Das Jenseits als Ort der Zuflucht aus der Not des täglichen Lebens.

Das Glockengießen mag bald in jener Leidenszeit aufgehört haben und die Stückgießerei mehr Anklang gefunden haben, ganz wie in unseren schweren Weltkriegstagen. Mit Tausenden von Dörfern und Kirchen, die in Asche sanken, schmolzen Glocken dahin, um nie wieder zum klingenden Leben zu erwachen. Viele mögen auch zu Geschützen geworden sein! Und wo noch Glocken in Dörfern auf den Türmen hingen, da schwiegen sie, um nicht den Feind, der wie Wolfsrudel durch das Land strich, herbeizurufen, und wenn eine Glockenstimme klang, dann kündete sie Sturm, Mord, Brand, Elend und Tod. Neue Glocken aus dieser Zeit sind kaum vorhanden. Sie hätten ja nur eine Stimme für Klagerufe, eine Stimme mit Tränen haben können. In Lichtenberg bei Freiberg hängt auf dem Turme eine Glocke von Gabriel Hilliger aus dem Jahre 1648, dem Endjahre des großen Krieges, als seine stürmischen Wogen sich schon sänftigten. Sie trägt Hilligers Wappen und die Umschrift: »Si deus pro nobis quis contra. anno 1648.« Ist Gott für uns, wer wider uns! Man spürt aus diesem Wort, wie neue Hoffnung und neues Leben mit starkem Gottvertrauen sich regt, und doch ein gewisser kriegerischer Unterton noch mitklingt, voller Luthertrotz. Die Kriegszeit stand noch zu frisch vor Augen und Erinnerung und schwingt noch mit im Glockenklang.

Fünf Jahre später, 1653, wird in Niederpretzschendorf eine Glocke desselben Gabriel Hilliger aufgehängt. Die weiß nichts mehr von den Kriegsnöten zu berichten.

Libe Gott sag ich Lob, Preis und Dank

Mein Klang dich rufft zum Kirchengang.

Gabriel Hilliger zu Freibergk goß mich.

1653.

Wie das Läuten zum Sommertag einer behaglichen, friedlichen, ländlichen Gemeinde scheint dieser Spruch dahinzuwallen über satte, saubere Höfe, über wogende Felder, über rauschenden Wald. Dieser Spruch wäre zehn oder zwanzig Jahre früher wohl kaum auf einer neuen Glocke denkbar gewesen.

Das Leben nach dem großen Kriege mag freilich oft noch übergesprudelt sein, und die leere Kirche mag manchem Pfarrherrn Gewissensnöte gebracht haben, wenn die räudigen Schäflein seitab getrabt waren. Ist es zu verwundern, wenn der Pfarrer von Markersbach sich 1660 bei Gabriel Hilliger eine Glocke bestellt mit dem lateinischen Hexameter: »Campana vult populum sonans ad sacra venire«. Die klingende Glocke will, daß das Volk zur Kirche komme. Es ist freilich nicht überliefert, ob die Markersbacher diesem Notruf ihres Pfarrers und ihrer Glocke besser gefolgt sind als zuvor. Auch heute noch klingt ihre mahnende und rufende Stimme über Dach und Dorf.

Noch zwei Glocken aus dem Jahrhundert des großen Krieges sollen uns ihre Weisheit künden: Die große Glocke von Kreischa aus dem Jahre 1672, von Herold gegossen, ruft uns ein musikalisch Gleichnis und Mahnung zu, aus welcher auch ein gewisser Stolz des Gießers auf sein Werk mitklingt: »Gleichwie die Glocken fein zusammenstimmen, also soll auch unser Leben mit Gottes Wort übereinstimmen und ein feine Harmoniam mit demselben machen.« Nichts von Krieg und Sorgen und Nöten, alles Stimmung und Harmonie, als ob man in ein freundliches altes Pfarrhaus schaut, wo Friede wohnt und gespendet wird und alle bitteren Gegensätze sich aufzulösen scheinen, wo ein milder, musikliebender Pfarrer in stiller Studierstube sich dieses zarte Mahnwort für seine neue Glocke erdenkt – und doch sieht das Leben so ganz anders aus; nicht die Harmonien, sondern die Dissonanzen sind darin so oft bestimmend und wirksam und machen die Menschen so oft elend! –