Die andere Glocke in Gersdorf bei Döbeln von 1696 kennt das Leben besser. Im Westen verheerten schon wieder französische Mordbrennerbanden das Land und im Süden bebten die Völker vor der neuen Türkengefahr. Ihr Spruch lautet:

1696 Goß mich Johann Jakob Hoffmann von Halle.

»Zum Gottesdienst ich rufe zur Freud und auch zum Leid.

Ach Gott behüt für Feind und Feuers Noth Allzeit.«

Das ist schon wieder der Notschrei, wie er so oft durch unser deutsches Land erklang und von den Türmen ins Land hinausrief, und der wie ein bitteres Wehe durch unser deutsches Schicksal klagt!

Der Notschrei klingt auch aus der Stimme der kleinen Glocke von Oberwiesa aus dem folgenden Jahrhundert:

»O Got las dir befohlen sein die Glocke und auch die Kirche dein.

Soli Deo gloria anno 1708«

Der nordische Krieg mit dem kühnen Schwedenkönig Karl XII. hatte seine blutigen Schatten bis ins Sachsenland geworfen. Vielleicht war die Glocke der schwererrungene Ersatz für eine im Dreißigjährigen Kriege verlorene. Ein volles Jahr lang, bis kurz ehe sie gegossen wurde, hatte ein großes Schwedenheer im unglücklichen Sachsenlande gelegen und nicht weniger als 23 Millionen Taler, ungerechnet die Naturallieferungen herausgepreßt, sodaß unter diesem Drucke und unter der ungeheuren Steuerlast, welche die teuere Hofhaltung August des Starken und seine Leidenschaften erforderten, die Bauern kaum den notdürftigsten Lebensunterhalt hatten. Die Zeiten des großen Krieges schienen wiedergekehrt zu sein. Da wurde jedes Glockenläuten schon von selbst ein Angstruf um Schutz für die Glocke und Kirche und damit für die ganze Gemeinde, und wurde ihr Spruch so recht ein Ausdruck seiner Zeit und ihrer Not und ganz besonderen Seelenstimmung.

Wenige Jahre später, im Jahre 1712, ließ in Crandorf eine Glocke von Michael Weinhold zum ersten Male ihren ehernen Klang über die Dächer dahinschallen mit lateinischen Worten: »ignes festa. deum, stata tempora, funera, plebem, nuncio, honoro, cano, denoto, ploro, voco.« »Feuer, Feste, Gott, bestimmte Zeiten, Begräbnisse, das Volk, melde ich, ehre ich, lobsinge ich, bezeichne ich, beklage ich, rufe ich.« Man hört es aus diesem Spruche schon, daß die Zeiten ruhiger geworden sind, daß ein lateinsicherer Pfarrer sich heiß um diesen etwas holperigen lateinischen Vers bemüht hat und gewiß sehr stolz auf ihn war. Wie viele aber seiner Schäflein verstanden haben, was er in gut Deutsch hätte sagen können, das mag ihn nicht sonderlich berührt haben. Er kannte wohl seine Leute! Der feierliche Klang der fremden Worte macht ja unverstanden oft tieferen Eindruck von geheimnisvoller Kraft auf schlichte Gemüter als einfaches Deutsch. Man denke an Zauberformeln u. dgl., deren Wunderkräfte meist nur in ihrer Unverstandenheit und dem daraus entstehenden blinden Glauben an ihre Gewalt beruhen. Immerhin ist es bei diesem Glockenspruche bezeichnend, daß ignes, die Feuersbrunst, und ihre Meldung als erste Aufgabe der Glocke an der Spitze steht. Es mag doch nicht so ganz selten der Feuerruf nötig gewesen sein.