Grüß Gott du altes Weiblein dort am Fenster in deinem warmen Stüblein, du neidest uns nicht unseren Gang in den Winter hinaus. Der warme Ofen ist dir Erfüllung deiner Wünsche. Uns sollen noch Wind und Wald und Schnee Lieder der Sehnsucht und der Wünsche Gewalt und Erfüllung finden lassen.
Und ihr Schläfer hinter der schlichten Mauer unter den weißen Hügeln dort drüben, eure Herzen gingen zur Ruhe, aber was ihr gedacht und gelebt, es lebt und wirkt in ungeahnten Kräften. Vielleicht ist es im Wind lebendig, der dort vom Walde herüberweht, den ihr vielleicht gepflanzt habt, vielleicht klingt es aus dem Jauchzen der Kinder, die dort mit Schneeballen werfen, Kinder eures Blutes, vielleicht liegt es keimend im Acker, an dessen Rand wir dahinschreiten und dessen Frucht vielleicht dem Fleiß der nimmermüden Hände vieler Geschlechter, eurer Geschlechter, die dort ruhen, zu danken ist, vielleicht sind die Gedanken und Stimmungen, die uns hier überkommen, Spuren unsichtbaren Lebens, das hier daheim ist, Spuren eures Lebens, das ihr ganz an eure Heimat gewendet habt, und das uns nun eure Heimat lebendig und beseelt macht. Mit uns wandern alter ferner Zeiten stille Gestalten, nicht als dunkle Schatten, nein als Leben von unserem Blut, die das Leben gelitten und durchkämpft und bestanden haben und mit uns gehen als Freunde, um vom Schicksal zu reden, vom Schicksal der Seelen, vom Schicksal der Heimat, von Vergangenheit und Zukunft.
Sinnend schreiten wir in den Weihnachtswald, in dem die Schneeflecke aus dem dunklen Grün leuchten. Rechts schimmert die vereiste Fahrstraße durch die Stämme und der breite Streifen eines Kahlschlages. Was geht es sich so weich in dem harzduftigen Walde, als schritten wir in den Sonntag hinein, wo es so kirchenstill ist, als hätte eine heilige Feierstunde begonnen, in der alles fernen, fernen leisen Klängen lauscht wie geheimnisvollem Läuten sehnsuchtsweiter Glocken, dem Harfen des Windes in den Wipfeln oder dem Rieseln und Sickern des schmelzenden Schnees im Waldboden.
Ein dünner blauer Rauch steigt aus der Schneise empor und füllt die Luft mit starkem Harzgeruch. Wie Weihrauch und stilles Opfer zu geheimnisvoller Weihe zerfließt er über den Wipfeln. Der Wald duftet stärker als zuvor.
Wir treten auf eine weite Lichtung hinaus. Wie ein schimmernder Saal mit silbernem Teppich liegt sie da rings vom schweigenden Walde wie von dunklen Wänden umschlossen. Dicht am Walde liegt »das kleine Vorwerk« mit weißem Schneepelz auf dem Dache. Alles ist still und fügt sich einfach und schlicht in die große heilige Ruhe. Ein mächtiger Baum in der Nähe, herrlich nach allen Seiten gleichmäßig entwickelt, steht da wie der stille Wächter der Einsamkeit. Die leere schneefeuchte Bank an seinem Stamm unter den schimmernden Zweigen ist heute ein starkes Sinnbild der Verlassenheit oder Vergessenheit. Wie mag im Sommer unter seinem grünen Dach das Leben eine Stätte haben. Dort rastet der einsame Wanderer, dort ruht der Schnitter und genießt sein einfaches Mahl. Dort lacht und spielt fröhliche Jugend und die wandernde Horde lustiger Vögel, dort klingt ein altes Lied von Liebe und Leid zur Laute. Dort sitzt im sinkenden Tagesschein das Liebespaar und lauscht dem Flöten der Singdrossel hoch oben im Gezweig: Ein Baum, um den alle Poesie von Wald und Wiese und stillen Wegen wirkt und webt. –
Der Wald nimmt uns wieder auf und nach kurzer Wanderung zwischen seinen schneebehangenen Zweigen öffnet sich eine neue Lichtung, der Mörtelgrund. Wie ein breites silbernes Band liegt er zwischen den dunklen Fichten, quer den Wald durchschneidend und einen weiten Blick aufwärts und abwärts gewährend. Oberhalb zieht sich die Staatsstraße mit einem Brückenbogen den Bach überspringend. Nach unten schweift der Blick in die Ferne. An der Straße hier liegt aber ein stiller Teich, auf dessen Damm gewaltige Fichten wie stolze Türme sich erheben. Weit breiten sich die untersten Zweige fast dicht über den Boden hin. Ebenmäßig bauen sich die Prachtgestalten auf und ein Flüstern geht durch ihre dichten Nadeln, als raunten sie Geheimnisse aus alter kühner Heldenzeit, als wüßten sie Kunde von seltsamen Abenteuern und Märchen des Waldes oder von der schönen verwunschenen Fee im kühlen Wasser dort unter dem grünlichen Eis, verwunschen und verzaubert im gläsernen Sarge. An den Nadelspitzen hängen Tausende funkelnder Tropfen wie Perlen, als hätte ein Weihnachtswunder den köstlichen Schmuck gezaubert. Da regen sich sachte die Zweige und wie schimmernde Tränen fallen die Tropfen nieder mit leisem, feinem Klingen.
Die Wasserfei lauscht, denn es klang an der gläsernen Decke, als pochte schon der Frühling an, um den Zauberbann zu lösen, der sie verschlossen hält. – Ach lausche nur, der Frühling ist noch weit und ferne die Zeit, dich auf der duftigen Wiese im Mondschein im Tanze zu wiegen und Blumenkränze in deine fliegenden Locken zu flechten. – –
Durch Wald geht es weiter, und dann treten wir auf freie Höhe hinaus. Entzückt schweifen die Blicke über die reinen edlen Linien der Berge, welche sich in langen Zügen in den Himmel schwingen, zarter und zarter, bis sie in weiter Ferne verblauen. Dicht vor uns ist der Schwartenberg mit breitem Rücken. Rehbraun und weiß ist das Gewand gescheckt, das er über seine breiten Schultern gelegt hat, und in unendlich feinem Tone mischt sich ein zartes Veil und Blau hinein. Ja, du trägst nicht Sorge um moderne Farbenstellung deines Kleides, und was die kleine Welt dort unten zu deinem Gesicht und deinem Wesen und Kleid sagt. Ob Sonnenstrahlen um dein Haupt klingen und singen, ob der Sturm dir seine wilden Weisen schnaubt und heult, du lächelst im fröhlichen Gewand dem Frühling, du schaust im rechten Feierkleide dem Winter ernst und versonnen ins grimme Gesicht. – Wie still und weit wird doch das Herz, wenn es fern vom lauten Troß und Trieb der Niederung so in die schweigende Bergwelt des Winters schaut. Wie fühlt man so tief, daß echte Werte nicht im Lärm, sondern nur in der großen Stille sein und werden können. Schweigen ist Kraft. Schweigen ist Tiefe. In dieser heiligen Stille fällt alles Äußere ab und der Kern, Wesenheit und Wert der Dinge wird offenbar. Wohl dir, wenn du ohne Lüge bestehst, der Stille ins tiefe Auge sehen kannst, wenn die Stille dir noch etwas sein und geben kann.
»Das Ewige ist stille,
laut die Vergänglichkeit;