Die wertvollsten Gemälde der Fürstengalerie hängen im Stadtverordnetensaale. Es sind die Bilder Herzog Heinrichs des Frommen, des Kurfürsten Moritz, des Kurfürsten August und seiner Gemahlin Anna.
Herzog Heinrich der Fromme, der Freund und Gönner Freiberger Art und Bürgertums, der Gründer Marienbergs, zeigt sich in seiner waffenfrohen, ja waffenklirrenden Art. Es ist eine feste Mannesgestalt, der Herzog Heinz, der da vor uns steht, mit braunem Vollbart und Haupthaar. Er ist schwer gepanzert mit Kettenringkragen, Brust- und Beinharnisch. Die Panzerschuh und Panzerschilde an den Knien sind vergoldet. Im rechten Arm liegt ihm ein gewaltiges, bloßes, zweihändiges Schwert, mit großem, goldenem Griff hoch an der Brust, das fast so groß wie der Herzog selbst ist. Die linke Hand hält er am Griff eines zweiten, an der linken Seite hängenden Schwertes, und an der rechten Seite trägt er noch einen Dolch. Waffen und Kanonen waren seine Leidenschaft, und im Zeughaus des Schlosses Freudenstein unter seinen schönen blanken Bronzekanonen mit ihren Bildwerken und anzüglichen Sprüchen sein liebster Aufenthalt. Einen kräftigen Trunk unter seinen ehrenfesten Bürgern in der Ratstrinkstube, oder auch ein fröhliches Schützenfest mit eigenhändigem Armbrustschießen nach der Scheibe, eine weidgerechte Jagd in den Wäldern des Gebirges verschmähte er jedoch nicht. Sein Mohr und sein großer englischer Windhund durften jedoch nicht fern sein. Dafür hatte jedoch sein Kanzler Freydiger desto mehr Mühe, ihn zum Schreiben zu bringen, und wenn es nur eine einfache Unterschrift war. Lieber ein zweihändiger Riesenflamberg in beiden Händen, als einen Gänsekiel zwischen den Fingern einer Hand! – Heinrich hatte jedoch mehr noch als kriegerischen Mut, er hatte Bekennermut und seelische Kraft. Trotz des grimmigen Drohens und Schnaubens seines mächtigen Bruders Georg schaffte er Luthers Lehre freie Bahn in Freiberg und ließ sich auch durch Versuchungen nicht in seiner Treue und Festigkeit erschüttern. Als Herzog Georg mit Zorn und Gewaltdrohungen nichts bei ihm erreichte, versuchte er’s mit schlauer Überredung und Bestechung: Er schickte Gesandte an Heinrich, um ihm sein Herzogtum als Erbe anzubieten, falls er wieder zur alten päpstlichen Lehre sich wenden wollte. Der Chronist sagt: »Die Gesandten wiesen auf die Fürtrefflichkeit des Landes und großen vorhandenen Vorrates an Silberkuchen, baren Gelde, Golde, Kleinodien und vielen köstlichen Zierrathe hin ohne ihn bewegen zu können.« Heinrichs Antwort lautete:
»Es gemahne ihm ihr fürbringen nichts anders, als da der Satan dem Herrn Christo alle Reichthume und Herrlichkeiten der Welt zeigete und zu ihm sagete, dieses alles will ich dir geben, so du niederfällest und mich anbetest, welches er nimmermehr thun, noch seinen Herrn Christum um des Zeitlichen willen verraten würde, wenn er auch gleich mit seiner Gemahlin an einem Stäblein betteln aus dem Lande gehen sollte!«
Er liebte sein Freiberg, in dem er seit 1506 fast 35 Jahre Hof gehalten und ließ in sein Testament als letzten Willen schreiben, »er hette die Freyberger in aller Trew und Gehorsam gegen Gott und ihm befunden, drumb wolte er auch bey denselben ruhen und schlaffen«. Unter ihm und seiner milden aber starken Hand hat Freiberg wohl seine glücklichste Zeit erlebt.
Unruhige Jahre kamen unter der Herrschaft seines Sohnes, des Kurfürsten Moritz, dem Sachsen viel zu enge war, der mit hochfliegenden Plänen sich trug, und dem Religion mehr ein Mittel der Politik und hohen Ehrgeizes war. Vielleicht wären seine Pläne zum Wohle des Reiches gewesen, wäre er nicht zu früh, erst 32 Jahre alt, dahingerafft. Welchen Lauf hätte wohl ohne den heimtückischen Schuß die Weltgeschichte genommen? Vielleicht wäre Deutschland der dreißigjährige Krieg erspart geblieben.
Dort aus dem Bilde neben seinem Vater schaut uns im Schmucke seines rötlichen Vollbartes sein edler, ernster, länglicher Kopf mit klugem, festem Blicke an. Man fühlt, daß hier ein Besonderer steht und den Feldherrnstab in der Hand trägt. Er ist mit einem Panzer von dunkler Farbe und gelber Feldbinde darüber gerüstet. Ist es derselbe schwarze Panzer, den er in der Schlacht von Sievershausen trug, als ihn am 9. Juli 1553 der meuchlerische Schuß von hinten traf, der Panzer, der nun schon Jahrhunderte im Dome zu Freiberg sich befindet? Die bei Sievershausen erbeuteten Fahnen dort im Dom, von denen fast nur die Schäfte noch mit wenig Resten, Fetzen und Fasern übrig sind, wissen zu erzählen von jener Schlachtennot und frühem Schlachtentod, durch den Deutschland seiner besten Hoffnung mit beraubt wurde. Der uralte deutsche Mythos vom blinden Hödur, der den lichten Baldur durch heimtückischen Schuß tötet, wird immer wieder neu und wahr bis in die neueste Zeit. Dieser Mythos ist der Mythos von Deutschlands Schicksal und Leid. –
Die Bilder des Kurfürsten August und seiner Gattin Anna stammen von Lukas Cranach d. Jüngeren. Sie sind in schwarzer, spanischer Tracht mit vollendeter Kunst gemalt. August trägt ein reiches, mit Gold gesticktes Wams mit schwarzem, goldgesticktem Mantelkragen darüber und enganliegende hohe, schwarze Strümpfe. Die Hand hält er links am Degengriff. Nichts Kriegerisches liegt in dieser Erscheinung, sondern mehr von einem eleganten Hofmann. Sein rötlichblonder Vollbart ist kurz geschnitten und gepflegt. Auf seinem Haupte trägt er eine eigenartige Kopfbedeckung, die etwa einer weichen, hohen Bergmannskappe gleicht.
Seine Gattin ist auch in Schwarz gekleidet. Das ganze untere Drittel des Kleides, die Puffärmel und der Latz, sind reich in Gold gestickt. Ihr helles, rötlichblondes Haar legt sich glatt gescheitelt über Haupt und Schläfen und ein kleines Barettchen mit Feder deckt rechts den Scheitel. Mit rührend schlichter, steifer Haltung steht sie da, hat die Hände zusammengelegt und schaut mit blassem, kindlichem Blick auf den Beschauer, wie eine Konfirmandin, die auf ihren Pfarrer lauscht.
Der Hintergrund beider Bilder, die als Gegenstücke gemalt sind, ist ein großer hellgehaltener Fensterbogen, durch welchen der helle Himmel hineinschaut, vor dem die schwarzen Gestalten stehen.
Das also ist »Vater August« und »Mutter Anna«, der kluge Volkswirt und Haushalter seines Volkes und die treue Landesmutter neben ihm! Wie so ganz anders stellt man sich dieses Fürstenpaar vor, als hier auf diesen Cranachbildern! Nicht modisch elegant mit sattem, zufriedenem, geistig unbedeutendem Antlitz wie er es zeigt, nicht geistig so unentwickelt und schüchtern und leer, wie sie sich stellt, nein, als tatkräftige, geistig bedeutende Persönlichkeiten, denen der geistige Adel und das tüchtige Wollen und Können von der Stirne und aus den Augen leuchtet. Nein, da sind die Bronzedenkmäler von Carlo de Cesare in der Begräbniskapelle des Domes doch schöner, überzeugender und vielleicht auch trotz aller Steigerung doch noch wahrer als hier, wo mehr der körperliche als der geistige Mensch gegeben ist. –