Der Königstein.
Eugen Bracht, der große Meister der Farbe und Stimmung, hat ein kleines Gemälde vom Königstein geschaffen, in welchem mit poetischer Gewalt die Wucht dieses Felsblockes dargestellt ist. Wie ein ungeheurer Altar eines überweltlichen Riesengeschlechtes steigt er aus dunkelblauen Tales- und Waldestiefen in einen wolkenlastenden Gewitterhimmel empor. Gleich dem Rauch unermeßlicher Opfer ballen sich die Wetterwolken und ziehen in dunklen Geschwadern am Himmel über ihm. Will Asathor ausfahren, um Blitze über die Erde zu säen und seinen Donnerhammer gegen den Felsaltar zu schleudern? Ist es ein Riesendenkmal, in welchem sich ungeheures Geschehen, eines ganzen Volkes Schicksal, sein Jubel und sein Jammer, in wuchtiger Form ausprägt?
Es ist heroische Stimmung, welche uns der Maler in seiner Leidenschaft der Farbe und Stimmung hier im Bilde erleben läßt, Stimmung, wie er sie selbst einmal in besonderer Stunde empfunden und mit tiefer Seele aufgenommen hat.
Schildern und Emporheben, das Suchen nach der äußeren und das nach der inneren Wahrheit verschmilzt sich in ihm, wird ihm zum Bild, zum einheitlichen Ausdruck künstlerischen Erlebens.
Ja, der Königstein will belauscht, will erlebt sein. In Gewittertagen und im wonnigen Mai, wenn die Buchen leuchten in seligem Grün, im weißen Prachtgewande des Winters, der silbernes Geschmeide um die Herrscherstirne legt, und im goldenen Königsmantel des Herbstes, dessen schimmernde Schleppe in die Fluten der unaufhaltsam strömenden Elbe taucht, im Abendrot, wenn in feurigen Gluten Himmel und Erde, Nähe und Ferne brennen und langsam verglühen, im Nebelgewoge, das die Täler und Gründe mit weicher, geisterhafter Flut erfüllt, auf dem die Kuppen und Gipfel schwimmen wie blaue, mit blassen Opalen geschmückte Inseln auf märchenhaftem unwirklichem, milchweißem Meere, in dunkler weicher Nacht, wenn droben die unzähligen Sterne ihren schimmernden, ewigen Reigen durch die Unendlichkeit wandern und im Gebüsch die Leuchtkäfer als grüne Funken leise ihren kurzen nächtlichen Lebens-, Liebes- und Sternenreigen ziehen und schweben, während im Walde der Ruf der Eulen geisterhaft tönt, wie die Klage und der Sehnsuchtsruf armer, verlorener Seelen nach Erlösung, nach Erhebung aus bitterer Not und Leid. –
Um diesen Stein ist es etwas ganz Besonderes. Es ist als ob er eine Seele hätte, die vieles erlebt und empfunden, gelitten und genossen hat, davon zu schweigen weiß, die aber auch dem, der sie sucht, sich zu offenbaren weiß. –
Wir wollen diese Seele suchen gehen. Vielleicht wird sie sich finden lassen. – – –
Durch grünen Buchenwald steigen wir an der Flanke des Berges auf dem alten, mit Sandsteinblöcken gepflasterten Kanonenweg zur Festung empor. Weite Ausblicke ins Elbtal und auf die gegenüberliegenden Abhänge des rechten Ufers und drüben auf die dunklen Schroffen des Liliensteines, des stolzen Bruders des Königsteins, wechseln mit dichtem Wald und grünen Wänden von Buchen, Fichten und Gebüsch von Farnkraut, Heidelbeeren und Brombeergerank. Wuchtige Felsblöcke recken sich links am Wege hoch aus dem Dickicht, deren einer in einer Inschrift den Erbauer dieser Straße rühmt. Vom steilen Fahrweg windet sich dann ein steilerer Fußweg links zur Höhe. Da tauchen graue Mauern zwischen den Stämmen des Waldes über uns auf. Es sind die Mauern der »Flesche«, welche als niedrigeres mächtiges Außenwerk wie ein Sporn weit hervorspringt und das Tor, die Zugangsstraße und die Flanke der Festung schützt.
Vor uns leuchtet auf der Höhe des Weges beim Austritt aus dem Walde, wie ein Saal mit weichem, grünem Teppich die ebene Lichtung einer köstlichen Wiese, der Louisenwiese, zur Linken von steiler Mauer umfaßt. Darüber türmen sich wandsteile Felsen und schroffe Quaderwände zu unersteiglicher Höhe mit Vorsprüngen und Zinnen bewehrt und mit keckem Turm auf weitausladender Bastion, die Georgenbastion. Und droben, auf diesem gewaltigen Sockel thront die stolze Georgenburg, vier Geschosse hoch in die Lüfte ragend, welche die ältesten Teile der Burganlage umfaßt. Auf breiterer Straße stehen wir dann unmittelbar am Fuße der senkrechten Felsenmauern, aus denen das Quaderwerk der von Menschenhand geschichteten Sandsteinblöcke aufwächst. Weit springt im Rechteck ein gewaltiger Vorbau auf seinem Felsenunterbau hervor, das Horn, von dem die Seiten und die Zugangsstraßen wie von einem riesenhaften Turm vom Geschützfeuer bestrichen werden können. Ein rundes Türmchen mit Kuppeldach, Laterne und spitzem Helme klemmt sich malerisch in den Winkel des Vorsprunges. Es ist der kleine Seigerturm mit seiner Stundenglocke von Hans Hilliger in Freiberg aus dem Jahre 1603, welche das kursächsische Wappen und Widmungsinschrift trägt. Von dort oben schaute einst im Jahre 1698 der Zar Peter der Große in das wonnige, blühende Land mit seinen Feldern und Dörfern und reichen Kultur und dachte an sein fernes, wildes Rußland. Er nahm den Meißel zur Hand und ritzte seinen Namenszug in die innere Wand des Seigertürmchens zum Gedächtnis dieser Stunde, da er als Gast und Freund deutscher Art und Kultur hier geweilt. Der junge Goethe ritzte in begeisterter Stunde so seinen Namen in den Stein des Straßburger Münsterturmes, ehe er sein Werk begann, eine neue Welt des Geistes zu schaffen und zu beherrschen, seinem Volke und der Welt zu schenken. Des jungen Goethe Namen an der Stätte höchster geistiger und künstlerischer Kraft. Peters Name am Turm der Festung, wo Kraft und Herrschaft sich in wuchtiger Erscheinung zusammenballen, geritzt, ehe er sein Werk begann, seinem Rußland neue Welten der Bildung und Kraft zu erschließen, um so äußere Macht und Herrschaft in wuchtiger Form zusammenzuballen. – –
216 Jahre vergingen. Hindenburg hatte Tannenberg geschlagen. Da zogen die gefangenen Offiziere der russischen kaiserlichen Eliteregimenter hier ein und mußten Wohnung nehmen, unfreiwillig, vier Jahre lang und schauten sehnsüchtig in das wonnige, weite Land und dachten an Freiheit und das ferne Mütterchen Rußland und standen oft sinnend vor dem Namenszuge ihres großen Zaren.