Als »Töpfer« war er jedenfalls besser als wie als Dichter!
Auch in Dresden hatte er zwar alle Bequemlichkeiten und Ehren, nur keine Freiheit. Überall, wohin er sich begab, begleitete ihn ein wachthabender Offizier. Der König schätzte ihn ungemein, wohnte öfters seinen Versuchen bei, machte ihm mehrere Geschenke, schoß mit ihm nach der Scheibe, nahm ihn mit auf die Jagd und erwies ihm andere Ehren.
Böttcher verstand sich aber aufs Geldeinteilen schlecht. Er war umlagert von Leuten, die seine offene Hand mißbrauchten und an ihm zogen. Seine Familie kostete beträchtliche Summen und von schlechten Menschen wurde er hintergangen und betrogen. Er selbst liebte unmäßig starke Getränke, hielt in Meißen, wohin 1710 die Fabrik wieder auf die Albrechtsburg verlegt war, beständig offene Tafel für viele Personen, schaffte sich 20 und mehr Hunde an, kaufte die seltensten und teuersten Gewächse usw. Nachdem er durch unmäßigen Gebrauch von Branntwein und Tabak usw. seinen Körper geschädigt, seine Lebenskraft vergeudet hatte, starb er nach kurzer Krankheit in Dresden am 13. März 1719 erst 33 Jahre alt und hinterließ dem Lande sein großes Werk mit seiner reichen Zukunft, für seine Person aber nur Schulden. – –
Noch mehr Geister abenteuerlicher Gestalten wandeln in heimlichen oder unheimlichen Stunden auf dem Wallgang des Königsteins umher. Da ist der Livländer Patkul, welcher in den Kämpfen und Verhandlungen zwischen Schweden, Rußland und Sachsen eine hervorragende Rolle spielte, und, sei es durch Schuld sei es durch Schicksal, schließlich von den Herren aller drei Länder, von Karl XII., Peter dem Großen und August dem Starken als Verräter angesehen wurde und eines furchtbaren Todes starb. Er wurde von Karl XII. gefangen nach Polen geschleppt und endlich am 30. September 1707 auf eine scheußliche Art gerädert, denn der Henker gab ihm 15 Stöße mit dem Rade, ohne ihn zu töten, so daß Patkul endlich mit zerschmettertem Körper nach dem Block sich wand, und um »Kopf ab« mit gebrochener Stimme bat. Mit vier Hieben wurde dann dieser Wunsch erfüllt. – In der Zeit der Sonnenkönige, überfeinerter Genußsucht und Kultur ein Bild grausamster Folter aus dem finstersten Mittelalter! 1706–1707 hatte Patkul auf dem Königstein gesessen. –
Da ist auch der Schatten des Kanzlers Christians I., Doct. Nicol. Crell, der, beinahe allmächtig unter diesem seinem Gönner, sich viele Feinde unter Adel und Geistlichkeit gemacht hatte und nach des Kurfürsten frühem Tode am 25. September 1591 gestürzt wurde. Zehn Jahre dauerte sein Prozeß, und war er auf dem Königstein gefangen. Er bewohnte den heute noch nach ihm benannten Crellturm, der an die Georgenburg anschließt. Das Todesurteil wurde an ihm in Dresden auf dem Jüdenhofe vollzogen. Crell mußte zum Schaffot von zwei Henkersknechten getragen werden, weil er seiner geschwollenen Beine wegen nicht zu gehen vermochte. Die Witwe des Kurfürsten, dessen vertrauter Diener und Staatsmann er so lange gewesen war, sicher eine feingebildete Dame, schaute aus einem Fenster des Stallgebäudes diesem furchtbaren und traurigen Schauspiele zu. Er hatte vielleicht oft an ihrem Tische gespeist, ihr den Hof gemacht und in geistsprühender Unterhaltung die Zeit verkürzt. Das Haupt, das dort blutig vom Blocke fiel, hatte vielleicht ihre Hand geküßt, für sie und ihren Gatten gedacht, gesorgt und gearbeitet. – Und nun? –
Welche Seelenvorgänge mögen sich im Gemüte dieser Frau gekreuzt haben? Lüsternes Grausen? Innere Anteilnahme und Erbarmen? Blutdürstige Schaulust und Herzenskälte? Etwa befriedigte Rachsucht, wohl aufgespart aus früheren Zeiten? O Rätsel des Menschenherzens, wer mag deine verborgenen, geheimnisvollen Tiefen und Klippen ausdeuten und ermessen? Wer mag sein eignes Herz verstehen und wissen, welche Abgründe dort vielleicht schlummern, die nicht geahnt werden, bis man vielleicht in einer dunklen Stunde erschauernd sie erkennt. – –
Ja, so wandern dunkle Schatten mit schleppenden Schritten in langen Reihen über den Königstein von Männern in Ketten, die in namenloser Qual ihre Strafen, ihre Leiden oft jahrzehntelang trugen. Der Geheimsekretär Friedr. Wilh. Menzel z. B., der durch den Verrat geheimer Depeschen an Friedrich d. Großen die Mitschuld am Ausbruch des Siebenjährigen Krieges trug, lebte mit einer eisernen Stange an den Füßen als Gefangener 33 Jahre hier. Er durfte sich nicht barbieren und sein Bart wuchs ihm bis über die Brust herab. 1796 erlöste ihn der Tod im 70. Jahre.
Königstein, ein Altar, von dem nicht so sehr Gebete als Flüche und Schreie der Verzweiflung, Rache und Hoffnungslosigkeit, der Angst und Wut zu den dunklen ziehenden Wolken und in das Sausen des Windes tönten. So mancher, der unbequem wurde, verschwand auf dem Königstein und schanzte mit Schaufel und Hacke an Mauern und Wällen in Frohnarbeit neben dem Verbrecher, den sein Urteil ereilt hatte, eine bloße Nummer nur wie er. – Friedemann Bach, dem genialen Sohne Johann Sebastians, zerbrach hier in kurzen Stunden der Verzweiflung Leben und Zukunft.
Königstein, ein Stein des Fluches für Unzählige, ein Fels der Zuflucht aber auch in Stunden der Not.
Seine bombensicheren Kasematten nahmen öfter die gefährdeten Schätze Dresdens aus den Archiven, Sammlungen und dem Grünen Gewölbe auf. Ein Fels der Zuflucht auch für die Landesfürsten, wenn Gefahr drohte.