Neben dem Stadtverordnetensaale, dessen alte Holzdecke von zwei gewaltigen gotischen Unterzugbalken mit reicher Profilierung getragen wird, liegt das alte gewölbte Urkundenarchiv. Durch einen gotischen Türbogen mit tiefen Kehlen und Rundstäben, durch eine wuchtige eiserne Plattentür mit schönen durchbrochenen Beschlägen und alter kunstvoller, mehrfacher Verriegelung, die nur durch Drehung des prachtvollen messingnen Löwenkopfes in der Mitte gelöst werden kann, ein Meisterwerk der Schmiedekunst, und dann durch eine zweite, mit Eisenplatten beschlagene Tür mit mächtigem, altem Kunstschloß treten wir in diesen altertümlichen Raum, in dem wie in einer weltentrückten Klause das Leben draußen schweigt und die Jahrhunderte zu uns zu reden und lebendig zu werden scheinen. Eine andere Luft und anderer Duft ist in diesem Raum wie in den übrigen Räumen des Rathauses. Ein schönes Kreuzgewölbe spannt sich über uns. Der Boden ist mit roten Ziegelplatten belegt, die dem Raume eine warme Farbstimmung geben.
Wir sind in der alten Silberkammer des Rathauses, dem feuer- und diebessicheren Ort, wo die Kostbarkeiten und die Geldvorräte der Stadt in schweren eisernen Truhen mit kunstreichen Schlössern und Riegeln einst aufbewahrt wurden. Im dreißigjährigen Kriege 1632 brachte man hier die städtischen Urkunden und kostbaren Stadtbücher unter. Das große Fachwerk dort mit seinen vielen bunten Kästchen, das uns anschaut wie die Wand einer altertümlichen Apotheke, wurde 1635 von dem Tischler Georg Köhler hergestellt und nahm in seinen sogenannten »Kammerkästchen« wohlgeordnet alle Urkunden, Verträge, Briefe usw. auf bis auf den heutigen Tag, welche für die Stadt von besonderem Werte und Wichtigkeit sind. Jedes Kästchen kann an einem hübschen, hängenden Handgriff herausgezogen werden und ist mit fröhlichem Blattornament in bunten Farben bemalt. Den Sockel dieser Kammerkästchenwand bilden vorspringende Truhen, die für die Aufbewahrung von Bücherschätzen ebenso wie als Sitze dienen können.
In der Mitte des ehrwürdigen Raumes steht ein uralter Tisch in der Form des Tisches der Lutherstube auf der Wartburg und wohl aus derselben Zeit stammend. Der Wurm hat eifrig schon sein Werk an ihm getan. Verborgene Schubkästen sind unter seiner Platte. Ein Archivar soll einst mit besonderer Begeisterung gerade an diesem Tische in den alten Stadtbüchern geforscht haben. Ein feiner Duft stieg nämlich von dem Tisch in seine Nase, denn hier im geheimen Schubfach hatte er seinen besten Tabak heimlich geborgen, der ihn begeisterte wie einen schwärmenden Jüngling das Veilchen, das im Verborgenen blüht. Freudig schnuppernd graste er so auf den Feldern des Mittelalters und der Stadtgeschichte.
Das Regal der zweiten Wand ist dicht mit Bänden aus allen Jahrhunderten besetzt. Da sind vor allem die mächtigen Stadtbücher und Ratsprotokolle in Schweinsleder gebunden, Bände von einer Größe und einem Gewicht, daß sie nur schwer zu heben sind. Andere alte Bände sind in Pergamentblätter mit gotischer Schrift gebunden, die aus alten Klosterbüchern stammen. Kostbare Bände liegen auf dem alten Tisch. Wir schlagen einen uralten Band auf mit schwerem Deckel aus Holz mit Spuren eines roten abgeschabten Überzuges und mitgenommenen Messingbeschlägen und fünf sehr starken, großen Messingnägeln auf beiden Deckeln. Es ist das alte berühmte rote Freiberger Stadtrecht vom Jahre 1294, ein kostbares, unersetzliches Werk, in prachtvoller gotischer Schrift auf starkem Pergament geschrieben, mit vielen schönen Initialen. Das erste herrliche Initial in Blau, Grün und Gold gehalten, über die ganze Seite reichend, klingt noch in der Ornamentik an romanische Formen an und umschließt in dem Buchstaben »G« das Wort »Got«. Die Einleitung dieses ehrwürdigen, durch Jahrhunderte und weit über Sachsens Grenzen anerkannten Gesetzbuches lautet:
»Got der Himel und erde geschuf,
der helfe uns volbrengen diz buch,
des helfe uns got amen. Ich hebe an
in gotis namen. Unde schribe
vribersch recht. wer mir helfe
der si gotis knecht.