Wir wandern durch den Park zurück. Die Kirche mit ihrem schlanken viereckigen Glockenturm, der wie ein italienischer Kampanile neben dem Gotteshause steht, grüßt uns durch das Laub der Bäume. Ihr schlichter, einschiffiger Bau ist in Abmessung und Ausstattung von großer Bescheidenheit und Zurückhaltung, so sachlich und nüchtern auch im Innern, wie es für eine Soldatengemeinde sich geziemt. Kurfürst Johann Georg II. ließ die Kirche 1675/76 erbauen. Nur der Altar ist mit größerer Kunst und Zierde bedacht. Zwei Säulen aus buntem italienischen Marmor schmücken ihn, die Papst Klemens dem Kurfürsten geschenkt hat, und ein schönes Altarbild, welches die Bergpredigt darstellt und als Landschaft den Königstein zeigt. – An der Stelle dieses Gotteshauses mag schon in früher Zeit, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, eine Kirche gestanden haben, deren erhaltene Teile, der gewölbte Chor mit dem Triumphbogen und den altertümlich romanischen Kämpfersteinen allen Zeiten, Stürmen und Umbauten standhielten und sie überdauerten. Herzog Georg der Bärtige errichtete 1515 hier eine Kapelle dem heiligen Georg, seinem Schutzpatron, und gedachte aus dem Königstein eine Art Mönchsburg zu machen. Er stiftete 1516 »aus christlicher Andacht und mit groser Müe, auch, wie es in der Urkunde heißt: ›unser hertzlieben Gemal Fraw Barbara und unser erben nachkommen heil und seligkeit zu erwerben‹, ein Cölestiner Kloster des Lobes der Wunder Marie uff dem Königesteyn«, und besetzte es mit 12 Mönchen aus dem Kloster Oybin bei Zittau. Trotz der nunmehr geistlichen Bestimmung des Königsteins, wurde seine militärische Bedeutung jedoch nicht verkannt und ganz aufgegeben. Die Mönche, welche zugleich Burgmänner und Burgwarte waren, durften keinen neuen Weg nach dem Felsen anlegen und mußten, sowie ein Krieg ausbrach, die Schlüssel zur Festung einem fürstlichen Hauptmann ausliefern. Das Vertrauen zur Kriegstüchtigkeit der Mönche scheint also nicht sehr groß gewesen zu sein. Der Bischof von Meißen, Johann von Salhausen, sah diese Neugründung sehr skeptisch an und meinte, »es werde das Kloster dort von den böhmischen Winden und der starken Luft der böhmischen Ketzer bald umgeworfen werden und zergehen«. Aber ein stärkerer Sturm als die böhmische Hussitenluft ging durch Deutschland, die Reformation, dem das Kloster nicht standhielt. Der Prior selbst ging, unter dem Vorwand einer Reise, gerade nach Wittenberg zu Luther, und »heurathete« schon im Jahre 1525. Die übrigen Mönche liefen, aller Vorstellungen des Herzogs ungeachtet, auch auf und davon, bis auf zwei, welche der Herzog wieder auf den Oybin zurückschickte, wo man sie aber nicht annahm, trotz des Handschreibens, das der Herzog ihnen mitgab. Daß diese Mönche so rasch das Kloster auf dem Königstein wieder aufgaben, beweist, daß sie dort sich nicht besonders wohlgefühlt haben konnten. Kein Wunder, denn Schmalhans war dort oben Küchenmeister und der Durst war der Kellermeister, denn es lag noch kein großes Faß im Keller, kein tiefer, kühler Brunnen war vorhanden, sondern in Zisternen wurde das wenig lockende Wasser gefangen. Wildbret und Fisch war seltene Kost. Der Herzog hatte nicht genügend für Einkünfte gesorgt und milde Gaben aus der Hand treuer Kinder der Kirche wurden immer weniger, magerer und dürftiger. Das Volk fühlte, daß etwas Neues, Großes im Werden war, und das Alte sterben müsse, daß die Gnadengaben, welche für fromme Stiftungen und Gaben vom Kloster und den Heiligen verheißen wurden, in der neuen Zeit, die der kühne Wittenberger Mönch heraufführen sollte, vielleicht doch ihren Zweck verfehlen und verlieren könnten. – Das Kloster mußte geschlossen werden und ingrimmig enttäuscht berichtete Georg diesen höchst ärgerlichen Mißerfolg dem General des Cölestinerordens nach Italien. Aus seinem Briefe ersieht man, wie unangenehm und peinlich dem Fürsten die Sache war, und daß er sich nicht wenig fürchtete, in Rom wohl gar für ein gegen die Klerisei lauer Mann gehalten zu werden. Man sieht, wie die Fäden Roms wie ein festes, starkes Netz Deutschland umspannten mit ungeheurer Macht, so daß sogar solch unbedeutendes Ereignis, wie der mißglückte Klosterversuch auf dem Königstein einem mächtigen deutschen Fürsten Veranlassung bieten mußte, in Rom um gutes Wetter zu bitten. Georg war bekanntlich ein fanatischer Gegner Luthers und hat seine Lehre und Anhänger hart und streng verfolgt, bis an sein Lebensende.
Vielleicht stand die auf dem Königstein erlebte Enttäuschung in innerem, seelischem, ursächlichem Zusammenhange mit der Strenge und rücksichtslosen Härte und dem bitteren Haß, mit denen er sein ganzes Volk, ja seinen Bruder und Schwäger in seine eigene Glaubensrichtung wider Willen zwingen wollte. Erst unter seinem Bruder und Nachfolger Herzog Heinrich dem Frommen konnte sich die neue Lehre freier entfalten.
Herzog Heinrich machte auch den Stein erst wieder zu einer Festung, die dann von seinen Nachfolgern mehr und mehr ausgebaut wurde. –
Wir gehen zum Brunnenhause hinüber mit dem tiefen Brunnen, den Kurfürst August durch Konrad König 152,5 m tief mit einem Durchmesser von 4 m Länge in den Sandstein sprengen und meißeln ließ. 1553 wurde er begonnen und erst nach 40 Jahren fand man reines Quellwasser. 40 Jahre harter Felsenarbeit und einer bewundernswerten Zähigkeit, Tatkraft und Hoffnungsfreudigkeit, 40 Jahre durch die Wüste, wie einst die Kinder Israels, ehe sie zu den kühlen Wasserbächen des gelobten Landes kamen! – Ist dieser Brunnen nicht wie ein Symbol? Ist der Fels auch noch so hart und werden tausend Meißel stumpf und werden tausend Arme müde, es gibt ein Dennoch und ein Hindurch, das tief im Felsengrunde das erquickende, wohlschmeckende, kühle Naß nach zäher Arbeit findet und aufschließt. Dieses Dennoch und dieses Hindurch wird auch das deutsche Volk neue Quellen finden und erschließen lassen, wenn es harte Felsarbeit leisten will und der Stunde geduldig entgegenarbeitet, da die frischen Wasserquellen entgegenspringen und sprudeln.
Zwei Tonnen gehen abwechselnd auf und nieder und ergießen ihren Inhalt in einen Behälter, dessen Zuflußrinnen unmittelbar vom Brunnenrand abführen. Heute ist Kraft und Antrieb für die Wasserförderung elektrisch. Früher diente diesem Zweck im Nebenraum ein ungeheures Tretrad, welches durch Menschenkraft in mühevoller Sklavenfron unseliger Gefangener bewegt, die Seile auf mächtiger Trommel auf- und abwickelte.
Der Brunnenmeister zeigt gern die kleinen Scherze, welche auch anderwärts geübt werden. Er gießt Wasser in mehreren Absätzen in die schwarze, gähnende Tiefe. Atemlos lauscht man gespannt, bis von unten nach fast ½ Minute in gleichen Abständen die Aufschläge klatschend herauftönen. Da merkt man, was für ein ungeheurer Zeitraum eine halbe Minute sein kann! Er läßt Lichter hinab am langen Seil, bis wir im Bodenlosen den blanken Wasserspiegel aufblitzen sehen. Er zeigt, wie er durch geschickte Stellung von Spiegeln den Sonnenstrahl an der Türe draußen einfängt und ihn hinabschickt in den schwarzen, feuchten Schacht, daß er dem Wasser in der dunklen Tiefe Botschaft vom Himmelslichte bringt. Er erzählt, wie der Brunnen zur Reinigung manchmal befahren wird, und daß der Wasserstand 15 m normal ist und auch in heißen Jahren sich in dieser Höhe hält. Er berichtet auch, daß der Brunnen sein untrügliches Barometer sei, daß ihm die kommende Witterung sicher vermelde durch einen Nebelschleier über dem Wasserspiegel bei kommendem guten Wetter, durch blanken Spiegel, wenn draußen das Wetter sich trübt. Er zeigt, wie meisterhaft die alten Brunnenbauer gearbeitet haben, wie glatt die inneren Wände geschrotet sind und in genau lotrechter Führung der Schacht abgeteuft ist, eine bewundernswerte Bergmannsarbeit. Hier ist die Lebensquelle, die Herzader der Festung, für welche Vater August, der große Volkswirt auf dem sächsischen Throne, sorgte, wichtiger als das große Faß, für welches August der Starke, der große Egoist auf dem sächsischen Throne sorgte. – –
Wir treten aus dem kühlen, dunklen Brunnenhaus wieder hinaus in den lichten, prangenden Sommertag. Es wölben sich über uns die hohen, grünen Wipfel des Königsplatzes, und es flüstern ihre Blätter im Winde.
Unsere Gedanken umfassen noch einmal, was wir erlebt, was wir geschaut, was wir empfunden haben. Wo gibt es im Sachsenlande eine Stätte, die soviel zu sagen, soviel zu geben und zu schauen hat, wie dieser königliche Stein?
Ja, um diesen Stein ist es etwas ganz Besonderes! Es ist, als ob er eine Seele hätte, die vieles erlebt und empfunden, gelitten und genossen hat, davon zu schweigen weiß, die aber auch dem, der sie sucht, sich zu offenbaren weiß!
Sei mir gegrüßt du lapis regis!