Der große erste Zar, ein Freund der deutschen Kultur, führte sein Land aufwärts zur Höhe, der kleine, schwache, letzte Zar ein Feind der deutschen Art, führte sein Land in den Abgrund. Er wollte zermalmen und wurde zermalmt.

Die Straße am Fuße der Felsenmauer führt uns über eine Zugbrücke, die rote Brücke, durch ein offenes Vortor zum eigentlichen Festungstor. Gut ist die Straße durch Erdwälle geschützt, und einige stolze Pappeln stehen am Rande wie gewaltige Wächter oder eine königliche Leibgarde. Durch ein klirrendes, starkes, eisernes Gittertor treten wir auf einen kleinen Vorhof, von dem unsere Blicke aufwärts fliegen zu den mächtigen Felsen und Wänden, die uns fast im Halbkreis, wie in einem Kessel, umschließen. Felsen, aus denen wieder himmelansteigende Gebäude emporwachsen, die Georgenburg, Streichwehrgebäude und Kommandantenhaus mit funkelnden Fenstern. Vor uns liegt ein anderes Tor in wuchtigen Renaissanceformen, mit einem Gorgonenhaupt als Schlußstein, gekrönt von einer Wappenkartusche mit Königskrone und Waffentrophäen. Der Festungskommandant und Architekt des Königs August II., des Starken, Johann von Bodt (1670–1745) hat den Entwurf dazu gezeichnet, der noch erhalten ist mit dem Handzeichen des Königs und auf dem Architrav die nicht ausgeführte Inschrift trägt:

»Konistein bin ich genant

Ein Konig bracht mich in Stand.«

Wir durchschreiten den gewölbten Torweg und stehen im zweiten, feuchten, finsteren, engen Hofe, unmittelbar am Fuße der ungeheuren Mauern. Bedrückend wirken diese aufgetürmten Massen über diesem engen, verließartigen Kessel, auf dessen Grund kaum ein Sonnenstrahl gelangt. Eine steile Bohlenrampe steigt aus ihm aufwärts zu dem hochliegenden Tore einer schwarz gähnenden Tunnelmündung, in der ein starkes Fallgatter aus eisenbewehrten, spitzigen Pfählen drohend herniederhängt.

Über diesem Tor mit Dreiecksgiebel und Rüstungstrophäen über den Eckpilastern ist das Reliefbild Augusts des Starken angebracht, dessen königliche Baulust auch hier auf dem Königstein sich betätigte.

In dem finsteren Tunnel, der »Appareille«, geht es steil aufwärts. Feuchte, kalte Kellerluft weht uns an, als müßten wir in ein unheimliches Felsverließ hinein. Unsere Schritte hallen wieder von den gewachsenen Felsenwänden, aus denen dieser Aufgang herausgehauen ist, hallen wieder von dem schweren Gewölbe, das schwarz über uns lastet. Als hier die gefangenen Russen 1914 aus lichtem, warmem Tage diesen unheimlichen schwarzen Gang aufwärts geführt wurden, da wurde auch mancher tapfere Mann bleich, denn sie glaubten, sie müßten für immer vom Sonnenlichte scheiden.

An einem Knickpunkt des Aufganges ist eine mächtige Winde angebracht, durch welche die Wagen die schiefe Ebene aufwärts gewunden oder vorsichtig herabgelassen werden. Mag heute auch meistens der elektrische Aufzug an der Außenwand der Festung diesem Zwecke dienen, so ist doch diese altertümliche, gewaltige Wagenwinde noch keineswegs ganz außer Dienst gestellt. Unter der Decke des Aufgangs gewahren wir hier Schießscharten, von welchen der Aufgang mit Feuer bestrichen werden kann, so daß dieser Aufgang geradezu zu einer Blut- und Todesgasse für den Angreifer werden müßte, der hier zu stürmen wagte.

Da leuchtet uns endlich wieder das Tageslicht, und zwischen den Felsmauern ansteigend führt uns der gehauene Gang unter freiem Himmel das letzte Stück aufwärts. Wir sehen grüne Baumkronen hoch über uns im Winde sich bewegen, hören den jubelnden Sang der Vögel und über die Mauer hängt ein Fliederbaum seine duftenden Dolden in die kalte, enge Felsengasse, wie einen Gruß aus Sonnenwärme und Licht. Tief atmen wir auf und unsere Brust hebt sich dem goldenen Tage entgegen. Die Hochfläche des Steines, des königlichen Felsens betritt nun unser Fuß, und es ist uns, als wären wir in einer anderen Welt und Zeit, fern vom Alltage, über dem Tagesgetriebe und näher der Vergangenheit.

Im Herzen der Festung befinden wir uns, auf dem Königsplatz, um den sich die Hauptgebäude gruppieren, Kommandantur und Brunnenhaus, Magdalenenburg, Kirche, neues Zeughaus und Kommandantenhaus. Kunstreich gezierte bronzene Kanonenrohre mit Kurwappen und Medaillons, die Monate darstellend, aus dem Jahre 1686 und andere ähnlich geschmückte aus dem 18. Jahrhundert liegen im Kreise unter den hohen rauschenden Bäumen des Platzes.