Als am 3. Mai 1849 das Schloß in Dresden von Freischaren und Bürgerwehr angegriffen wurde, floh der König Friedrich August II. mit Familie und den Ministern nachts auf den Königstein und wartete dort ab, daß die zur Hilfe gerufenen preußischen Truppen ihm seine Hauptstadt wiedereroberten. Der Führer des Aufstandes, der russische Flüchtling Bakunin wurde gefangen und fand sein Schicksal auf dem Königstein. –
Doch hinweg ihr Gestalten mit euren schmerzgezeichneten Gesichtern, denen auch der hellste Tag dunkel ist, deren Blicke so trostlos in die Weite wandern auf den hellen Straßen der Freiheit, die sie nimmer betreten werden, nach den Bergzügen in blauer Ferne, die sich nimmer vor ihnen auftun wird. Hinweg, ihr schwarzen Schatten alter Tage, ihr Schatten von Schicksal und Schuld, von Willkür und Weh, von Trübsal und Tod, ihr sollt uns den leuchtenden Tag nicht trüben und die helle Sonne nicht dunkel machen, das wonnige Lachen des Landes zu unseren Füßen nicht verscheuchen.
Wir stehen auf der Rosenkasematte und schauen hinüber auf die lachenden Fluren von Thürmsdorf und die blanken Häuser, die zierlich und fein über die grünen Hänge gestreut sind. Wie ein goldener leuchtender Schild, der Schild des Frühlingsgottes Baldur, liegt ein blühendes Rapsfeld darüber. Es ist, als strömte von ihm alles Licht und alle Wärme aus, und immer wieder tauchen unsere Blicke in dieses reine königliche Gelb, dem alle Farben des Sommers und der Landschaft dienen. Wir schauen hernieder auf die wogenden, rauschenden Wipfel des Waldes unter uns, auf den breiten silbernen Strom, auf dem ein Floß im langen Zuge stromabwärts gleitet. Wie Ameisen klein bewegen sich die wenigen Menschlein darauf hin und her. Das Bellen eines Hündchens klingt herauf. Wie klein ist doch aus der Höhe betrachtet der Menschen Tun und Treiben, und wie wichtig nimmt doch jeder sich selbst dabei! Sie glauben etwas zu schaffen, und doch trägt der Strom das Floß dahin, welches sie sich fügten. Ein wenig Lenken, ein wenig Steuern ist alles, was sie vermögen, von oben betrachtet ein Nichts!
Wie lernt man bescheiden sein, wenn man aus der Höhe das Leben betrachtet und sieht, wie ein Strom uns alle dahinträgt. – – – –
Über uns breitet eine mächtige Eiche ihr Laubdach. Hier huschten im Herbste die Häher durch die dichten Zweige und die Blaufedern der Flügel schimmerten durch das Grün, wenn sie ihre Nahrung suchten. Doch nicht nur Häher fanden Wohlgefallen an den Eicheln, sondern auch Festungsbewohner. Eigenhändig gesammelt, geröstet und gemahlen schuf diese Frucht des »Kaffeebaumes« auf der Rosenkasematte manchem deutschen Offizier einen strenge duftenden »deutschen Mokka« während der trüben Ersatzzeiten des Krieges!
Wie lernt man bescheiden sein, wenn man aus der Höhe das Leben betrachtet und erkennt, daß alle Werte nur bedingt sind und daß den meisten Dingen erst der Glaube ihren Geschmack und ihren Wert verleiht. – – – –
Wir wandern an der Brüstungsmauer weiter und können nicht genug schauen in der Nähe und in der Ferne, um uns und unter uns. Senkrecht fallen die Felsenwände des Sandsteins ab, zerklüftet und zerspalten, an der Oberfläche hie und da von zahllosen Rillen durchkämmt, als hätte ein Steinmetz mit ungeheurem Scharriereisen die Blöcke bearbeitet und Wind und Wetter hätten sein Werk benagt. Wilde Tauben nisten hie und da in den Löchern und ihr melodisches Rufen und Locken läßt sich hören.
Im Osten der Festung springt ein riesiger Felsenturm fast rechteckig aus dem Block des Königsteins heraus, die Königsnase. Willst du einen Freund ins Herz sächsischer Heimatschönheit schauen lassen, daß er des Eindrucks nicht wieder vergessen mag, dann lasse ihn hier von diesem Söller in die lachende Gotteswelt schauen. Tief unten zu Füßen im Tale die roten und grauen Dächer des Städtchens hier am blinkenden Elbstrome hingestreckt, dort in das Tal des Bielabaches, der dort mündet, hineinwandernd und dort drüben die Abhänge des Pladerberges hinaufkletternd. Mitten darin die Kirche mit ihrem Turm, mit Kuppeldach und Spitze, wie ein preußischer Helm dem vierkantigen Gesellen aufgestülpt. Wenn an einem goldenen Sommerabend von diesem Turm unsere lieben Volkslieder geblasen werden, und du lauschst von oben, wie die Klänge durch das Tal ziehen, den Strom entlang tönen und Wald und Berg und grüne Hänge mit Wohllaut füllen als würde ihre Seele und süßheimliches Träumen im Liede offenbar, dann magst du tief empfinden, was deutsche Heimat ist und wie sie so zart und innig dir an das Herz rührt, daß es antworten muß: »Ja, du bist mein, ich bin dein Kind, und mein Bestes öffnet sich dir, wenn ich meine Seele ganz in dich und deine Art und Herrlichkeit versenken darf.« Deine Augen wandern in die blauende Ferne. Die Sehnsucht, das Fernweh und das Heimatfühlen stehen Hand in Hand in deiner Seele und schauen hinaus in die Wunder der Heimat und ahnen in beseligender Weihe, daß die Heimat dich segnet, dir eine ihrer Höhestunden schenkt, um dich über dich selbst emporzutragen. Dort stehen all die Felsaltäre, der Pfaffenstein, der Gohrisch, der Papststein, der Hennersdorfer Stein, die leuchtenden Felswände der Schrammsteine, der Falkenstein, wie ein gewaltiges Gigantendenkmal von heroischer Wucht und Größe, und links der stolze Lilienstein auf dem buntdurchwirkten Gottesteppich von weiten Feldern, Wiesen und Waldessäumen. Es sind stille Altäre, still und groß, und stehen darum so feierlich, so erhaben, so heilig über der flachen Ebene mit ihrem Geräusche der Arbeit, die vom Schweiße dampft, über den verworrenen Lauten des Tages, über dem Staub der Straßen, auf denen die Alltäglichkeit hastet und keucht.
Und weiter hinaus der hohe Schneeberg mit seinem langgestreckten Rücken in blauem Dunst, die Zschirnsteine, der Winterberg und dazwischen die Spitzen und Kuppen der Berge Böhmens, in feinem Dufte verschwimmend, deutsche Berge im deutschen Land, gegrüßt von deutschem Herzen: Mag auch die Landesgrenze einen Strich ziehen, auch sie Altäre der Treue zu deutscher Art und deutscher Seele, still und groß und feierlich.
Ganz in silberner Ferne ragt dort die stolze Spitze des Kleis bei Haida wie eine steile Pyramide, als reckte sich aus böhmischem Gau der Schwurfinger deutscher Erde aufwärts zum Himmel mit dem Treueschwure, der Blut an Blut, Art an Art, Stamm an Stamm, Ehre an Ehre bindet. –