Dort liegt am Walde eine Wiese, in deren grünem Teppich die Margariten wie tausend silberne Sterne gestickt sind. Ein klares Wässerlein rieselt durch die Halme, und das Wollgras hebt auf zartem Stengel seine Flöckchen wie schimmernde Seide zum Lichte empor. Ist es der Tanzplatz der Elfen, wenn draußen der laute Tag zur Ruhe ging, kein fremdes Ohr neugierig lauscht und nur der Wind und Mondenschein mit leisen, leichten Füßen über die weichen Gräser wandert? – Dort ist mitten im Fichtendickicht ein Platz, eine Blöße mit langem Waldgras von dunklen Nadelwänden hoch umgeben, auf deren zackigen Spitzen der blaue Himmel ruht. Hundert Pilze stehen dort in bunten Farben, leuchtendrot mit weißen Punkten, violett und gelb und braun und weiß. Keines Menschen Fuß kam noch hierher und hat an diese Pracht gerührt. Oben auf höchster Tannenspitze jubelt die Singdrossel ihr köstliches Lied in das Abendrot. – Ja, dort, dort drüben kann jeder Waldgang die Seele frei machen vom Staub des Alltags und zur Freude erheben. – – –

War es ausgesuchte Grausamkeit und Hohn, wenn so die ganze Herrlichkeit deutscher Wald- und Berglandschaft den Gefangenen des Königsteins täglich vor Augen stand, die ihnen unerreichbar war und doch den Drang nach der Freiheit schmerzhaft steigern mußte zu unerträglicher Pein und seelischer Marter? – Nein, es war Erbarmen, Wohltat und Tröstung, ihnen den Blick auf das lachende Bild zu gönnen, auf den weiten Himmel, die rauschenden Wälder und grünenden Hänge, Trost, der den Geist erhebt aus den engen Mauern und dunkler Felsengruft zum Fluge in freie Höhen, zum Schwunge über das traurige Heute, zur Hoffnung auf Freiheit und Erlösung! Der Körper in Haft, die Seele aber in Freiheit und täglich neu die Flügel reckend über das weite Land hinein in eine bessere Zukunft!

Gar mancher Gefangene dort im alten Zeughaus mag doch seine Seele an diesen Fragen wund gestoßen haben. Mit charaktervoller Schlichtheit, mit steilem Dach und Giebel, fast gotisch im Aufbau wirkend, obwohl es 1594 erbaut ist, schaut dieser Bau helle leuchtend weit in das Land hinaus. Im Erdgeschoß ist eine zweischiffige Halle von schweren Kreuzgewölben überdeckt, die auf drei mächtigen, toskanischen Säulen von gedrungener Wucht aufruhen. Nachdem die Friedrichsburg für die Gottesdienste der gefangenen Russen nicht mehr zur Verfügung stand, war dieser kryptaartige Raum die würdige und monumental wirkende Stätte ihrer kirchlichen Feiern und Andacht. Unvergeßlich wird jedem, der es erlebt hat, die russische Osterfeier zu mitternächtiger Stunde in jenem Raume sein. Draußen dunkle Nacht und die große, heilige Stille der Ostererwartung. Nur die Wälder hört man ferne rauschen und die Wasser der Biela im Grunde. Droben am unendlichen, schwarzblauen, samtenen Firmament flimmern die Sternenheere und wandern ihre Bahnen. Da tönt aus dem Tore der Kapelle der orgelähnliche Sang tiefer, voller Männerstimmen in feierlichen Rhythmen, anschwellend und abklingend, dazwischen die volle Einzelstimme des Popen in dunklen fremdartigen Lauten. Im hellen Schimmer von vielen hundert Lichtern leuchtet der Raum. Jeder der Teilnehmer trägt eine brennende Kerze in der Hand. Hier in Gruppen zusammengedrängt stehend, dort knieend, dort an Wand und Pfeiler sich lehnend, feiern sie das Fest in der Weise der Heimat und ihre Gedanken eilen zu den fernen Stätten, an denen ihr Herz hängt, zu fernen Stunden, die nicht mehr sind, zu kommenden Tagen der Hoffnung auf Freiheit, der Sehnsucht nach Heimat und Frieden. Phantastische Schatten huschen über die Gewölbe und Wände, hier leuchten Farben auf, dort ein blinkender Orden oder schimmerndes Rangabzeichen. Eine seltsame, mystische Wirkung geht von der Feier aus, deren mehr geahnte, als bewußte Gefühlswelt so ganz abweicht von dem, was unseres Geistes ist, aber doch an eigenes tiefstes Empfinden zu rühren vermag. Ehrwürdig und heilig ist ja alles, was Menschenseelen erschauern macht, wenn sie sich von irdischem Staube erheben empor zum Lichte, zu dem, was man göttlich und ewig nennt, in welcher Sprache und Bekenntnis es auch sein mag, wenn nur die Sehnsucht der Seele echt und wahr ist.

Ehrwürdig ist es auch, wenn mit dem Gruße »Christ ist erstanden«, und der Antwort »er ist wahrhaftig auferstanden« die Teilnehmer am Gottesdienste nach alter russischer Sitte sich dreimal küssen auf Wangen und Stirn und in diesem Augenblick jeder Unterschied von Rang und Stand, von Alter, Bildung und Besitz verschwindet. Der alte Oberst küßte den jungen Leutnant und der hohe General, welcher als Gouverneur von Turkestan über ein Reich, größer als Deutschland, gebot, küßte seinen Burschen, den armen Bauernjungen aus dem Innern Rußlands. Der Gesunde küßte den Kranken, denn in dieser heiligen Stunde beim österlichen Bruderkuß hat, wie frommer Glaube lehrt, Ansteckung keine Macht, mag sonst auch Krankheit oder Tod der Lohn solchen Kusses sein.

Ehrwürdig und seltsam, unserem Empfinden widerstrebend, vielleicht aus der mystischen Stimmung der Stunde jedesmal neu herausgeborener Glaube, vielleicht aus der Zeit des Urchristentumes durch Jahrtausende bewahrte Sitte, vielleicht aus uraltem, russischem Heidentum stammender Brauch und darum in christlichem Gewande so fest von der Volksseele bewahrt, wer will es sagen? – Zu den seltsamsten Stunden des Königsteines mag dieses russische Ostern zählen, als um Mitternacht unter deutschem Sternenhimmel gefangene Söhne aus allen Landschaften Rußlands von Sibirien bis zur Krim und zur Weichsel den dreifachen Osterkuß tauschten, als wäre man tief im Innern des ungeheuren, uns so fremden Reiches. – –

Wieviele mögen von ihnen die Heimat erreicht haben, nachdem der Friede geschlossen war? Eine dunkle Kunde meldet, sie seien alle erschossen worden, nachdem sie die russische Grenze überschritten hatten. Den Bolschewisten seien diese Offiziere der besten, vornehmsten Truppen des Zaren zu verdächtig oder zu gefährlich erschienen. Nur wer der Heimat entsagt hatte und im Auslande Zuflucht fand, soll vor diesem furchtbaren Schicksal, vor diesem schnöden Dank des »Mütterchens« Rußland bewahrt geblieben sein.

Wie friedlich schlummern dagegen die wenigen während der Gefangenschaft trotz sorgsamster Pflege und ärztlicher Behandlung verstorbenen Russen auf dem dort unten auf lachender Flur am Waldrand liegenden Friedhofe der Festung, sanft gebettet im Schoße der barmherzigen deutschen Erde. Deutsche ärztliche Kunst und Pflege, die nicht Feind und Freund kennt, sondern nur den leidenden Kranken, treue Teilnahme der Kameraden haben nicht zu retten vermocht.

Da lag z. B. ein junger, lungenkranker, russischer Offizier im Lazarett, das außerhalb des eigentlichen Gefangenenlagers stand. Bei gutem Wetter war sein Lager draußen im Garten unter blühenden Rosen und duftenden Blumen inmitten leuchtender Sommerpracht. Er empfing täglich den freien unbewachten Besuch seiner gesunden Kameraden, die zu diesem Zwecke frei die abgeschlossenen, durch Drahtzäune gesicherten Grenzen des Lagers verlassen durften. Jeder erfüllbare Wunsch wurde erfüllt. Er wurde jedoch ein Opfer der unheimlichen Krankheit. Ein langes, würdiges Trauergefolge geleitete ihn zum Grabe in fremder Erde. Voran schritt der Kreuzträger und der Männerchor, der in feierlichen, klagenden Rhythmen Sterbelieder in kurzen abgerissenen Strophen bald leise, bald mit anschwellender Stimme sang. Kränze wurden getragen. Es folgte der Sarg mit dem Bahrtuch, der Pope im prunkenden Ornat, wie ein Bild aus einem byzantinischen Mosaik herausgenommen, das große Trauergefolge der Kameraden, die deutschen Lageroffiziere mit dem Kommandanten an der Spitze und die deutschen Mannschaften. Langsam schwebte der Sarg im Fahrgestell des elektrischen Aufzuges außen an der Festungsmauer hernieder und wurde unter den schwermütigen, ernsten Gesängen zum kleinen Garnisonfriedhof durch das Waldesgrün und wogende Saatfeld zur letzten Ruhe geleitet. Von oben schauten über den Rand der Mauerbrüstung die zurückbleibenden russischen Offiziere ernst hernieder auf den letzten Gang ihres so fern der Heimat verstorbenen Kameraden und lauschten den abgerissen emporklingenden Rhythmen der Totenklage ihres Volkes. –

Der Friedhof der Festung ist ein Platz von besonders eindrucksvoller Wirkung und ergreifender Stimmung. Sein Rechteck von nur 33 × 74 m Größe ist von einer wuchtigen Quadermauer umschlossen, an welcher der Efeu emporklettert und Wiesenblumen blühen. Der Wald ist bis nahe an die Mauer getreten, als wolle er diese Stätte des Friedens noch besonders hüten und abschließen vom Lärm der Welt, von der Unruhe des Tages da draußen, die so fern, so tief unter uns liegt. Zwei mächtige Eichen stehen wie treue Wächter neben der Friedhofspforte und hoch über den Gräbern wölbt sich das Laubdach stolzer Bäume, breiten sich auch die Zweige von immergrünen Fichten und Kiefern. Alte, hohe Lebensbäume stehen wie dunkle Trauergestalten zwischen den stillen, grünen Hügeln. Hier finden wir die Gräber französischer Gefangener aus dem Jahre 1870/71. Ein Marmorkreuz ist ihnen gewidmet und neuerdings ein Gedenkstein, den ihnen französische Gefangene des Weltkrieges hier setzten. Hier finden wir einige Kreuze russischer Form auf Gräbern russischer Gefangener, hier auch Gräber deutscher Soldaten, die ihr Leben der Heimat nach Schmerzen, Leiden und Wunden hier opfern mußten.

Im dichten Efeu unter Lebensbäumen liegen hier auch die Gräber alter Festungskommandanten, die nach langer militärischer Laufbahn hier Frieden fanden. Eine mächtige Steinplatte mit Inschrift deckt das Grab des Kommandanten von Nostitz. Wir entziffern die Inschrift, aus welcher uns der Geist und die Gefühlsstimmung einer längst versunkenen Zeit aus Urgroßvätertagen entgegentritt und uns mit feuchten Augen wehmütig anschaut: