Einer der gefangenen Generäle, General von Dehn, aus deutschem Blut und baltischem Geschlecht, sah oft gedankenvoll von hier nach dem Basteifelsen hinüber. Ein Jahr zuvor hatte er die Bastei mit seiner Gattin auf einer Deutschlandreise besucht. Hatte dort drüben gestanden, zum Königstein mit ihr hinübergeschaut und ihr diesen berühmten Felsen gewiesen. Damals hatte er nicht gedacht, daß er sobald diesen Felsen wiederschauen und unfreiwillig so eingehend kennenlernen würde, daß er, der Mann aus der Umgebung des Zaren, sobald wieder eine Reise aus dem fernen Rußland, jedoch ohne Gattin, aber mit Kameraden, in die Sächsische Schweiz machen würde!
Er schüttelt tiefsinnig sein bartloses Haupt und wandert mit gesenktem Blick über den Wall mit raschem, kurzem Schritt. Gefangensein, tatenlos, ist schweres Soldatenlos! Wunderbarer Wandel der Geschicke! –
Diesen Wandel der Geschicke, und daß das Glück eine feile Dirne ist, haben manche erfahren müssen, die hier auf dem Königstein geweilt haben. Fürstengunst war manchmal ein Strick, der aus dem Dunkel, aus der Tiefe aufwärts zog – – aber manchmal viel höher, als es einem gesunden, ehrlichen Hals lieb sein konnte: Gleich neben der Friedrichsburg stand ein Baum, der einen Ast weit über die Brüstungsmauer gerade hinausreckte über den tiefen Abgrund. Am 7. Juli 1610 trug er eine absonderliche Frucht. Es war der bisherige Kommandant der Festung selbst, von Beon, der nach Kriegsrecht über die Festung hinausgehangen wurde, weil er angeblich Holz, Bretter, Schanzzeug usw. veruntreut hatte. Seinem Halse mag die Schlinge der Fürstengunst bald zu eng geworden sein. Ein Kreuz in der alten Brüstungsmauer zeigt die Stelle, wo er auf Wunsch seines Fürsten so aussichtsreich sein Leben aus Luftmangel schloß angesichts der großen, stillen, weiten Elblandschaft. –
Noch ein andrer mag in mitternächtlicher Stunde zur Johannisnacht, wenn geheimnisvolle Kräfte sich regen und, was stumm und tot ist, Sprache und Leben gewinnt, über den Wandel der Geschicke sich wundern. Es ist der riesige Bacchus mit seinem Satyrgefolge, der in das Erdgeschoß der Friedrichsburg wie in ein enges Gefängnis verbannt ist. Wie gern würde er wohl in geisterhaft schöner Vollmondnacht hinüberwandern nach der Magdalenenburg, in die ungeheuren Felsengewölbe hinabsteigen und sehen, ob nicht vom großen Faß ein Zug zu schlürfen wäre, von dem Fasse, dessen Schutzgott, Schmuck und am engsten verbundener Freund er einst war, einen langen Zug und Schlurf zu tun, der für 100 Jahre der Trockenheit und des Staubes vorhält. Der Kelch in seiner hocherhobenen Hand ist trocken und leer und die Gewinde von Weintrauben geben keinen perlenden Saft. Wenn er aufspringen würde, so würde er die Decke durchstoßen, und das Haus auf seinen Schultern davon tragen. Ja, die Zeiten sind nüchtern und trocken geworden, der Sang ist verschollen, der Wein ist verraucht, das große Faß ist zerschlagen, all der bunte Zauber ist verstoben und zu Asche geworden.
Was mögen das für feuchtfröhliche Kellerfeste gewesen sein dort drüben in der Magdalenenburg. Im Grundstein war 1620 ein mit edlem Wein gefülltes Glas versenkt worden und nun lebte der fröhliche Geist des Weines in den mächtigen Gewölben. 1624 wurde ein Faß mit 2222 Eimer Inhalt aufgestellt und diente 50 Jahre etwa seinem Zweck. Dann folgte 1680 ein Faß mit 3319 Eimer Inhalt. 16 Wochen dauerte seine Füllung mit Meißner Wein! Doch August dem Starken genügte das nicht. Von seinem berühmten Architekten Pöppelmann ließ er Zeichnungen machen und dann ein Faß bauen, das seinesgleichen nicht hatte. Die Schauseite war reich geschmückt mit Holzschnitzerei. Oben das reiche sächsisch-polnische Wappen mit der Königskrone darüber, Weingehänge und rechts und links zwei am Rande emporkletternde Satyrn und auf dem unteren Rande sitzend unser prächtig modellierter Bacchus. Auf acht gewaltigen Lagerböcken ruhte der Riesenleib des Fasses. In halber Höhe umschloß ihn wie ein ungeheurer Gurt die die Böcke zu einem festen Lager verbindende Riesenzarge, auf der zum Schmucke die Reihen der mächtigen Humpen und allerlei Schaustücke standen. Da stand ein großer, hölzerner Becher, den Kurfürst August gedreht, dort ein silbernes Fäßchen mit 14 immer kleineren, eingesetzten silbernen Bechern, dort ein silberner Ziehbrunnen mit Säulen und Dach von Silber, dort eine silberne und vergoldete, 18 Zoll lange und an der Mündung 2¾ Zoll weite, auf einer Ebenholzlafette ruhende Kanone, dort ein silberner, vergoldeter, 6 Zoll hoher und an der Mündung 3 Zoll weiter Mörser (beide als Becher zu gebrauchen), dort ein venetianisches Glas, das 6 Maß hält und einen Deckel von 3 Maß Weite hat, dort noch andere Trinkgefäße von besonderen Maßen und Formen und für urweltlichen Durst. 30 eiserne Reifen umspannten den Riesenleib des Fasses, von denen jeder 7 Zentner wog. 10 m Länge und 7 m Durchmesser hatte das Ungeheuer und 3709 Eimer schluckte sein unersättlicher Bauch, das sind 2500 hl, 376 hl mehr als das große Heidelberger Faß. Sein Rücken trug einen geräumigen Boden von zierlicher, vasengeschmückter Brüstung umgeben, auf dem große Tafel und Tanz stattfinden und dem Gotte des Weines in bacchantischer Lust geopfert werden konnte.
Wie das Weinfaß und die Trinkgefäße von besonderen Maßen waren, so war auch der Durst und die Trinkfähigkeit in jenen früheren Jahrhunderten von manchmal erstaunlichem Ausmaß. Der Meistertrunk von Rothenburg o. d. T., den der Alt-Bürgermeister Georg Nusch am 30. Oktober 1631 tat, um seine alte, gute Stadt vor der Verwüstung durch Tillys Scharen zu retten, ist bekannt. Noch heute erscheint ja seine Gestalt, wenn mittags die Uhr zwölf schlägt, oben am Fenster der ehemaligen Reichstrinkstube am Markt in Rothenburg mit dem Schweden, setzt den gewaltigen Humpen an und leert ihn (über 3 Liter Inhalt) im langen Zuge zum Erstaunen seines Feindes. Ein andrer solcher Kämpe mit dem Humpen war Veit von Bassenheim, der ein silbernes Becken, das 8 Weinflaschen faßte, dreimal hintereinander leerte und sich so von dem Ordensmeister Winrich von Kniprode die Schloßhauptmannschaft der Marienburg erkneipte. Ein großer Held im Wettrinken war auch der kurbrandenburgische Oberkämmerer Kurt von Burgsdorf, der bei jeder Mahlzeit 18 Maß Wein vertilgte, und sich im Trinkkampf manches Schloß und Dorf gewann, anders als der Herr von Rodenstein, der alle seine Dörfer zu Heidelberg im Hirschen vertrank. Von den Mengen, die in jenen trunkfesten Zeiten täglich getrunken wurden, gibt eine Hoftrinkordnung Kunde, die 1648 an dem für besonders mäßig geltenden Hofe des Herzogs Ernst des Frommen zu Sachsen-Gotha erlassen wurde. Danach wurden »die gräflichen und adligen Frauenzimmer« auf vier Maß Bier am Tage und drei Maß des Abends gesetzt.
Hier, im Keller der Magdalenenburg, wo wohl seltener »gräfliche und adlige Frauenzimmer« als vielmehr Kriegsmänner, alte »Kriegsgurgeln« mit ausgepichten Kehlen die Runde bildeten, mag manches scharfe Trinkturnier ausgefochten sein, da ja der edle Stoff unerschöpflich war. »Ich hab ein Igel im Bauch, der muß geschwummen haben«, hat mancher da gedacht.
Wild mag es auch manchmal hergegangen sein, wenn der starke König dort seiner Kraftnatur die Zügel schießen ließ, und sein Kommandant, der Generalleutnant Freiherr von Kyau, mit seinen lustigen Einfällen und derben Späßen die Runde der übermütigen Zecher erheiterte, daß das Gewölbe vom Lachen der rauhen Kehlen erdröhnte. – –
»Iz rinnit nich ein tropho mêr,
Der wîn ist vortgehupfit …