Wo deutsch die Steine reden und deutsche Art uns künden, muß deutsches Wesen und deutscher Geist wie Felsen fest im Heimatgrunde stehen und stark allen Stürmen und Wettern trotzen! Aus heiliger Saat steigt die kommende, die stahlblanke Zeit:
Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen!
Im Freiberger Dom.
Bist du schon einmal im Freiberger Dom gewesen und hat deine Seele Zwiesprache gehalten mit den Gedanken der Ewigkeit, die dort in Stein gebannt sind? Hat einmal dein Herz es erlauscht, und ist es dir tief in dein Inneres gedrungen, daß hier nicht ein totes, steinernes Gefüge seine Blöcke zu Säulen und Wänden türmt und seine Gewölbe in kunstvollen Rippen und Kappen schließt, sondern daß das Ganze ein beseeltes Wesen ist, welches gewachsen ist, sich entwickelt zu einem höheren Dasein und lebt? In welchem Gedanken wirken und weben, schwingen und klingen, die aus dem tiefsten Innern des Volkes geboren, sich emporgerungen haben als Ausdruck der Sehnsucht und des Sinnens, wägender Weisheit, wähnenden Wollens und Waltens, ahnenden Schauens der Volksseele selbst? Komm mit mir und lausche, was die alten Wände raunen: Heimat, Heimat wird dich segnen und reich machen, erheben über die Zerrissenheit, Leere und Armut dieser Zeit, wird dich lohnen mit dem heiligen Gefühl des Heimatstolzes, daß was aus echt deutscher Seele geboren ist, unsterblich, unzerstörbar, ewig ist, weil es Keime immer neuen Werdens trägt, Keime der Auferstehung und des Emporringens aus der Tiefe zum Licht, zu heiliger Frucht, die wieder Samen streut auf Hoffnung und auf Erfüllung verheißende Zukunft!
Wir wollen heute nicht vor der goldenen Pforte, diesem Wunderwerke der Kunst aus der ersten Blütezeit der Stadt verweilen, sondern uns still an die Stufen des Altars setzen und schauen und hören, was an Stimmen und Stimmungen in uns und um uns laut und leise klingend wird, was aus fernen Tagen und Taten lebendig wird und Gestalt gewinnt. –
Leise singt die Orgel, sanft mit weichen Stimmen als streichele dir liebe Kinderhand die Sorgenstirne und nähme dir alles, was dich niederzieht, von der Seele und trüge dich weg von allem, was da draußen so grau und zwieträchtig dein Herz bedrängte. Dann braust sie gewaltiger empor mit mächtigem Klange jubelnd und jauchzend. Der ganze Raum wird ein himmelstürmender Jubel von eherner Wucht und unendlicher Reinheit und Schönheit, in dem deine Seele ergriffen und emporgerissen wird über Zeit und Ort als hätte sie Flügel, im Sturme zu eilen, zu schweben über Welten und Zeiten in strahlender Klarheit sieghaften Lichtes, Klarblick zu gewinnen über Weltweiten und Wesen der Dinge. Die schlanken Säulen scheinen zu beben als wollten sie sich lösen und emporwachsen und aufblühen zu höherer Schönheit. Die Kappen der reichen Gewölbe mit ihren Rippen, die wie die Maschen eines kunstvollen Netzes sich verschlingen, erzittern, als wollten sie zum Leben erwachen wie ein singender, klingender Vogel, der seine Fittiche spannt der Sonne entgegen.
Und auf den Wogen der Töne, die dahin quellen und schwellen, in wallender Flut sich drängen, überstürzen, eilen, sich suchen und fliehen und dann voll und breit dahinströmen, da kommen herbei die Gestalten, welche im Laufe der Jahrhunderte ihre Not und ihr Leid, ihre Freude und Hoffnung, ihre Sorgen und Pläne, ihre Schmerzen und ihr Lieben an diesen heiligen Ort getragen. Unendlich unübersehbar ist die Schar. Ihrer aller Seele Sehnen suchte einst an dieser Stätte Frieden und Erfüllung und hat ihr eine unsichtbare Weihe gegeben, die Weihe, welche nur das höchste Denken und tiefste Fühlen inniger Gemeinschaft vor tiefsten Rätselfragen suchender Seelen zahlloser Geschlechter geben kann.
Was kommt dort für eine Büßerschar? Mit nackten Füßen paarweise mit zerrissenen Gewändern, die den nackten Körper nur wenig verhüllen, einen offenen roten spanischen Mantel mit Kreuzen an Hüten und Kleidern vorn und hinten tragend? Geißler sind es, auf der Wallfahrt zur schönen Marie von Freiberg, jenem wundertätigen, lebensgroßen Marienbilde von Wachs, um hier ihrer Sünden und ihrer Schmerzen ledig zu werden. Schaurig klingen ihre Bußgesänge, die sie singen, um die Pest zu bannen, und klatschend fallen auf den nackten Körper die Geißelhiebe, unter denen aus blutigen Striemen die roten Tropfen spritzen. Doch wende ab den Blick vom traurigen Zuge. Dort schreiten gar würdige Gestalten einher. Die Männer der Freiberger Treue, an ihrer Spitze der Bürgermeister Nikolaus Weller von Molsdorf und neben ihm Nikolaus Monhaupt und die Ratsherren, welche anno 1446 im sächsischen Bruderkrieg einst auf offenem Markte im Sterbehemd lieber ihr Haupt dem Richtschwerte boten als den Schwur der Treue ihrem Herrn brachen: »Wir sind dessen entschlossen, daß wir lieber, wenn es je anders nicht sein könnte, den Tod erwählen und sterben, denn unsere Treu und Seelen also hintan setzen wollen.« »Ehe ich soll meinen gnädigen Fürsten und Herrn, deme ich gehuldet und geschworen, verraten, lieber soll und will ich mir jetzund alsbald meinen alten grauen Kopf abhauen lassen«, so klangen fest ihre Worte dem grimmigen Feinde ins trotzige Gesicht und überwanden ihn durch die adlige Kraft unbeugsamer Treue. »Nicht Kopf weg, Alter, nicht Kopf weg, wir bedürfen solcher ehrlichen Leute ferner, die ihr Eid und Pflicht also beherzigen«, war die Antwort des feindlichen, ritterlich denkenden Fürsten und dazu die Versicherung, nichts gegen Eid und Gewissen zu verlangen. So wahrten sie durch todesmutige Treue ihre Ehre und die Wohlfahrt der Stadt. Weller von Molsdorf, ihr Führer und Sprecher, war der Erbauer des Rathausturmes, den er der Stadt zum Geschenk machte, und sein Wappen, zwei Schwanenhälse, die einen Ring im Schnabel tragen, ziert in Stein gehauen noch heute die wundervolle gotische Lorenzkapelle im Turme mit ihrem schönen, reichen Portale. Wer hatte wohl mehr Recht als er in seinem Wappen das Symbol der Treue, den Ring, zu führen und das Wappen an heiliger Stelle anzubringen?
Nikolaus Monhaupt dort neben ihm war ein treuer und eifriger Sohn der Kirche. In seinem Hause auf der Petersstraße ließ er sich eine Kapelle bauen und vom Papste besonders begnaden. Herrliche gotische Sterngewölbe auf Rundpfeilern überdecken den Raum, in welchem er seine Gottesdienste hielt, diesen Raum, der später der kleinen Schar der Anhänger des Wittenberger Bruder Martinus als Zuflucht und Ort der Gemeinschaft in schwerer Zeit diente. Hier ward von ihnen das heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt nach Luthers Lehre zum ersten Male begangen und die Herzogin Katharina, die Gemahlin Herzog Heinrichs des Frommen, die treue Bekennerin, mag heimlich zu dieser Feier in der Gemeinschaft ihrer Glaubensfreunde geschlüpft sein und neue Kraft und Erhebung gesucht haben. Noch heute erinnert die steinerne Tafel am Hause an diesen Tag. Schon vor dem Bau dieser Kapelle hatte Monhaupt seine Frömmigkeit bewiesen durch die Stiftung einer steinernen, farbig bemalten Figur der Gottesmutter mit dem Kinde, die heute noch in der Annenkapelle am Dom mit ihrer milden Schönheit herniederschaut. Ein Englein trägt die mit seinem Wappen geschmückte Konsole, auf der so ruhevoll die Gestalt der Maria steht. Vierzig Tage Ablaß waren dem verheißen, der vor ihr ein Vaterunser und einige Ave Maria gebetet. Wieviele Tausende mögen vor ihr gekniet haben! In welche trüben Fluten von Leid und Not, von Sorge und Sünde, von Schmerzen, Tränen, Wünschen und Hoffnungen mögen ihre milden Augen geschaut haben. Wie Wallfahrtslieder klingt es uns, wie Weinen und Schluchzen zerbrochener Seelen, dann wie Jubeln und Jauchzen erfüllten Sehnens, befreiter Herzen.