Trotz des furchtbaren Ernstes der Zeit hatte aber Knorr noch mit der Zuchtlosigkeit und Verwilderung der Sitten in seiner Gemeinde zu kämpfen.

Er beschuldigt 1644 sogar den herrschaftlichen Schösser in Purschenstein, daß er Verwirrung stifte und die Unsittlichkeit fördere, »er habe Nacht- und Lobetänze biß zu Tage ausgeheget, deßwegen das gesindte, Knechte und Magde zugelauffen und allerlei Uppigkeit, wie leicht zuermessen, getrieben. Es war kein Herr seines gesindtes mächtig.« Sogar der Schulmeister mußte wegen Vernachlässigung des Amtes und Unsittlichkeit abgesetzt werden.

In seinem späteren Amte in Sayda fand er nicht die Ruhe, welche er wohl gesucht hatte. Ja, sein Leichenstein sagt »Den Abend seines Lebens trübte er sich durch die Annahme des Pfarramtes zu Sayda«, und bitter klingt der Spruch, den er sich selbst als Grabspruch gesetzt:

»Ade du falsche Welt, die du mich hast geplagt,

Auch Tag und Nacht an mir nach Würmer-Art genagt.

Mich decket dieser Stein,

Biß Gott wird Richter seyn.«

Er, der in schwerster Zeit, 33 Jahre lang, der geistige und seelische Halt in dem gefährdeten Grenzbezirk gewesen und alle Nöte und Ängste des Krieges treu mit seiner Gemeinde geteilt, hätte einen besseren Dank als diesen bitteren Ausklang und Nachklang seines Lebens verdient.

Einer seiner Nachfolger in Sayda, Friedrich Ziegler, Pfarrer 1692–1720, hatte sich als Wahlspruch das Wort gesetzt: »ride et vicisti«, »Lache und du hast gesiegt!« Dieser lachende, vielleicht auch ironisch lachende Philosoph – Optimist oder Skeptiker? – mag leichter das Leben überwunden haben, aber freilich ist diese Philosophie nicht durch solche furchtbaren Proben versucht worden, wie Knorr sie bestehen mußte, bei denen man das Lachen wohl verlernen mag! Ziegler hat eine Schrift verfaßt, »Die Seelen-Vergnügung im Grünen«. Es lächelt uns aus dem Titel das frohe Behagen eines freundlichen Pfarrherrn entgegen, dem das Lachen leicht ist. Knorr mag bei seinen heimlichen, gefährlichen Waldgottesdiensten nicht an eine »Seelenvergnügung im Grünen« gedacht haben, weil er zu viel Blut und rote Flammen gesehen, zu viel Seelennot im Grünen gefunden.

Gedankenvoll schreiten wir die lange Straße zurück, verlassen das Städtchen und wandern dann hinaus in die sonnige Winterwelt. Da liegt vor dem Städtchen das alte Johannes-Spittel hinter alten Bäumen. Bunt leuchtet das Wappen der Herren von Schönberg mit Inschrift über der Tür, durch welches das ganze schlichte Haus eine besondere Zierde und Charakter erhält. Bernhard von Schönberg hat das Hospital gestiftet, als er 1476 auf der Heimfahrt von Jerusalem auf der Insel Rhodos auf dem Sterbelager lag und seiner fernen grünen Heimatberge und harzduftenden Wälder gedachte. –