schweigend geht Gottes Wille
über den Erdenstreit.«
(Wilhelm Raabe.)
Der Weg senkt sich allmählich. Aus dem Talgrunde steigen Türme und Mauern in malerischer Gruppe auf: Schloß Purschenstein und zu seinen Füßen die Dächer und Giebel von Neuhausen. Der Weg ist stark vereist und nicht ohne manches Ausgleiten und heiteren Fall führt er uns ins Dorf hinab.
Wie stolz liegt die malerische Baugruppe der alten Burg nun jetzt über uns, mit ihren spitzen Türmen über die Bäume des Parkes am Berghang hinwegschauend.
Als Grenzburg hat sie durch viele Jahrhunderte Feinden Trutz geboten und war zugleich auch eine Zufluchtsstätte in der Zeit der Glaubenskämpfe für zahlreiche aus ihrer böhmischen Heimat vertriebene lutherische Exulanten. Mehr als ein halbes Jahrtausend sitzt hier das Geschlecht der Herren von Schoenberg bis auf den heutigen Tag. Freilich ist die Zeit jener Herrschaftsgewalt vorüber, als zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges die Purschensteiner Schönberge neben den weitausgedehnten Waldungen 5 feste Schlösser, 4 Rittergüter, 2 Städte, 1 Marktflecken und 39 Dörfer ihr eigen nannten und über einen Besitz von rund 500 Quadratkilometer – ein kleines Fürstentum – als Herren geboten. Der Ruhm dieses Geschlechtes, der zugleich seine Blüte bedingt, ist die Arbeit, der weitschauende Blick, welcher in der wirtschaftlichen Entwicklung und zielbewußter Siedelung und Aufbautätigkeit die Wohlfahrt seiner weiten Gebiete förderte.
Die Aufnahme der böhmischen Exulanten war nicht nur eine Tat lutherischen Geistes und menschlichen Mitgefühls, sondern auch klügster wirtschaftspolitischer Überlegung. In zahlreichen Dörfern und industriellen Unternehmungen erblühte neues Leben und neue wirtschaftliche Kraft für die Ansiedler ebenso wie für den weitschauenden Grundherren. Deutscheinsiedel, Deutschneudorf, Niederseiffenbach, Heidelberg, Oberseiffenbach, Deutschkatharinenberg, Brüderwiese, Eisenzeche, Lässigherd, Oberlochmühle, Frauenbach, Deutschgeorgenthal, Neuwernsdorf, Oberneuschönberg, Niederneuschönberg, Kleinneuschönberg u. a. sind Orte, die solcher bewußten Siedlungstätigkeit ihre Entstehung verdanken.
Damals schaute das Schloß nach einem Bilde von 1735 noch bei weitem stattlicher ins Land. Fünf hohe schlanke Türme mit offener, durchsichtiger Laterne und geschwungenen Haubendächern, ähnlich wie der Freiberger Rathausturm, ragten in die blauen Lüfte und bezeichneten die von starken Mauern umgürtete und durch tiefen Wallgraben und steilen Absturz geschützte Hauptburg, die wie eine stolze Krone auf der Bergeshöhe leuchtete. Wie mag so mancher Flüchtling, der vom Feinde gehetzt aus den dunkelen Tiefen der Dickichte der Grenzwälder emportauchte, diese leuchtenden Türme auf dem Berge mit Jubel gegrüßt haben. Wie mag so mancher Feind begehrlich nach diesen festen Mauern und hellen Fenstern geblickt haben. Feindlichen Angriffen, Plünderungen und Zerstörungen ist dieser stolze Sitz jedoch nicht entgangen. 1643 z. B. war das Schloß von Schweden besetzt. Da rückte der Rittmeister Sporr von der kaiserlichen Armeeabteilung des Grafen Brey mit 200 Reitern aus Böhmen heran, um die Schweden aufzuheben und das Schloß in Brand zu stecken. Schon hatten die Kaiserlichen viel Leitern und Stroh herbeigetragen, um letzteres zu ersteigen. »Es haben sich aber die darinnen gelegenen 46 Mann Schwedischer Reuther mit Schüßen und Steinwerffen so ritterlich gehalten, daß die Keyßerlichen 200 Mann unverrichteter Sache wieder abziehen müssen.« Sporr rächte sich dadurch, daß er die außerhalb der Mauern liegenden Stallgebäude in Brand steckte. Die Schweden hielten aber das Schloß noch acht Wochen besetzt und brandschatzten ihrerseits die Umgegend nach Herzenslust.
Auch 1646 haben hier noch einmal die Schweden gehaust. 2000 Mann plünderten die Kirchgemeinde Neuhausen, trieben von hier und aus Dittersbach und Seiffen sämtliches Vieh hinweg, raubten das Schloß aus und zündeten den oberen Teil desselben an. »Die Schweden kommen« war der Schreckensruf, der noch nach langen Friedensjahren den Bauer mit Entsetzen füllte. Es hatte sich zu tief eingeprägt, was die Pfarrchronik sagt: »weil wier damals, wie noch alle stund und augenblick in großer kriegesnot und gefahr geschwebet«, und »weil die Kriegesnot und gefahr noch so groß ja größer ist, als sie iemals gewesen, sintemal uns der Feind mit rauben, plündern und anderen grausamen thaten, ie länger ie mehr kömmt, … große Tyranney verubet, … ausgeplündert« usw.