Was soll ich sie nennen, alle die Berge und Spitzen nah und fern, über die die Wolken fliegen und die Farben wandern, die hier lebendig werden, als höben sie ihre Häupter höher, wenn die Sonne sie trifft, dort in blaue Schatten und Erstarrung zurücksinken und ihre Formen zu verlieren scheinen, immer neu und immer wechselnd, unendlich reich im lebendigen Spiel und doch voll himmlischer Ruhe, ein ungeheures Rund, in dem das Kleine verschwindet. – Fernweh und Heimatfühlen sind die Kräfte, welche dir in solchen Weihestunden die Heimat zu eigen geben und deiner Seele Flügel geben über das Kleine zur großen Ruhe. – –
Wir müssen unsere Blicke losreißen, wennschon sie immer wieder in die Ferne fliegen und immer wieder Sehnsuchtsblaues finden und erschauen mögen. Der Felsen, an dessen Rand wir gehen, hat hier besonders zerrissene und zerklüftete Formen mit vortretenden Ecken und senkrechten Kanten und pfeilerartigen Vorsprüngen angenommen. Wie die Zähne einer Säge springen zickzackförmig die scharfen Ecken der Wehrmauer hervor, hie und da von einem spitzen Rundturm gekrönt. Ein wildmalerisches Bild bietet diese vielfach gespaltene, trotzige, z. T. überhängende, unersteiglich scheinende Felswand, zu der die schlanken Fichten im Grunde emporrauschen. Und doch hat schon vor der Zeit modernen Klettersportes ein wagemutiger Schornsteinfegermeister aus der Stadt dort unten, namens Abratzky, heimlich die Ersteigung versucht. Er wußte mit Wänden und Gesimsen, mit Kanten und Kaminen Bescheid und arbeitete sich mit Knieen und Ellbogen, mit festem Griff und griffigen Zehen in einer Spalte und über Vorsprünge empor. Aber auf dem letzten Felsabsatz unterhalb der Wehrmauer verließen ihn die Kräfte, er wurde von Posten bemerkt und mußte auf sein Rufen heraufgezogen werden. Abratzkyfelsen heißt seitdem nach diesem einzigen beinahe geglückten Versuche der Ersteigung der Felsvorsprung. Die nie erstürmte unbezwungene jungfräuliche Festung durfte ihren Jungfernkranz, der hoch oben an steiler Mauer in Stein gehauen an der Südseite sich findet, in Ehren weiter tragen. Die Amsel, welche im Sommer 1917 jeden Abend vom Dachfirste der Georgenburg das Lied »Wir winden dir den Jungfernkranz« in das leuchtende Abendrot mit süßen Tönen flötete, hat Recht mit diesem Sang auf das Magdtum der Festung behalten.
Die Flucht über die steilen Wände herab aus den harten, allzu fest ihn haltenden Armen der jungfräulichen Feste hat freilich mancher versucht und sie ist auch manchem geglückt. Die »Franzosenspalte« erinnert heute noch mit ihrem Namen an die tollkühne Flucht gefangener Franzosen im Jahre 1870. Auch die gefangenen Russen des Weltkrieges haben diesen verwegenen Abstieg wiederholt versucht. Entflohen sind manche. Wiedergekehrt sind alle nach kurzen Stunden der Freiheit auf den verhaßten Stein! Da hatten einmal zwei Offiziere sich ein Seil zu gemeinsamer Flucht zu verschaffen gewußt und zu glücklich abgepaßter Zeit glitten sie an ihm auf schwankendem, gefährlichem Pfad an rauhen Vorsprüngen und scharfen Kanten vorbei, von den Kameraden durch Postenkette gegen Überraschung gesichert, in die schreckende und doch so lockende Tiefe der heiß begehrten Freiheit entgegen. Doch, o weh, das Seil war zu kurz! Über der Tiefe schwebte der erste noch weit vom Boden. Sollte er das haltende Seil fahren lassen und den Absprung wagen? Sollte er in die Gefangenschaft zurückkehren? Konnten seine nachlassenden Kräfte den gefährlichen Wiederaufstieg am pendelnden Seil, an schneidenden, überhängenden Felsgesimsen vorbei noch leisten? – Furchtbarer Augenblick innerer Spannung einer Entscheidung auf Tod und Leben! – Er sprang ab und erreichte glücklich den Boden. Sein Kamerad folgte. Doch wehe, als er sich vom Sturze erheben wollte, versagte ihm der Fuß den Dienst und auch die Schulter schmerzte und war verletzt. – Was tun? Es galt, nicht lange zu zögern! Fort, nur fort, diesen verhaßten Mauern entrinnen, fort ins Dickicht oder eine der Höhlen im Gestein, bis die Nacht die heimlichen Wege deckt! Der Verletzte schleppt sich mühsam weiter, gestützt vom Kameraden, die Freiheit winkt ja!
Doch da lagen am Abhang zwei Soldaten der Besatzung im Waldesgrün, naschten Beeren und guckten in den blauen Himmel. Tiefer Sonntagsfriede! Vogelsang und Wipfelrauschen die einzigen Laute nah und fern. – Horch, sind das nicht Menschenstimmen? Nicht Schritte? Nicht heimlich raunende russische Laute? Sie springen hinter dem Felsblock auf, der sie deckte, und stehen vor den entsetzten Flüchtlingen wie aus dem Boden gewachsen! Ade, du goldene Freiheit, die eben noch winkte! Nutzlos jeder Widerstand! Zu niederschmetternd war der Sturz aus der Hoffnung in die Verzweiflung! Zurück ins alte Elend! –
Andere Kletterer gab es auf der Festung, denen die Blicke der Gefangenen oft sehnsüchtig folgten, so voller Sehnsucht, wie den Vögeln, die mit leichten Flügeln in das Himmelsblau sich schwangen. Könnten sie von ihnen lernen, wie man diesen steilen Mauern entrinnt, könnten sie ihnen die hurtigen, verwegenen Künste absehen!
Diese tolldreisten Kletterer waren die Eichhörnchen, die unten im Walde von Wipfel zu Wipfel sprangen, an den Felsen senkrecht emporliefen, denen keine Wand zu steil, kein Band zu schmal, keine Kante zu scharf war, denen ohne Seil und Leiter die glatten Wände offene Straßen waren, auf denen sie dahineilten. Unten der Wald, oben der Park und die Obstgärten und dazwischen die Felsenwände, das war ihr fröhliches Reich der Vertikalen, in welchem die blitzschnelle Bewegung von unten nach oben oder kopfüber von oben nach unten zugleich lustiges Spiel und Lebensaufgabe, zugleich Inhalt und Zweck des Daseins bildet. Namentlich, wenn die Birnen auf der Festung reiften, dann waren die flinken Gesellen im roten oder dunklen Pelz bei der Hand, um ungeladen, ohne sich lange bitten zu lassen, bei der Ernte recht fleißig zu helfen. Feinschmecker, wie solche in der Baumkrone hochgeborenen Herren sind, und, gründlich erzogen, gingen sie stets auf den Kern jeder Sache, d. h. sie zerbissen die Frucht, nagten und naschten die Kerne und griffen zur nächsten Birne, verschwanden aber blitzschnell kopfüber die Wände herab, wenn Gefahr drohte, in die rauschenden Fichtenwipfel hinein wie eine zuckende, aufblitzende und erlöschende, rote Flamme. Das Spiel und das kecke Treiben dieser reizenden Affen des deutschen Waldes gab mancherlei Unterhaltung, Beobachtungen und Ablenkung.
Dem Stabsarzt vom Lazarett gaben sie sogar öfter einen leckeren Braten, den er nicht genug zu rühmen wußte. Doch möge unser rascher, roter Waldkobold noch lange als Wildpret unentdeckt bleiben, damit nicht noch mehr unser deutscher Wald veröde und seiner geheimnisvollen Reize und seines märchentiefen Waldwebens und Waldlebens beraubt werde. –
Drüben an der Ecke am Lazarett, wo der Umgang sich wieder nach Osten wendet, machen wir noch einmal Halt und schauen von einem erkerartigen Austritt hinunter in das grüne Bielatal und in den Hüttengrund und drüben auf den Quirl mit seinem waldumrauschten Felsenhaupt, den Nachbarfelsklotz des Königsteins, der auch einmal als Zwillingsfestung zur Flankendeckung des Königsteins ausgebaut werden sollte, aber seinen Waldfrieden dort oben behalten durfte.
Wir hören das Rauschen der Biela, die dort unten im Grunde über ein Wehr stürzt, bis zu uns herauf. Die Häuser und Höfe des Dorfes Hütten liegen am Bach und leuchten hell im Grün des engen Waldtales. Einst stand hier im Grunde eine Gießhütte, die dem Orte den Namen gegeben, aber bereits im 17. Jahrhundert eingegangen ist.
Wir wandern jetzt auf breitem, mit starken Steinplatten gedecktem Wege, auf den mächtigen Gewölben der Kasematten, die z. T. in den Felsen gehauen, z. T. aus gewaltigen Felsquadern aufgeschichtet sind. Dort ist der Bärenzwinger, ein enger Felsenkessel, durch welchen einst der älteste Aufgang zum Königstein geführt hat, dessen vermauertes Tor an der Quadermauer heute noch von außen sichtbar ist. Dort sind die anderen tiefen, finsteren, z. T. schluchtartigen feuchten Höfe der Kasematten, in denen die Sonne nicht gerne weilt und der nackte, finstere Fels erbarmungslos aus nächster Nähe in vergitterte Fenster starrt. Viel lieber wandern die Augen hinaus ins grüne Land, nach der kecken Felskanzel des Spankhornes, welches dort drüben aus dem Walde ragt, nach den Felsen der Nikolsdorfer Wände, nach der »Hirschstange«, dem Wege mit dem schönen, sinnigen, deutschen Namen voller Waldpoesie und Nadelduft, der in halber Höhe des Berges wie ein schimmerndes Band aus dem dunklen Waldesgrün leuchtet. Was für lachende Wanderwege sind dort drüben, von denen der laute Schwarm nichts weiß, auf denen man still und froh sein darf und nur sich selbst und die Heimat im Zauber unberührter Herrlichkeit hat. Dort liegt im Walde versteckt der Schüsselgrund, dort ist der Teufelsgrund mit seinen wilden Felsen, dort ist so mancher stille Platz, wo im grünen Frieden die Romantik träumt, wo du das Wild belauschen kannst, wo der Schwarzspecht mit seiner roten Haube wie der Vogel des Märchens geheimnisvoll durch die Wipfel streicht und mit klagendem Rufe lockt, ihm zu folgen, weiter und weiter in die grünen Tiefen des Waldes. –