Doch kehren wir in die Festung zurück. Den Park mit seinen mächtigen Baumriesen, den alten Buchen, Eichen und Ahornbäumen wollen wir durchwandern. Hier wird kein Stamm gefällt, weil er gerade schlagreif ist. Wie ein heiliger Hain, ungestört, in weihevoller Stille, ragen die Bäume mit stolzen Stämmen und schirmenden Kronen. Efeu und Immergrün ranken am Boden und tausend Blumen blühen im Gras, die kein Gärtner pflanzte und doch schöner sind an ihrem Platze und in ihrer Entfaltung, als Gärtnerkunst es zu schaffen vermag.
Es rauschen die grünen Wipfel. Wir hören den hellen, schmetternden Schlag der Finken und in tiefen, melodischen Tönen das zärtliche Gurren der wilden Tauben. Von unten, aus dem Walde, tönt bald näher, bald ferner der Ruf des Kuckucks. Ein Specht trommelt unermüdlich hoch oben an dem dürren Ast der alten, vom Wetter zerzausten Eiche dort. Ein Eichhörnchen huscht flink an jenem glatten Buchenstamm entlang, hält inne und schaut uns verschmitzt aus seinen dunklen blitzenden Augen an. Wir ruhen an der Böschung des Walles im Gras und duftenden Thymianpolstern. Bienen summen um die Skapiosen und Grasnelken, die sich auf schlanken Stengeln wiegen. Wir träumen und sinnen in die grüne Stille hinein, während bunte, kleine Falter uns umgaukeln, als wären wir selbst ein Kind der Natur geworden, das unbekümmert im Arm und am Herzen der Mutter ruht und ihren warmen Atem und ihr Herzpochen fühlt. Wieviele mögen unter diesem Blätterdach schon gewandelt sein und zu den fliegenden Wolken emporgeschaut haben und mitten im tiefen Frieden der Natur und aller ihrer Herrlichkeit diesem Felsen, diesem Hain, dieser Herrlichkeit geflucht, um Erlösung von dieser Stätte geseufzt haben, die uns so lieblich scheint mit allem Sonnenglück geschmückt und die Hunderten schon eine Stätte der Freude und übermütigen Lebensgenusses war. Die harten Gegensätze, welche hier immer wieder aufeinanderprallen, fesseln mit besonderer Gewalt die Gedanken und geben einen eigenartig anziehenden Reiz allem Geschehen und allem Schauen. – Unter diesen Zweigen schritten 1870/71 gefangene Franzosen hin und her und träumten von ihrer gloire und berauschten sich am Rachegedanken, an der revanche. Da griff einer von ihnen zum Messer und schnitt in die glatte Rinde jener alten Buche dort unter sein Namenszeichen die Worte: »un chasseur français, qui reviendra vainqueur.« »Ein französischer Jäger, der als Sieger wiederkehren wird.« – Er ist nicht wiedergekommen! – 44 Jahre später lasen aber seine gefangenen Landsleute mit ihren russischen Freunden und Bundesbrüdern jene Worte in der grauen, rissig gewordenen Rinde, die jetzt ihnen wie ein Hohn auf ihr eigenes, unfreiwilliges Kommen wirkten. Der Gegensatz zwischen Gewolltem und Gewordenem war bitter und schmerzlich für sie.
Doch auf unser Herz auch fällt dieser Gegensatz mit schmerzlicher Wucht: Versailles 1871 und Versailles 1918/19! Wann wird der Ausgleich kommen im Pendelschlag der Weltgeschichte? Wann wird Lüge als Lüge, Schandtat als Schandtat erkannt sein und gelten? Wann wird Friede sein, und Recht und Freiheit wieder unter Völkern und Menschen wohnen und daheim sein? Der sonnige Sommertag will uns dunkel werden, wenn wir mit diesen Fragen an Heimat und Vaterland denken und an Tod, Tränen, Wunden, Schmerzen und Niederbruch, an Wollen und Werden! Doch nein, nicht trübe und mutlos! Aus innerer Erneuerung müssen Kraftströme fließen. Wollen muß dann das Werden zwingen, wenn es echt und stark, einig und zielbewußt ist!
Dort steht zwischen den alten Stämmen des Parkes die Baracke, in welcher die Helden der Emden nach Überwindung von Not und Tod, von Wüstenglut und meuchlerischem Verrat, nach Heldentum in Taten und Dulden zuerst auf heimatlichem, deutschem Boden eine Ruhestätte fanden.
Der deutsche Geist, die deutsche Kraft, der Mut, der stärker ist als das Schicksal, lebt noch und schafft an der neuen, der kommenden, der stahlblanken Zeit! Wenn eine Welt uns niederrang, wir schaffen uns aus neuem Geiste eine neue Welt. Wer für die Heimat und ihre wahren inneren Werte sich einsetzt, der schafft und wirkt mit am Bau dieser neuen Welt. – –
Hier oben, auf der Fläche der Festung, wollte ein königlicher Baumeister, Friedrich August II., der Starke, sich selbst eine neue Welt anderer Art schaffen. Johann von Bodt, Festungskommandant und Architekt mußte immer wieder neue Pläne für ihn zeichnen. Der König, den die Baulust gepackt hatte, änderte und verwarf und suchte mit immer neuen Gedanken und Wünschen eine Bauanlage als großartiges Schloß von 114 m Frontlänge mit weit vorgezogenen Flügelbauten und Ehrenhöfen und Terrassen an einer groß durchgeführten Längsachse von der Appareille bis zur Königsnase in symmetrischer Durchbildung angelegt, wahrhaft königlich aufzubauen. Acht Kasernen, vier Magazine, Bäckerei und Brauhaus sollten wie eine starke Wächterschar vor und neben der stolzen Schloßanlage stehen, die als Zeughaus und für die »Logementer« des Kommandanten bestimmt war.
Alle bestehenden Gebäude sollten dieser großen Planung weichen und fallen, die Georgenburg, das Kommandantenhaus, die Magdalenenburg und wie die alten Bauten heißen, welche uns heute noch erfreuen. Nur das alte Zeughaus auf dem Wall, welches außerhalb der großen Symmetrielinien lag, sollte erhalten bleiben. Dem großen Symmetriegedanken wurde alles untergeordnet. Sogar im Park waren die geschwungenen Wege und die kleineren Rundplätze rechts und links von der großen Hauptachse des Mittelweges trotz scheinbarer Regellosigkeit doch nahezu symmetrisch geplant.
Aus diesen Planungen spricht die großartige Baugesinnung, welche am Zwinger in Dresden ihre größte Entfaltung fand. Ähnliches mag hier dem königlichen Bauherrn vorgeschwebt haben. Über zehn Jahre beschäftigte er sich mit diesen Plänen, die gleichzeitig mit dem Bau des Zwingers und der Anlage von Groß-Sedlitz in seinem phantasievollen Geiste emporwuchsen und Gestalt gewannen.
Sollen wir bedauern, daß sie nicht durchgeführt wurden? Vielleicht! Vielleicht hätte diese Verbindung von fürstlicher Schloßanlage mit dem militärischen Werk eine Gesamtanlage von besonders reizvoller Eigenart ergeben. Vielleicht hätte hier wie bei keinem anderen seiner Bauten das Schloß im Gesamtbilde der Landschaft und großen Natur mitgewirkt als großartiger Abschluß und Krönung eines einzigartigen Landschaftsbildes. Hoch über der Elbe sollte die stolze Schloßfront sich auf dem gewaltigen Felsensockel des Königsteins aufbauen, so daß man weit über Strom und Land, über Berge und Täler schauen könnte und seine Fenster leuchteten bis weit ins Böhmerland. Wie das herrliche Klosterschloß Banz bei Lichtenfels hoch über dem Main, das weit ins Frankenland scheint und schaut, oder gleich der Akropolis in Athen, die weit übers Meer schaut, so mag in der Phantasie das Schloß gestanden haben und dem König in seinen Architekturträumen immer wieder aufgeleuchtet sein, so oft er von Dresden elbaufwärts kommend zur Felsenstirn des königlichen Steins emporschaute, zur Felsenstirne, der noch die Krone eines königlichen Bauwerks fehlte. Er hat dem Stein diese Krone nicht aufsetzen können. Baumwipfel rauschen und legen sich als grüner Kranz statt der geplanten ragenden, steinernen Krone um die Felsenstirn. – Die alten Bauten sind erhalten geblieben. Die königlichen Bauphantasien sind vorüber und schlummern in Mappen und Archiven, um nur hie und da bei einem seltenen Beschauer Architekturträume vom Königstein zu wecken und das nachempfinden zu lassen, was der König genial und groß innerlich schaute und schuf, was ihm ein Kunstwerk und ein Glück war, ohne daß je sein Wollen zum Werden, zur Tat wurde.