, Bäume die an ihm wurzeln und abgehauen werden, wieder kommen und wieder vergehen in unendlicher Folge! Er schweigt und läßt die Sagen und Geschichten, welche aus Dickicht und Höhlen und Löchern hervorkriechen, welche mit geraubtem Golde funkeln und rotes Blut am Wege zeigen, wie Spukgestalten ihres Weges ziehen, schweben und zerflattern in Wind und Nebel und dem Rauschen des Waldes, daß niemand sie fassen mag, sondern die Angst scheu umschaut und nur ein unnennbares, unbestimmbares Grausen unheimlich um den Felsen mit dem Namen des Verruchten schleicht.
Wir wandern weiter und nähern uns dem oberen Ausgange des Tales. Der Weg steigt wieder an und löst sich vom Talgrund. Unter schönen, alten Fichten, aus dunklem Schatten hervor, blicken wir weit über die grünen Gründe, die im Sonnenlichte flimmern, hinaus in die duftige Ferne, wo blauende Höhenzüge sich zart vom Himmel abzeichnen. Der Bach ist ein silberner Spiegel im Vordergrunde, in dem sich Wolken und Bäume spiegeln.
»Ich steh im Waldesschatten,
Wie an des Lebens Rand,