Eine Fahrt ins Weihnachtsland.
Vor dem Hauch des milden Westwindes war der Weihnachtsschnee zwar leider fast zerronnen, aber doch lag es noch wie Weihnachtsstimmung und Nadelduft in der Luft. Der Rucksack war wohlgepackt. Auch er gab weihnachtlichen Duft nach Stollen und anderen guten Dingen. Eine Weihnachtsfahrt sollte es werden in das Land der Kinderträume und lustiger Spielzeugherrlichkeit, wo Nußknacker und Räuchermännlein, Lichterengel und Bergmänner das große Wort führen, wo die Krippen in seliger Einfalt sich aufbauen und die Weihnachtspyramiden ihr buntgeschnitztes Leben zeigen. Im Morgendämmer lag der Garten mit seinen wenigen leuchtenden Schneeflecken. Die schöne grüne Tür mit dem kunstreichen Schloß fiel hinter mir und meinem wanderfrohen Weibe zu, da kam zur verabredeten Minute der Freund, der Maler mit seiner blonden Frau und grüßte mit frohem Glückauf. Am Bahnhof stieß zu uns der Ingenieur mit seiner Braut, der an der Bagdadbahn einst baute, und nun, nach Krieg und Wunden, mit uns das Weihnachtsmärchen suchen wollte. – Nun ging es hinaus in die nebelverhangene Welt mit fauchendem Züglein. Nur an den Nordabhängen der Böschungen lag dort noch der Schnee und die dunklen Halden des alten Bergbaus waren noch weiß betupft. Die Fläche des Berthelsdorfer Hüttenteiches war mit Eis bedeckt und blinkte wie matter Stahl in den ersten schrägen Strahlen der mit dem Gewölk ringenden Sonne.
Die Hänge des Muldentales mit ihren dunklen Wäldern und braunen Feldern und den schön geschwungenen Höhenlinien glitten an uns vorüber. Von Mulda führte uns dann das Nebenbähnchen mit Schnaufen und Pusten und gelegentlichem, wichtigtuendem Bimbim, Bimbim durch das enge, malerische Chemnitzbachtal empor nach Sayda.
Schön bewaldete Höhen treten rechts und links an die Bahn heran. Rechts öffnet sich bald ein Wiesengrund, in dem ein Bächlein herniedereilt, während neben ihm die Straße gemächlich zum Haltepunkt abwärts steigt. Wolfsgrund ist der romantische Name, der zu der Lieblichkeit nicht mehr zu passen scheint.
Einst war es anders: Am Eingang und Ausgang des Tales standen am Wege Hütten zum Aufbewahren von Waffen, besonders Keulen, die beim Durchgehen des dunkelen Waldes jeder mitgenommen, um sich gegen die Wölfe zu verteidigen, welche hier in den Dickichten der Talschlucht gehauset. Längst sind diese Tage vorüber und statt Urwaldschrecken grüßt uns die sonnige Lieblichkeit von Wiesen und Wald in freundlichem Wechsel.
Ein reizvolles Wiesental ist es, in dem die Bahn sich hinschlängelt. In seinem leuchtenden Grün mag im Sommer das Auge sich satt trinken können und sich der tausend Blumen freuen in ihren starken Farben und würzigem Duft und Kräfte gewinnen, um freudig ins Grau des Alltags zu schauen. Heute war die Fläche zart rehbraun getönt und mit dem schimmernden Silbergrau des Reifes angehaucht. Der Maulwurf war munter gewesen und hatte kräftige, schwarze Tupfen durch die zahlreichen frisch aufgeworfenen Haufen in die zarte Farbenstimmung gesetzt. Der Chemnitzbach schlängelt sich mit hurtigem Laufe in vielen Windungen durch das Tal.
Man sollte es dem harmlosen Bächlein dort nicht zutrauen, daß es auch recht bösartig sein kann und durch Überschwemmungen schon manchen schlimmen Schaden angerichtet hat. Das Kirchenbuch von Dorfchemnitz weiß davon zu erzählen: »Am 17. Mai 1622 sind 7 Personen begraben worden, welche in der großen erschrecklichen Wasserfluth ertrunken. Denn das Wasser und große Schloßen 3 Häußer ganz und gar weggerißen, daß nicht ein Stecken mehr stehengeblieben. Auch sonsten erschrecklichen Schaden gethan, indem es die Gärten gäntzlichen verschwemmet und alle Zäune hinweggenommen. Denn das Wasser über die ganze Gemeinde, so breit sie gewesen (70–80 Schritt!) etliche Ellen hoch gegangen, an der Schulbehausung zum Stubenfenster hineingegangen, Stub und Haus voll Schloßen geführt, welche zum Theil sehr groß gewesen. Gott wolle vor solchen Wasserfluthen hinfür und auch anderm Unglück aus Gnaden behüten!«
Das breite Wiesental liegt so freundlich in seinem silbergrauen Atlasgewande, als trüge es immer nur ein Feierkleid und lernte nie des Lebens Not und Kampf kennen.
Auf den Hängen liegen einzelne Höfe. Fest geschlossen wie Burgen schauen sie wie Herren ins Tal, nicht gar trotzig, aber breit und behäbig voll Selbstbewußtsein und einer gewissen Unnahbarkeit. Dort das Rittergut von Dorfchemnitz mit seinen festen Mauern liegt auf der Höhe hinter dem Filigran der entlaubten Wipfel, mit der Kirche zusammen eine Baugruppe von besonderem malerischen Reiz.
Der Rauch unseres Zügleins weht in langer, silberweißer, wallender Fahne durch das Tal. Duftiges Blau, zartes Sepia, dunkles Grün, Weiß, und Silbergrau sind die Töne, welche das liebliche Landschaftsbild beherrschen und alles in unendlich weicher Harmonie vereinen. Die Fenster im Wagen sind beschlagen. So stehe ich draußen mit dem Maler und male im Geiste die zartesten Aquarelle mit ihm, wo die Farben nur wie ein Duft auf dem leuchtenden Weiß stehen und so unendlich wohltun in ihrer keuschen Reinheit, Zurückhaltung und Vornehmheit. Jeder Ausschnitt wird uns so zum Bilde reiner Winterherrlichkeit, daß unser Herz froh wird und unsre Lungen immer tiefer die klare, kalte Luft der Höhen atmen. In Sayda wandern wir dann durchs Städtchen.