Unser Weg führt uns dann rings auf dem Wall an den Zinnen und Brüstungsmauern der Festung entlang, um unsere Wimper erst mal satt trinken zu lassen von dem goldenen Überfluß der Welt, die sich zu unseren Füßen breitet, und Erinnerungen steigen auf an Stunden, die vorüber sind, an Zeiten, Männer und Schicksale ferner Vergangenheit. Die Steine fangen an zu leben, zu flüstern, und ihr heimliches Raunen eint sich mit den großen Linien und Rhythmen der Landschaft ebenso wie mit ihrer wonnigen Lieblichkeit zu unsern Füßen zu einer einzigartigen Symphonie, der auch dunkle Untertöne und Mißtöne nicht fehlen. Es mag im Sachsenlande wohl kaum eine Stätte geben, wo die umfassende Herrlichkeit der Landschaft sich mit Sage und Geschichte zu so eindringlicher Wirkung verbindet. Es mag kaum eine Stätte geben, wo neben rauschenden Festen, königlichem Prunk und übersprudelnder Genußfreude soviel Elend, Verzweiflung, Wut und Schmerzen ihren Weg zum Himmel suchten, wie hier auf dem Königstein, ein Stein des Fluches einst für viele und doch ein königlicher Stein.

Wir stehen an der Friedrichsburg, ursprünglich Christiansburg genannt, welche 1589–1591 Kurfürst Christian I. durch seinen Architekten Paul Puchner aus Nürnberg und Hans Irmisch aus Freiberg auf einem Felsenvorsprung der Nordseite hoch über der Elbe errichten ließ. Christian I. war es ja, der den Felsen eigentlich erst zu einer Festung ausbauen ließ. Er ließ 1589 rings den Felsenrand mit starker Brustwehrmauer versehen und schuf den neuen, sicheren Aufgang, durch den wir auch heute den Felsen betreten haben, unter Benutzung einer natürlichen Kluft, die er überbaute und befestigte, so, daß »die seite des ganzen Berges sampt des Weges und Porten mit 10 oder 12 Soldaten verwarrt werden« konnte. Er legte auch eine ständige Besatzung auf die Festung, und baute für sie eine Kaserne, die heute noch erhalten ist, und in ihrer charakteristischen Anlage wohl eines der ältesten Beispiele derartiger militärischer Bauten ist.

Die Christiansburg auf ihrer sturmfreien, unersteiglichen Höhe an einem der schönsten Punkte des Sachsenlandes galt aber nicht der Befestigung, sondern ist ein Lustschlößchen mit wunderbarer Aussicht elbaufwärts und elbabwärts und auf die malerischen Felsen der sächsischen Schweiz im Basteigebiet und drüben auf den stolzen Lilienstein. Tief unten im Grunde zieht der Strom majestätisch in großer Windung dahin und trägt die Kähne und die Flöße aus dem Böhmerland vorbei und aus dem Walde zu den Füßen steigt der Duft der Buchen empor, klingt das Lied der Singvögel und das Kichern des Spechtes. Ein uneinnehmbarer Festungsklotz, ein unzerbrechlicher Felsenriegel für das Elbtal und doch ein Ort für jauchzende Lebenslust und jubelnder Daseinsfreude in seiner landschaftlichen Schönheit. Da ist es kein Wunder, daß Sachsens Fürsten immer wieder hierher geeilt sind zur Freude und auch in der Stunde der Gefahr, und daß sie auch ihre Gäste hierherführten. 1652 weilte hier der große Kurfürst, 1698 Peter der Große, 1728 Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der Soldatenkönig mit seinem Sohn, dem großen Friedrich, der später hier wieder ein freilich unwillkommener Gast war, 1813 Napoleon I., der Franzosenkaiser kurz vor seinem Sturz. Hier in der Friedrichsburg, hoch über der Landschaft königlich thronend, fanden die frohen Feste und Gastereien statt. Es ist ein äußerlich schlichter, achteckiger Pavillonbau von 11,4 m Durchmesser von zwei Geschossen mit gebrochenem Mansardendach. Ursprünglich führte nur ein rundes Treppentürmchen zum oberen Spiegelsaal mit seinen Deckengemälden und den zehn großen Aussichtsfenstern, durch welche sich nach jeder Richtung ein neues, reizvolles Landschaftsbild bietet.

August der Starke ließ jedoch an Stelle des Türmchens 1721 eine zweiarmige Freitreppe mit reicher Balusterbrüstung und Vasenschmuck anlegen. Seine Absicht, auch noch durch Flügelbauten und Bogengänge dieses architektonische Schmuckstück noch weiter auszubilden, die in noch erhaltenen Zeichnungen festgelegt ist, ist nicht zur Durchführung gekommen.

Im unteren Saale der Friedrichsburg feierte am 12. August 1675 der Kurfürst Johann Georg II. ein Hoffest. Sein Page Karl Heinrich von Grunau hatte dabei dem guten Meißner Wein, der im großen Fasse der Magdalenenburg ja unerschöpflich schien, zu ergiebig zugesprochen im Hochgefühl der Stunde auf dem königlichen Stein. Die Umtrunkhumpen jener trunkfesten Zeit hatten auch noch etwas anderes Format als unsere Gläschen heutzutage. Bunte Gläser von 2–3 Liter Inhalt sind heute noch in der Friedrichsburg zu sehen. Im Rausche stieg Grunau aus dem Fenster auf einen schmalen, etwa 60 cm breiten Felsenvorsprung herunter und legte sich mit der Sicherheit eines Nachtwandlers am Rande des Abgrunds nieder auf dem harten Stein und schlief, in der Meinung daheim im Bette zu sein, fest und sorglos ein. Nur der geringsten Wendung bedurfte es, und er stürzte in die Tiefe hinunter. Glücklicherweise wurde er zeitig entdeckt. Als man dem Kurfürsten das halsbrechende Ruheplätzchen zeigte, ließ er den Schlummernden erst anbinden und dann mit Trompeten und Pauken wecken. Grunau mag in seinem Leben dieses gefährliche Lager, das man heute noch »das Pagenbett« nennt und zeigt, nicht vergessen haben, obschon er 106 Jahre alt wurde und erst beinahe 70 Jahre später, am 9. Dezember 1744 starb. Er war kein unreifer Jüngling mehr, obschon er Page war, als er dieses steinerne Bett am Abgrund sich suchte, sondern ein Mann von 37 Jahren. Als Greis von 102 Jahren machte er noch in Bischofswerda 1740 August dem Starken auf seiner Reise nach Polen seine Aufwartung.

Im Jahre 1756 stand hier ein anderer sächsischer Fürst, August III., mit seinen beiden Söhnen, den Prinzen Xaver und Karl, und mit seinem mächtigen, unheilvollen Minister Brühl an der Friedrichsburg und schaute schweren Herzens in ohnmächtigem Zorn hinüber nach dem Lilienstein, nach der Ebenheit, aus welcher sich der Felskoloß dort drüben erhebt, und sah den Untergang seines Heeres. Das sächsische Heer, 18 000 Mann stark, hatte nicht vom Lager in Pirna her rechtzeitig die Verbindung mit den Österreichern unter Brown aufgenommen, der bei Schandau stand und mit 9000 Mann auf die Sachsen vom 11.–14. Oktober wartete. Diese waren, nachdem sie das letzte Brot gegessen hatten, erst in der Nacht auf den 13. Oktober auf einer Schiffbrücke über die Elbe gegangen und standen nun dort am Fuße des Liliensteins bei strömendem Regen in einem ungangbaren Gelände, und konnten nicht vorwärts und rückwärts. Von allen Seiten rückten die Preußen heran, wie in einem Kesseltreiben. Ein Durchbrechen ihrer Reihen war nicht möglich. Am 14. Oktober erteilte August, der von dort oben mit eigenen Augen voller Grimm zusehen mußte, wie Friedrich die Schlinge zusammenzog, seinem Halbbruder Rutowski die Vollmacht zum Abschluß der Kapitulation mit Friedrich. Die ganze sächsische Armee wurde kriegsgefangen, die Mannschaften durch einen erzwungenen Fahneneid dem preußischen Heere einverleibt, den Offizieren die Wahl zwischen Gefangenschaft oder Übertritt in den preußischen Dienst gelassen. Doch die Ehre wurde gewahrt: 568 Offiziere gingen lieber in Kriegsgefangenschaft, nur 53 Offiziere in preußischen Dienst. Die Mannschaften entflohen später zum großen Teil und flüchteten sich nach Polen und Österreich. Der König selbst verließ am 20. Oktober 1756 früh 5 Uhr mit seinem Gefolge den Königstein in 33 Wagen, um nach Polen zu eilen und traf am 27. Oktober in Warschau ein.

Der siegreiche Feind im Land, der König und sein allmächtiger Minister auf eiliger Flucht, das Volk und Land in seinem Elend und Not verlassend, um sich in bequeme Sicherheit zu bringen. – – Wie stimmte das zu seinen stolzen Worten in der Schicksalsstunde seiner Armee, als er vor ihrer Kapitulation vom sicheren Königstein ihr zurief: »Der König zieht es vor zu sterben, mit seinen Offizieren zu sterben, als solch eine Schmach zu überleben!« Worte, denen keine Taten folgten! Er war kein Held. Die von Brühl geflissentlich genährte Bequemlichkeit war sogar stärker als das einfache Pflichtgefühl. Das erste Jahr des siebenjährigen Krieges hatte hier unter den Felsen des unüberwindlichen Königsteins unter den Augen eines energielosen, mißleiteten Königs eine für Sachsen verhängnisvolle Wendung genommen. – Heute noch werden hie und da Kanonenkugeln aus jenen schicksalsschweren Tagen auf der Ebenheit aus dem Ackerboden gepflügt.

Auch Napoleon suchte vergebens 1813 auf der Ebenheit sich einen Stützpunkt am Fuße des Liliensteines zu schaffen durch Errichtung eines befestigten Lagers, als Mittelpunkt einer starken Verteidigungslinie gegen die Österreicher von Stolpen über den Lilienstein bis an die böhmische Grenze bei Peterswalde. Reste der Schanzen sind noch vorhanden. Doch Napoleons Stern war erblichen. Auf Leipzigs Fluren sank er in den Staub. – – –

Als 1914 nach dem großen Kesseltreiben Hindenburgs bei Tannenberg die russischen Offiziere auf dem Königstein unfreiwilliges Quartier fanden, wurde ihnen der obere Saal der Friedrichsburg zunächst für ihre Gottesdienste zur Verfügung gestellt. –

Wunderbarer Wandel der Geschicke! Der Raum ausgelassenster Weltfreude eines August des Starken und seiner Nachfolger wird Stätte des mystischen, fremdartigen, russischen Gottesdienstes. Der Pope mit schwarzem Bart und langen schwarzen Locken aus dem Innern Rußlands steht im bunten, reichgestickten, langwallenden Ornat vor dem Altar mit der großen Bilderwand, die einer der gefangenen Offiziere gemalt hat. Daneben der Männerchor, aus allerlei Stämmen Rußlands, der die Orgel ersetzt, mit seinen tiefen, weichen, dunklen Stimmen und den eigenartig schwermütigen, einförmigen Gesängen, welche die Molltonarten und Tonfolgen in halben Tönen so bevorzugen. Von oben schauen verwundert die Köpfe der Zwölf- und Sechzehnender mit ihren gewaltigen Geweihen hernieder auf dieses seltsame Tun und Treiben, das zu dem deutschen Königsfelsen hoch über deutschem Wald und Strom, zu diesem Raum, in dem noch das Lachen derber Weidmannslust, das Jauchzen lebensfroher Trinkgesellen aus zwei Jahrhunderten zu hängen scheint, so gar nicht recht passen und stimmen will. –