»Das vollständige Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon von Sachsen« von August Schumann aus dem Jahre 1823 sagt von ihm:
»Die Lage von Sayda ist, da es auch an Bäumen fehlt, unfreundlich und rauh, und hat zwei große Unbequemlichkeiten, nämlich einen langen Winter und sehr viel Schnee und im Sommer oft solchen Wassermangel, daß Wachen an die Brunnen gestellt werden, um nicht zu viel Wasser in eine Haushaltung kommen zu lassen; auch gibt es im Frühling und Herbst immer viel Nebel. Dagegen wird das Korn doch in der Regel reif, und nur selten begräbt der Schnee den Hafer.«
Ein schlichtes Landstädtchen ist es mit einfachen, nüchternen Häusern in gerader Straßenzeile. Diese Straße war einst ein tiefer Hohlweg, welcher die beiden Haupttore, das Freiberger nördlich und das böhmische südlich, verband, so daß man in einem Tore stehend, durch das andere hindurchsehen konnte. Im Jahre 1554 füllte man den 6 Ellen tiefen Hohlweg aus und pflasterte ihn, ein Fortschritt, der für jene Zeit eine besondere Kulturleistung war. Von der uralten Grenzburg Seydowe ist nichts mehr erhalten.
Dort, wo die Kirche mit ihrem kräftigem Turme sich erhebt und hohe Linden ihren jetzt so kahlen Wipfel breiten, scheint der letzte Rest alter, malerischer und behaglicher Kleinstadtschönheit zu sein und im Sommer mag es gar traulich und schön zu weilen sein unter dem dichten Blätterdach und duftendem Grün.
Harte Schicksale waren es, welche der Stadt ihre heutige Gestalt gaben. Feuersbrünste, Kriegsdrangsale und Seuchen gingen durch die Straßen und Häuser und zäher Bürgersinn baute immer wieder auf, was des Schicksals erbarmungslose Faust zerschlagen. So ist das heutige Stadtbild zugleich eine Folge und ein Denkmal schwerer Vergangenheit. 1465, 1599, 1634, 1702, 1842 sind die Jahre der zerstörenden Feuersbrünste, welche große Teile der Stadt in Asche legten. Das obengenannte Staats-, Post- und Zeitungslexikon sagt treuherzig: »Nach all diesen Unglücksfällen ist es kein Wunder, daß der Ort jetzt zu den ärmeren des Landes gehört, und ohne einigen Paschhandel nach Böhmen würde er es noch mehr seyn!« Im Jahre 1842 verloren durch den Brand 289 Familien mit 1100 Köpfen ihr friedliches Obdach. Auch die Kirche hatte damals stark gelitten, doch blieb das Netzgewölbe mit seinen acht schlanken Pfeilern und die schönen Epitaphien der Familie von Schoenberg in ihren reichen Renaissanceformen erhalten. Besonders das Grabmal des 1605 verstorbenen Caspar von Schoenberg mit seinem reichen Figurenschmuck und üppiger, kunstvoller Ornamentik in edlem Material, aus der Schule des Nosseni stammend, nach einem Entwurfe vielleicht von seiner Hand, ist der Hauptkunstbesitz der Kirche und der Stadt geblieben und mag sich getrost mit den schönsten Werken dieser Art im Lande messen.
Der Turm, der sich so gut ins Stadtbild fügt und weithin ins Land über Wälder und Berge leuchtet, mußte nach dem Brande von Grund auf neu errichtet werden. Unter den Pfarrern, welche hier ihres Amtes walteten, war gar mancher wackere Mann, den Zeit und Schicksal besonders eigenartig formte. Victorinus Rothe, 1564 in Leisnig geboren und in Freiberg erzogen, verlor seinen Vater durch Gift, welches ihm seine Gegner, die Calvinisten reichten. Nach seinem Studium in Wittenberg war er erst Schulmeister an verschiedenen Orten und dann zehn Jahre Mittagsprediger am Dom zu Freiberg, wo er infolge seiner hellen und durchdringenden Stimme großen Zulauf hatte. 22 Jahre war er dann in Sayda tätig und mag dort viel mit Sorgen zu kämpfen gehabt haben, denn um seinen Tisch reihte sich eine Kinderschar, für die wohl bald das Brot zu schmal, die Räume zu eng, der Betten zu wenig gewesen sein mochten. Bei Gelegenheit der Kirchenvisitation 1617 legt er das Bekenntnis ab, »er habe keinen gänzlichen Commentarium über die Bibel, aus mangel und weil ihm viel auff die kinder gienge, deren ihm Gott 22 bescheret und noch 16 am leben«.
Eine andere Charaktergestalt ist Johann Reinhard Jakobeer, der Sohn des Apothekers Theophilus Jakobeer in Pirna, der seine Vaterstadt im Jahre 1639 durch kühne Tat vor der Einäscherung durch den schwedischen General Banner bewahrte. Unser Johann Reinhard war der echte Sohn seines Vaters und ein Kind des Dreißigjährigen Krieges. Er erfuhr alle Schrecken dieser furchtbaren Zeit. Mit seinen Mitschülern wurde er zweimal durch schwedische Soldaten aus der Fürstenschule zu Pforta verjagt und verlor alle seine Bücher. Von 1638 an hat er in Wittenberg in Not und Armut drei Studienjahre durchgehungert, wurde dann Lehrer der Söhne eines erst kaiserlichen, dann schwedischen hohen Offiziers, mit denen er durch Böhmen und Sachsen zog und dabei alle Beschwerden eines Wanderlebens und Kriegslebens in jener zuchtlosen, wilden Zeit voller Abenteuer, Gefahren, Straßenraub und Gewalttaten ertrug. Dann wurde er Feldprediger und mag im bunten rauhen Soldatenleben manche wilde Tat verhütet, manchem verlorenen Sohn die Todeswunde verbunden, die Todesstunde erhellt haben. Als endlich Friede eingekehrt war, wurde er 1653 Pfarrer in Sayda, wo er zehn Jahre seines Amtes waltete, um dann in seine Vaterstadt Pirna als Diakonus heimzukehren. Sein Nachfolger Christoph Knorr ist auch eine Charaktergestalt jener furchtbaren 30 Jahre. Als 72jähriger Greis trat er 1663 das Pfarramt in Sayda an und hat ihm noch drei Jahre gedient. Er war 1591 in Plauen geboren, kam nach vollendeten Studien in Wittenberg im Jahre 1616 nach Brüx als Rektor an die evangelische Schule, wurde Pfarrer in Wielenz in Böhmen und geriet so mitten in die ausbrechenden Stürme des furchtbaren Krieges. 1624 wurde er vertrieben und lebte sechs Jahre ohne Amt in Sayda, bis er 1630 Pfarrer in Neuhausen wurde. 33 Jahre waltete er hier seines Amtes als Vater und Schützer der vertriebenen und verfolgten Glaubensgenossen, welche aus dem nahen Böhmen Zuflucht und Hilfe suchten. Ihre Kinder hat er im Walde auf Baumstöcken als Tauftisch oft unter Lebensgefahr getauft. Mitten im dichten Walde ist damals nach dem Kirchenbuche von Neuhausen Kaspar Kadens uffn Seuffen Söhnlein Kaspar »in schwedischen Einfall in Böhmen Jung worden, und uf der deutschen seyden vorn Gohrn übern Wasser bey einem großen faulen stock geteufft«. Im Purschensteiner Walde liegt bei Dittersbach ein großer tischähnlicher Stein, welcher im Volksmunde der Taufstein heißt. Er trägt die Jahreszahl 1635 und mag als Altar und Taufstein im sicheren Schutze des Waldes bei heimlichen Gottesdiensten der vor den Feinden geflüchteten Gemeinde oder böhmischen Exulanten gedient haben. In der Char- und Osterwoche 1638 hat von Neuhausen, wie oft vorher und nachher, »menniglich sich wieder in walt salvieren müssen«.
Aus dem benachbarten Dörnthal wird berichtet, daß im Jahre 1639 »solcher Hunger gewesen, daß die Leute meistens Kleie, Leinkuchen, Gesäme und gekochtes Gras müssen essen, und sein viel Hunger gestorben«. Die zahlreichen Leichen wurden zumeist »ohne Sarg, Klang und Sang« heimlich begraben. Ja in den Pestjahren, welche immer wieder die Orte heimsuchten, blieben die Leichen oft tagelang unbeerdigt, weil sich keine Totengräber fanden.
Im Kirchenbuche von Neuhausen hat der wackere Pfarrer Knorr von diesen Notzeiten einiges berichtet, von Mord und Plünderung, Schändung, Brandschatzung und anderen Untaten, vor denen sie öfter in die Wälder fliehen mußten. 1634 schreibt er: »unterm 22 Marty ist eine Partey Churfl. Krieges Volk in Böhmen auf die Plünderung gezogen; im raußziehn haben sie sich allhier eingelegt, und futtern wollen, es hat ihn aber der feind uf der ferschen nachgezogen, sie unversehens, weil sie keine Wache gehalten, überfallen, der Churfl. ihrer Drey niedergehauen undt angezundet: Hans Steffens Hauß sambt der Scheune, Hans Müllers, des Schneiders Hauß, Nikol Fleischers Hauß uf der Brücken, darinnen seine Schwieger die alte Kochin verbrand, der Paul Schullerin Hauß mit der Scheunen, und darbey ihr Neben-Hauß darinnen ein Kneblein von 4 Jahren verbrand, das Lehngericht, welches damals Kaspar Drechsels Erben gewesen, zu grund abgebrand und Hans Fritzschens darneben und sind also dismahl ihrer 5 Thodt blieben.«
Allein zwölf vertriebenen Pfarrern außer vielen anderen Flüchtlingen wurden aus den Kirchenvermögen Beihilfen gegeben, obschon Neuhausen selbst vierzehnmal in jener Zeit geplündert wurde; und obschon das Pfarrhaus 1638 verbrannt und zerstört war und wieder aufgebaut werden mußte, »weil in den vielfeltigen feindseligen Ausfellen alles darinnen zerschmettert und zu nichte worden«. Die Vertriebenen haben größtenteils nichts mehr als einen Exulantenstab in ihren Händen gehabt, oder, wenn es hoch gekommen, auf einem Schiebebock ihre kleinen, öfters noch an der Mutterbrust liegenden Kinder hinübergeführt.