Doch hinweg mit den Bildern aus blutiger, schwerer Zeit. Wir wollen heute hier nicht rasten, so lockend auch der alte malerische Bau auf der Höhe und dort das behäbige Gasthaus an der Straße winken. Wir wollen ja hinüber ins Weihnachtsland, das jenseits des Berges liegt. Auf steilem Wege geht es weiter und an der Flanke des Schwartenberges, »an der Schwarte« empor. Hei, das war ein lustiges Klettern, Steigen und Rutschen auf dem blanken Eis des schmalen Weges, wo oft nur der feste Wanderstab vor jähem Sturz und Abgleiten bewahrte und manchesmal nur ein rascher Griff in das Gestrüpp oder nach einem Baumstamm eine unfreiwillige rasche Talfahrt ohne Schlitten auf den eigenen gewachsenen Rodelkufen verhütete.
Diese Bergflanken oberhalb Neuhausens senden in schneereichen Wintern auch ihre Lawinen zu Tal, die manchmal nicht ungefährlich sind. Wer den erzgebirgischen Winter kennt und erlebt hat, wie in tagelangem Schneetreiben oft die Schneemassen sich türmen und Schneewehen zu Bergen sich emporbäumen, wie in den Wäldern viele Hunderte stolzer Wipfel unter der kalten, drückenden Faust des Schnees niederbrechen, wer einmal in solchem Schneesturm gewandert ist oder vielmehr sich durchgekämpft hat, der wird die unheimliche Gewalt solcher Naturereignisse ermessen.
Im Winter 1835 löste sich vom hohen Gassenberge eine Schneelawine und zerstörte gänzlich das Haus des Korbmachers Hengst, der sich mit den Seinen jedoch noch rechtzeitig retten konnte. 1862 verschüttete eine Schneelawine das Heinrichsche Haus in der Treibe derartig, daß seine Bewohner erst nach langem Schaufeln durch ein Dachfenster des obersten Bodens mit Lebensgefahr in Sicherheit gebracht werden konnten.
Heute liegt jedoch der Schnee hier oben nicht so dicht in geschlossenen Flächen. Locker, weich und leuchtend wirkt er in den einzelnen Flecken und Bändern wie ein schimmernder Schmuck, den der Berg zur Weihnachtszeit sich angelegt.
Wir erreichen einige einsame Höfe und gehen dann über eine Schneefläche wie auf weichem, kostbarem Teppich auf ebenerem Höhenweg dahin. Wie liegt die Welt so fern und klein unter uns. In weiter Ferne der Kirchturm von Sayda. Davor der Wald, den wir durchschritten. Im Tale einige Dächer und Häuser wie vergessen und verloren. Die Dinge der Niederung sind klein geworden, das Große, Erhabene zieht den Blick an. Die Augen schweifen in die Runde und können sich nicht satt trinken an all der keuschen Herrlichkeit der Berglinien und dem Dufte der Farben vom leuchtenden Weiß zum tiefen Blau und Grün, vom zartesten Braun bis zum satten Veil dort in den tiefen Gründen der Täler und Wälder.
Höhenluft! – Wie atmen wir darin auf, wie atmen wir so tief und frei und unsre Seele atmet mit, denn um uns und in uns ist das große, stille Leuchten, das man erlebt, wenn man Höhenwege wandert hoch über dem Alltag. Staubige Pfade liegen fern in der Tiefe, in reiner Höhenluft wird das Blut und die Seele frei, frei für Höhengedanken frei von dunklen Tiefen.
Oben über uns reckt sich eine Felsengruppe in die Luft, als wäre sie der Stuhl eines Gewaltigen, der von hier aus sein weites Reich überschaut, dem die Wälder Teppiche und die Berge und Täler Stufen seiner Herrlichkeit sind.
Unter einer alten, knorrigen Buche am Wege stehen wir. Sie ist vom Sturm zerzaust, und die Äste recken sich trotzig, wie feste Arme mit starken Muskeln und Gelenken dem Wetter entgegen, als wollten sie mit dem ungestümen Gesellen raufen. Der Schnee liegt in weißen Wuchten im struppigen Gezweig, und es fällt ab und zu ein nasser Klumpen hernieder. Wir aber stehen und schauen in das große stille Leuchten hinaus.
»Kein irdscher Laut mehr reichte durch die Lüfte,