An den gotischen Spitzbögen der oberen Ratsdiele befinden sich noch zwei andere Zeichen mittelalterlicher Rechtspflege. Es sind zwei große, schwärzliche Steine von halbkugeliger Form mit einem scharfkantigen Eisenringe. Auf dem Stein ist das Bild zweier zänkischer Weiber zu erkennen, die sich gegenseitig die Haare raufen. Sie stehen in steifer Haltung mit erhobenem Arm nebeneinander in ihrer Renaissancetracht, – roter, langer Rock, weißem Mieder und schwarzer Jacke mit Puffärmeln – und rollen mit den Augen. Im Bautzener Stadtmuseum befindet sich ein ähnlicher Stein in Form einer runden Pilgerflasche und daher »Büttelflasche« oder auch »Graue Suppe« genannt. Sie trägt die Umschrift: »Mägde und Weiber, die sich schlagen, müssen diese Flasche tragen.« Dieser Widmungsspruch erklärt auch unsere Steine dort oben. Mit ihnen, den Prangersteinen, am Halse wurden vom Stockmeister oder Büttel zänkische Weiber auf dem Markte an den Pranger gestellt. Der eiserne Ring von 29 cm Durchmesser konnte bequem über den Kopf gestreift werden. Der Stein ist aus Granit zurechtgehauen und glatt bearbeitet. Auf der Rückseite ist eine Höhlung für den Busen der Delinquentin herausgearbeitet. Das Gewicht beträgt 25 Pfund. In der rückwärtigen Höhlung des einen Steines ist, von grünen Zweigen eingerahmt, folgende Inschrift angebracht: Renoviret im Jahre Christi 1769 auf Anordnung Tit. Herrn Stadtr. Gottlob Hieron. Waegers durch Joh. Gottlob Blöden. Stockmeister.
Dieser Stein war also schon vor mehr als 150 Jahren durch fleißigen Gebrauch so abgenutzt im Laufe von vielleicht 200 Jahren, daß er im Anstrich und Malerei neu aufgefrischt werden mußte. Der Stockmeister hat sich mit großer Liebe und Sorgfalt, wie die saubere Inschrift beweist, dieser Aufgabe unterzogen und sich selbst dabei mit verewigt. Er glaubte wohl sicher, daß dieses drastische Erziehungsmittel holder Weiblichkeit zur Friedfertigkeit, das zugleich eine derbe Volksbelustigung von Rechtswegen war, noch lange sich seiner Beliebtheit erfreuen würde. Abgesehen von der demütigenden Wirkung und moralischen Pein, bedeutete diese Strafe auch körperlich eine Qual, denn der Druck des scharfkantigen Ringes im Nacken und auf den Schultern, dazu das schwere niederziehende Gewicht des Spottsteines, mehrere Stunden hindurch die Roheit und Gehässigkeit und niederen Leidenschaften des Pöbels dazu, mochten fast unerträglich gewesen sein. Es mochte ein eigenartiges für unser heutiges Empfinden abstoßendes Volksschauspiel abgegeben haben, wenn solche unholde Unglückliche entweder allein oder paarweise sich gegenüberstehend, mit ihrem schweren Halsschmuck geziert, mit Schimpf und Schmutz, faulen Eiern und anderen übelriechenden Dingen beworfen wurden, und wenn sie dann ihre losen, scharfen, schimpffertigen Zungen mit mittelalterlicher Deutlichkeit und Schlagkraft gegeneinander und gegen ihre Angreifer rücksichtslos gebrauchten, ein Wettkampf der Bosheit und giftiger Leidenschaften, der wohl schwerlich zur Hebung und Läuterung des sittlichen Empfindens beitragen konnte. Der derbe Volkswitz wird dabei manche kräftige Blüte getrieben haben, die unserem heutigen Empfinden vielleicht etwas zu urwüchsig erscheinen würde. Der erzieherische Wert der Strafe für die Gestraften und das Volk mag nur gering gewesen sein. Zweifellos sind diese echten alten Prangersteine im Freiberger Rathause wichtige und interessante Zeugen alter Rechtspflege und Strafauffassung. Was könnten diese Zeugen wohl berichten von menschlicher Schuld, Tücke und innerer und äußerer Qual! – –
Das Obergeschoß des Rathauses war einst eine einzige große Halle, an deren Westende das Archiv und die alte Gerichtsstube, jetzt Stadtverordnetensaal, am Ostende die frühere Kommissionsstube, jetzt Ratssitzungszimmer sich befanden. Alle anderen Räume und Flure, vierzehn an der Zahl, welche jetzt die alte Halle einnehmen, sind erst später durch Einziehen von Wänden und Decken eingerichtet worden. Diese einstige große Ratshalle hatte eine Breite von 16½ m und war von der Marktseite und Burgstraßenseite her durch stattliche Fenster gut beleuchtet. Die hohe, buntbemalte, hölzerne Balkendecke wurde durch sechs gotische Spitzbögen auf fünf kräftigen, kurzen Pfeilern von Grillenburger Sandstein getragen, so daß die mächtige Halle in zwei gleich breite Schiffe getrennt wurde. Das Schiff an der Marktseite zwischen Kommissionsstube und Gerichtsstube hatte 28½ m Länge, während das nördliche Schiff an der Burgstraße die ganze Ausdehnung des Rathauses mit 50 m Länge einnahm. Dieser gewaltige Saal, in dessen Mitte die Spitzbögen mit ihren starken Pfeilern wie im wuchtigen Gange einherschritten und den aufstrebenden elastischen Schwung ihrer Linien zur Decke emportrugen, mit seinen bunten Farben, Gemälden und dem Schmucke von Waffen, Schilden, Panzern, Sturmhauben, Harnischen, Fahnen u. dgl. muß eine starke Raumwirkung gehabt haben, die anderen berühmten Rathaussälen wohl gleich kam, oder sie vielleicht gar übertraf.
Hier vereinte sich das ganze festliche Leben der reichen Silberstadt und brachte glanzvolle Tage und Nächte, deren malerische Wirkung und derbe Fröhlichkeit wir uns nur schwer vorzustellen vermögen.
Hier hielt 1512 Herzog Heinrich seine Hochzeit und den Hochzeitstanz ab. Welche Pracht der Gewänder, kostbarer Stoffe und herrlicher Schmuckstücke mag da entfaltet worden sein. Hier gab der Rat den Fürsten, die in Freiberg residierten oder zu Gaste waren, üppige Prunkmähler, hier feierten die stolzen Patrizierfamilien ihre Feste, weswegen der Saal auch das »Tanzhaus« hieß, hier fanden die Bergknappschaftsfeste statt, welche alle Männer vom Leder, den Oberberghauptmann mit Berggeschworenen und Knappen, den reichen Silberherren und den armen Bergjungen zu gemeinsamer Feier bei reichem Mahle, gutem Trunke und schließlich fröhlichem Tanze vereinten. Hier fanden auch Theateraufführungen fahrender Künstler und die Festspiele des Gymnasiums statt. Längst sind die Feste verklungen, die Fröhlichkeit verrauscht, die Blumen verwelkt und Nelkenkränze verdorrt. Andere Zeiten kamen, nüchtern, sachlich, kalt und sorgenschwer, in denen die Fröhlichkeit andere Stätten suchte, der Sinn der Zusammengehörigkeit auch in der Freude wie bei der Arbeit zersplitterte und sich nach hie und da verkroch. Die Handwerker kamen, nahmen die Waffen und allen Zierrat von den Wänden und bauten in den herrlichen Saal Zimmer auf Zimmer ein, mauerten drei Bogenöffnungen zu, so daß aus dem fröhlichen Tanzhaus, aus dem ernsten Rüsthaus mit seinen Waffen zu Schutz und Trutz, ein nüchternes Geschäftshaus oder Verwaltungsgebäude wurde. Nur die Feder und das Wort sind die Waffen, die hier noch geführt werden. An die Stelle von Tanz und lauter Fröhlichkeit ist stille Emsigkeit, treue Arbeit und unermüdliche Pflichterfüllung im Dienste der Allgemeinheit getreten.
Nur die Ratsdiele ist vom alten fröhlichen Saale noch übrig geblieben. Durch zwei Fenster wird sie beleuchtet mit tiefen Nischen der starken Mauern, in denen Banksitze Platz gefunden haben. Eine schwere, spätgotische Sandsteinbrüstung grenzt die Öffnung der von unten aufsteigenden Treppe ab. Stumm schauen die Gestalten der sächsischen Fürsten in Lebensgröße von den Wänden hernieder.
Mit Panzer oder seidenen Prachtgewändern bekleidet, mit Hermelinmantel, mit Schwert oder Feldherrnstab in der Rechten, sind diese stolzen Herren und Herrscher charakteristische Vertreter ihrer Zeit mit allen ihren Vorzügen und Schwächen. Mag einzelnen Bildern die letzte Meisterschaft fehlen, so sind sie doch ein künstlerisch und historisch wertvoller Besitz und Schmuck des Rathauses, welchen die Jahrhunderte seit Herzog Heinrich d. Frommen (1505 bis 1544) zusammengetragen und sorgfältig bewahrt, gehegt und gepflegt haben. Vierzehn Fürstenbilder hängen auf der Rathausdiele, sechs im Stadtverordnetensaale. Es ist ein gutes Stück sächsischer und deutscher Geschichte, die an uns vorüberzieht, wenn wir der Zeiten und Geschicke jener Männer und Frauen gedenken. Dort Johann Georg I. und seine Gattin, die Kurfürstin Sibylla Magdalena, haben die furchtbare Prüfung des dreißigjährigen Krieges über ihr Land dahinbrausen sehen. In ganzer Figur am Tische stehend trägt er ein grünseidenes Prachtgewand. Dunkel ist sein Haar und Spitzbart. Drei Jahre vor Ausbruch des großen Krieges hat ihn und auch seine Gattin, eine blonde anmutige Frau mit schönem weißem Spitzenkragen, gleichfalls mit einem grünen, prachtvoll geschmückten Seidengewand angetan, sein Hofmaler Johann Gerhardt, in voller jugendlicher Kraft und Schönheit dargestellt.
Dort das Bild des Kurfürsten Johann Georg III., des Türkensiegers mit rötlichblondem, lockigem Haar und Schnurrbart, der an der Befreiung Wiens durch die Schlacht am Kahlenberge am 12. September 1683 so ruhmreichen Anteil hatte. Zur großen Siegesbeute jener Schlacht gehörten bekanntlich große Mengen Kaffee. Der Genuß des Kaffees, die Entwicklung des »Wiener Kaffees« datiert aus jener Zeit, und auch die besonderen engen Beziehungen des Sachsen zum Kaffee mögen in jenem Siege ihres Kurfürsten ihren Ursprung gehabt haben. Er ist in Rüstung mit malerisch zusammengefaßtem Hermelinmantel dargestellt und weist mit dem Feldherrnstab auf den Feind. Eine Kanone mit dunklem, drohendem Rohr spricht von seinen Schlachten.
Dort ist August der Starke in dunkler Rüstung mit blauem Samtmantel und dem Bande des Weißen Adlerordens. Welche Fülle von Bildern, Vorstellungen und Geschichten tritt uns vor das geistige Auge, wenn wir seinen Namen hören und ihn im Bilde in seiner etwas theatralischen Haltung betrachten. Mag er ein großer Egoist gewesen sein, ein Genießer von besonderem Ausmaß, so ist doch seine Prachtliebe, sein Sammlungseifer, seine Kunstfreude, seine Baulust für die Entwicklung und Befruchtung der Kunst in Sachsen und insbesondere Dresden von unschätzbarer Bedeutung gewesen. Durch ihn wurde Dresden zum Elbflorenz. –
Dort fällt uns ein Bild ganz anderer Art durch seine Farbenpracht in die Augen, das Bild des Königs Anton, der 1827–1836 regierte, ein König der Biedermeierzeit. Er ist ein kleiner Mann mit gemütlichem aber doch ernsthaftem Gesicht, dem man glaubt, daß er kein Feind des Schnupftabaks und eines guten Rotspohns, aber mit Maßen und gehöriger Würde und Herablassung ist. Er trägt einen scharlachroten Frack mit schwefelgelber Weste und breitem, grünem Ordensband und dazu hübsche, enge, mattblaue Hosen und hält in der Hand einen großen zweispitzigen Federhut mit mächtiger Feder. Er sieht aus wie der König im Bilderbuch, und, hätte er den schönen Federhut auf, würde er einem der schönsten Papageien mit großem Schopfe im Zoo gleichen. – Ist es erst wirklich hundert Jahre her, daß sich ein König so verewigen ließ? oder ist es nicht doch etwa ein König aus Biedermeiers buntem Bilderbuch? Das fröhliche gemütliche Bild lacht als lustiger Farbenfleck in die ernste Ratsdiele so leuchtend herunter, wo so viel Sorgen und schwere Gedanken hin- und hergetragen werden, daß mancher mit Lächeln zu ihm aufsieht, ihm zunickt und denkt: Du bunter Vogel, wie kamst du hierher aus dem lustigen Märchenbuch. »Es war einmal ein König, der hatte einen …?« –