Ou wê mîn grôzaz vaz stât lêr,
Sie hâ’nt mirz ûz gesupfit!«
Das Faß wurde 1819 zerschlagen. Das Lachen in der Magdalenenburg ist längst verstummt, schwarz und finster liegen die mächtigen Kellergewölbe wie ein Grab vergangener Größe. Nur der Bacchus sitzt mit den Satyrn trocken und verstaubt im engen Raum der Friedrichsburg. Wenn er reden könnte, was würde er erzählen, wovon kein Buch mehr weiß! Geh hin in der Johannisnacht, wenn der Vollmond scheint. Fülle ihm seinen Becher mit edlem Wein und trinke ihm dann zu, erzähle ihm vom deutschen Rhein und deutschem Wein, von deutschem Glück und deutschem Leid, von deutscher Not und deutscher Rache, vielleicht erwacht er vom Duft der Reben und redet dann, was er erfuhr in tollen Nächten, was er erlauscht in mehr als 100 Jahren, was keiner mehr sonst weiß, vielleicht von deutscher Seele und deutscher Tat, vielleicht ein Wort, das stark macht und Begeisterung schafft, wie edler Wein – – vielleicht!? –
Ja, sonderbare Geister gehen auf dem Königstein um! Da sitzt der Goldkoch Baron von Klettenberg über seine Tinkturen gebeugt. Er wollte dem König, der soviel Gold brauchte und für seine kostspieligen Neigungen durch seine Hände rollen ließ, eine Universaltinktur zum Goldmachen liefern, die überdies durch gewisse Handgriffe einer unendlichen Vervielfältigung fähig sei. Das gefiel August dem Starken, aber als seine Vorschüsse verbraucht waren, ohne das ersehnte Gold zu schaffen, setzte ihn August aus dem fröhlichen, üppigen Dresden auf den ernsten, knappen Königstein, um hier die Goldtinktur zu finden. Mehrere Fluchtversuche des Abenteurers mißlangen. Mit einem Federmesser, das er heimlich in den Schuhen trug, arbeitete er sich in der siebenten Woche seiner Gefangenschaft in der Walpurgisnacht 1719 durch den Fußboden seines Zimmers in der Georgenburg hindurch und ließ sich dann in tollkühnem Wagemut an einem aus seinem zerschnittenen Mantel gefertigten Seil glücklich über den turmhohen Felsen hinab. Glücklich erreichte er die Nähe des Pfaffensteins, da verriet ihn seine Eitelkeit. Im Busche von Gorisch begegneten ihm die Bauern Blumentritt und Roschig, denen er verdächtig vorkam, so daß sie ihn ergriffen und ein scharfes Verhör mit ihm anstellten. Er sei der Hauslehrer eines Pfarrers der Gegend, behauptete er keck. Fast hätten sie ihn wieder laufen lassen, doch halt, da sahen die schlauen Bauern seine schönen rotseidenen Strümpfe mit silbernen Zwickeln, wie kein solch armer Schlucker von Hauslehrer besitzen konnte. Blumentritt und Roschig nahmen ihn in die Mitte, und er mußte den unfreiwilligen, bitteren Weg zur Festung zurück antreten.
Er wurde nun in ein festeres Zimmer im Erdgeschoß der Georgenburg gebracht, brach aber am 10. Januar 1720 auch aus diesem aus und wäre fast entkommen, als er plötzlich abrutschte und 20 m herab in einen mit Schnee gefüllten Graben immerhin noch glücklich stürzte. Er wurde von der durch das Geräusch aufmerksam gewordenen Wache entdeckt und zurückgebracht. Er hatte ja allerlei auf dem Kerbholz und wurde auch wegen eines Duells vom Magistrat seiner Vaterstadt Frankfurt a. M. verfolgt. Seine Auslieferung oder Hinrichtung wurde von dort beantragt. Es wurde ihm nach so hartnäckig wiederholten Fluchtversuchen der Prozeß gemacht und das Todesurteil gesprochen. Als Kyau ihm diese Nachricht brachte, hielt er es für einen Scherz. Aber Kyaus, des sonst so übermütigen, humorvollen Spötters Ernst war nur zu echt. Klettenberg, der so oft sich aus den heikelsten Lagen seines Abenteurerlebens herausgewunden hatte, gab die Hoffnung nicht auf und fragte noch auf dem Wege zum Richtplatz am 1. März 1721 den Henker mit bedenklicher Miene, ob er denn nun wirklich den letzten Gang tun müsse. Seine Eitelkeit, oder war es Stolz und Todesverachtung, verließ ihn auch nicht in der letzten Stunde: Er ließ sich in einem reich mit Silber gestickten Scharlachrocke enthaupten und bat sich als letzte Gnade aus, ihm, da er nicht mehr könne, im Sarge die große Allongeperrücke wieder aufzusetzen, die er beim Köpfen natürlich ablegen mußte. Seelengröße und Lächerlichkeit stehen hier nahe beieinander.
Sinnend stehen wir vor dem kleinen Steinkreuz, das auf seinem Richtplatz errichtet wurde und jetzt auf einem der Wälle in der Nähe der Königsnase noch erhalten ist, und denken dieses kühnen, abenteuerlichen und merkwürdigen Mannes, der so recht ein Kind seiner Zeit war, emporgetragen aus dem Dunkel in ein glänzendes Leben, bald oben, bald unten in der Sonne der Fürstengunst, im Kerker, schließlich Schaffot und dann im Sarg im silbergestickten Scharlachrock und mit Allongeperrücke, im Tode noch den Grandseigneur spielend, obschon der Kopf vom Rumpf getrennt war.
Dem anderen Goldmacher des Königsteins ging es besser, Johann Friedrich Böttcher, der Porzellanerfinder, der durch seine Erfindung mehr als Gold dem Sachsenlande erschloß, nämlich eine Quelle der Arbeit, der Kunst und durch die Jahrhunderte strömenden Segens. Auch auf dem Wege über die geheimen Künste kam er im Jahre 1704 ganz zufällig auf die Erfindung eines braunroten Porzellans, welches alle bisherigen Leistungen dieser Art an Dauer und Schönheit weit übertraf. Man erkannte die Wichtigkeit seiner Erfindung, überhäufte ihn mit Ehren und Schätzen, aber war auch ängstlich besorgt, daß er eines Tages so plötzlich, wie er aufgetaucht war, auch verschwinden könnte. Er mußte sein Laboratorium von Dresden auf die Albrechtsburg in Meißen verlegen, wo er zwar Tafel und Equipage, aber zugleich einen Leutnant zum beständigen Gesellschafter erhielt.
Aber diese Herrlichkeit war von nur kurzer Dauer. Als 1706 die Schweden unter Karl XII. in Sachsen einfielen, wurde er wie ein kostbares Wertstück mit drei seiner eingeweihtesten Gehilfen auf den Königstein geschafft, weil man ihn in Meißen nicht sicher glaubte, auch wohl ihm nicht traute, und ihn und seine Kunst den Schweden nicht gönnte. Es war dies der wirksame Patentschutz jener Zeit, daß man den Erfinder einfach einsperrte. Böttcher kam, für einen unbekannten Arrestanten geltend, mit seinen drei Arbeitern am 26. August 1706 auf der Georgenburg an, wurde zwar aufs beste behandelt, zugleich aber auch auf das schärfste bewacht. Sein Zimmer war sogar mit einem starken Vorlegschlosse versehen. Es lag im Obergeschoß der Georgenburg, deren Zimmer sich nach offenen, loggiaartigen Bogengängen zum Hofe hinaus öffneten. Hier blies der scharfe Wind quer durch das Zimmer, durch Fenster zur Tür, und der Schnee lag im Bogengang vor seiner Schwelle. Er klagte über sein rauhes Quartier und wärmte sich auch wohl an seinem kleinen Brennofen in den Gewölben des Erdgeschosses, wo die ältesten Teile der Burg des alten Kaiserschlosses mit gotischen Türgewänden und Bögen heute noch erhalten sind. Er war noch jung, erst 20 Jahr, und ließ sich die Heiterkeit nicht lange stören, vertrieb sich die Zeit, so gut es ging, schrieb Gedichte, unter andern ein Lehrgedicht auf die Eitelkeit der Dinge und schmiedete heimlich Fluchtpläne, die aber nicht zur Ausführung kamen. Nach 1 Jahr und 9 Wochen wurde er wieder nach Dresden geschafft, wo er dann seine Erfindung weiter vervollkommnete. Über sein Laboratorium schrieb er dort den Vers:
»Gott unser Schöpfer
hat gemacht aus einem Goldmacher einen Töpfer.«