Vorüber ihr Gestalten, die ihr dort drängt, ihr Fürsten und Reichen, ihr Stolzen und Frohen! Das Leid heiligt eine Stätte mehr als die Freude. Der Strom der Leidgeprüften ist breiter, ist tiefer als der Zug der Freude. Ein Weinen ging durch diese Kirche als Nikolaus Hausmann, der in ruhiger Würde dort schreitet und zur Tulpenkanzel hinüberschaut, während der Predigt vom Schlage getroffen auf dieser seiner Kanzel niedersank. Dieser Schlag traf auch das Herz der jungen Luthergemeinde mit schmerzlicher Gewalt. Die Gemeinde war durch den Eigenwillen und Übereifer des früheren Pfarrers Schenk in Angst, Not und Zwietracht versetzt worden, so daß das reine evangelische Feuer, welches hell aufgelodert war, zu erlöschen drohte. Da sandte Luther selbst seinen lieben Freund, den Superintendenten Nikolaus Hausmann, um Abhilfe zu schaffen und selbst das Amt zu übernehmen, und nun? wo waren alle Hoffnungen?
Luther schloß sich in sein Zimmer ein bei der Todesnachricht und weinte bitterlich um ihn: »Quod nos docemus, ille vivit« hatte er rühmend einst von ihm gesagt: »Was wir lehren, lebt er.« Ist dieses Lutherwort nicht die herrlichste Grabpredigt, die einem treuen Seelsorger nachgerufen werden kann? Seit Hausmanns raschem Tode, am 1. September 1538 ist die Kanzel, auf der er hinsank, nicht wieder zur Predigt betreten worden. Die »Teufelskanzel« wurde sie vom Volke genannt.
Dort steht sie in ihrer bizarren Schönheit mit der sprühenden Lebendigkeit und sprudelnden Phantasie ihrer Formen und dem krausen Spiele aller Linien. Als wäre ein gewaltiger Blumenkelch emporgeblüht aus weißem, steinernen, felsigen Grunde. Aus der Wurzelrosette schießt der mittlere, palmenartige Schaft empor, der die seltsame Wunderblume auf einem Blätterkelche und Kranze von Weintrauben trägt. Lange Blütenstengel wachsen aus dem Blätterkranze am Grunde empor und sind mit Seilen zweimal an den Pflanzenschaft gebunden. Ihre Spitzen tragen große Knospen, deren Kelchblätter sich untereinander verschlingen. Schau, wie zwischen den Blütenstengeln auf Nebenblättern rings um den Schaft vier Englein sich tummeln und die Flüglein heben, als wollten sie sich haschen, im frohen Spiel rundherum springend im Kreise mit kindlichem Jubel. Der Blumenkelch oben ist von freibewegten, distelblattartigen Ranken umsponnen, wie von blühendem Steinfiligran in reichstem, zierlichen Linienspiel. Hier hat der Meister den starren Stein bezwungen mit seinem Meißel, die Ranken frei vom Untergrunde gelöst, als wären sie biegsames Edelmetall, das unter dem Hammer sich schmiegt und windet, wie der Goldschmied es will, und zu höchster Feinheit und Zierlichkeit in wundersamen Formen und Linien sich bildet. Die vier Kirchenväter schauen ernst aus dem Geranke hervor, Bischof Augustinus, Papst Gregorius, Erzbischof Ambrosius und der als Kardinal dargestellte Hieronymus. Es sind die Helden des Glaubens, der Verkündigung des Wortes und des Bekenntnisses aus den Sturm- und Kampfzeiten der jungen christlichen Kirche. Edle charaktervolle Männerköpfe sind es, voll individuellen Lebens und persönlichen Ausdrucks. Sind es hier die Bildnisse edler Männer Alt-Freibergs aus jener Zeit? Fast will es uns scheinen! Geist und Wille und persönliche Bedeutung lebt in ihren Zügen und jeder einzelne ist ein selbständiges Werk ausgereifter frei schaffender Bildhauerkunst, fern von den Gebundenheiten und Starrheiten der späten gotischen Kunst, voller Eigenart und selbständigen Schöpferdranges einer aus deutschem Urgrunde heraufblühenden neuen Kunst.
Wer war der Meister? Zwei rätselhafte Buchstaben H. W. an seinem Werke verbergen seinen Namen. Es sprechen für ihn seine Werke in ihrer herben Kunst und gehaltvollen Schönheit. Dort sitzt der große namenlose Meister H. W. selbst in Stein gehauen, im schlichten Arbeitskittel bescheiden am Fuße der Kanzel neben der untersten Treppenstufe. Andächtig lauscht er empor zu den Worten der Schrift von der Kanzel. Ganz deutsch ist sein ehrliches Gesicht mit dem kurzen Vollbart, sprechend die Bewegung des Mundes, der Hände und des ganzen Körpers, so daß man es spürt, wie ihn so ganz das Wort mit Andacht erfüllt und in ihm lebendig ist. Neben ihm spielen die Engel zu seiner Rechten, sie sind das frohe, jauchzende Leben und zu seiner Linken schreiten grimmige Löwen mit offenem Rachen um den Fuß der Kanzel. Sind sie die Versuchung, dunkle Leidenschaften oder die Sünde, »der Teufel«, der umhergeht wie ein brüllender Löwe, um zu suchen, wen er verschlinge? Stellt der Meister gar sich selbst nur als ein Sinnbild der andächtig lauschenden Gemeinde dar, welche unter der Kanzel alles, was aus der Andacht reißt und vom Gotteswort abzieht, draußen lassen und Gott allein dienend vergessen soll? – Die alten deutschen Künstler haben in ihren Werken die Sprache tiefer Symbolik ohne abgebrauchte symbolistische Zeichen besonders geliebt und ihre Zeit verstand die innigen Zusammenhänge dieser geheimnisvollen Sprache mit dem Leben und Wollen ihrer Tage. Das ganze Rechtsleben und kirchliche Leben war ja von Symbolen und sinnbildlichen Handlungen erfüllt, die jedem geläufig waren. Was uns zunächst vielleicht als ein willkürliches Spiel bizarrer Phantasie ohne inneren Zusammenhang erscheint, als Künstlerlaune oder Einfall ohne tiefere Bedeutung, das gewinnt in diesem Lichte vielleicht wunderbare Geschlossenheit und ist Ausdruck tiefster Gedanken, welche in jener Zeit lebten und von jedem verstanden wurden. – Das Hündchen des Meisters sitzt auf der als Baumstamm gebildeten Säule, um welche die Kanzeltreppe sich windet. Es war sicher der Liebling des Meisters, sein ständiger Begleiter und sollte auch hier bei ihm sein, und ist in köstlicher Naturwahrheit dargestellt. Bei der Arbeit ist es vielleicht einmal auf die Spille gesprungen. Der Meister hielt dies Bild fest und nun sitzt das Hündchen als das Sinnbild der Treue, als Wächter erhöht und schaut keck in die Welt. Nichts entgeht seiner Wachsamkeit und er wird eifrig melden jeden, der naht. Will er nicht auch der Gemeinde etwas sagen? »Seid wachsam, denn dunkle Gewalten und Leidenschaften bedrohen ständig den Aufstieg zur Höhe?« Dieser Aufstieg ist hier durch die Kanzeltreppe dargestellt, deren Stufen auf starken Baumstämmen und Ästen ruhn. Ächzend unter der Last trägt sie eine Jünglingsgestalt auf ihrem Rücken, die rittlings auf einem Baumstumpf hockt. Er trägt schwer unter dem Joch der selbst auferlegten Last. Ist er ein Sinnbild der Menschenseele, die oft unter selbstgeschaffener Last oder schwerem Schicksal seufzt, während dies Schicksal doch nur einen Weg, Stufen zur Höhe bedeutet? Man glaubt das Stöhnen aus des Jünglings tiefster Brust zu hören, so schmerzlich verzogen ist sein Mund. Die ganze Gestalt ist so naturwahr und lebendig in Ausdruck und Bewegung geschaffen, ist so aus dem Leben unmittelbar gegriffen und dem Leben mit starker Kraft und Sicherheit nachgebildet, daß man nicht glaubt, ein Werk der sterbenden Spätgotik vor sich zu haben, sondern es fühlt, daß hier eine neue Kunst geboren ist, die Kunst einer deutschen Ur- oder Vorrenaissance aus deutschem Grunde, deutschem Fühlen voll eigenwüchsiger Selbständigkeit ohne südländisch italienische Muster. Ganz deutsch ist ja das ganze Werk, Wesen und innerer Gehalt der Kanzel mit ihrem Beiwerk, in dem der Künstler soviel erzählt und von seinem Denken und Fühlen, von der Traumwelt seiner Seele hineinlegt. Nur eines Deutschen, eines großen Künstlers suchende schöpferische Seele kann soviel geben und über die formale Schönheit hinaus die tiefe innige Welt seiner Seelengedanken in seinem Werke offenbaren, den eigentlichen geistigen Inhalt über Stoff und Form hinauszuheben. Nur ein Deutscher kann das Leben dieser Seele im Werke recht verstehen und würdigen. Die deutsche Phantasie hat diesen »hohen steinernen Predigtstuhl« daher auch mit ihren Sagenranken umsponnen, wie dort die steinernen Ranken den Blumenkelch der Kanzel. Die Sage raunt, der sinnende Meister dort habe seinen jungen Gesellen erstochen, weil dieser einen besseren Entwurf zur Kanzel gefertigt und das Wunderwerk ausgeführt habe, dessen er nicht fähig gewesen wäre. So sei der Geselle als Träger des Werkes dargestellt, während der Meister klagend daneben sitzt und dem Werke des Nebenbuhlers den Rücken kehrt. –
Auf dem schwebenden Kanzeldeckel über dem Predigtstuhl sind die Zeichen der vier Evangelisten angebracht und über ihnen erhebt sich aus einem Blattkelch die rührende Gestalt der gekrönten Maria mit dem Jesuskinde. Das Kind hat eine Weintraube in der Rechten und eine saftige Beere in der Linken. Es scheint vor Freude darüber zu zappeln, so daß Maria, die sorgliche Mutter, mit der Hand fest das Füßchen faßt, damit das Knäblein in seiner jauchzenden Daseins- und Lebensfreude nicht vom Arme hüpfe. Das Ganze eine rein menschliche, liebliche Szene vom holden Mutterglück, die auf jedes Gemüt wirken muß, und doch auch hier tiefe symbolische Bedeutung, die das Werk über das rein Menschliche weit emporhebt: »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben« und »Dieser Kelch, den ihr trinket, ist mein Blut, für euch vergossen«. Auf diese Worte deutet die Traube und die Beere in der Kinderhand hin. Das fröhliche Kind hält in seinen spielenden Händen sein schweres, gewaltiges Schicksal, seine heilige Aufgabe, das Schicksal der Welt und jeder einzelnen Seele. Über der Kanzel erhebt und schwebt das liebliche Werk als Symbol dafür, daß über jeder Predigt als Kern und Leitgedanke das Evangelium und das Wort von der Erlösungstat stehen soll. »Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium« steht in lateinischer Sprache auf der Unterseite des Kanzeldeckels über dem Haupte des Predigers schwebend und mahnend.
Wie bei der goldenen Pforte ein tiefer Reichtum von symbolischen Gedanken die Fülle der Gestalten miteinander verbindet und der geistige und künstlerische Gehalt sich in wunderbarem Rhythmus zu ebenbürtiger Hoheit erhebt, zu einem Lobgesang auf die Jungfrau Maria, so ist die Tulpenkanzel eine steinerne Predigt, deren tiefer Inhalt in Verbindung mit der vollendeten Kunst die Herzen ergreifen und erheben muß. Sie steht mitten im Gotteshause, das als Predigtkirche, als freiräumige Halle mit steinernen Emporen errichtet ist, und verkörpert in sich lange vor der Reformation rein evangelische Gedanken, ein Predigtstuhl des Evangeliums inmitten der lauschenden Gemeinde, wie es seinesgleichen wohl kaum in deutschen oder fremden Landen gibt oder geschaffen ward.
Sinnend lassen wir die Kanzel auf uns wirken, suchen zu enträtseln und zu begreifen, und im Rauschen der Rhythmen der Orgel ist es uns, als bekäme sie selbst Zunge zu reden und zu hohen und weiten Gedanken zu erheben. Sie sah Fürsten und Gewaltige in ihrer Pracht und Herrlichkeit vorüberziehen, sie sah ihre sterbliche Hülle, ein Nichts, vorübertragen, Staub zu Staube werden. Die Hoffnung und der Stolz der evangelischen Christenheit, Kurfürst Moritz, der Löwe der evangelischen Sache, in der Blüte seiner Jahre von meuchlerischer Kugel hingerafft, wurde hier vorbei getragen, und düstere Pracht ehrte den toten Helden, mehr noch ehrten ihn die Tränen seines Volkes.
Es drängt die Fülle der Gesichte und Gestalten einer vergangenen Zeit und Welt, ohne deren Sein, Wesen und Wirken wir selbst ein Nichts wohl wären. Keine Gegenwart ohne Vergangenheit, und doch denkt die Gegenwart so wenig der Vergangenheit, aus der sie selber stammt, zu der sie selber wird. Welche Vergangenheit war wohl furchtbarer für die Stadt, wie für Land und Reich, als die Jahre des Dreißigjährigen Krieges, als blutiger Tod, Hunger und Pest ihre grausigen Geißeln über unser unglückliches Vaterland schwangen. Wie kniet in zitternder Angst und Sorge um das armselige Leben und tägliche Brot hier das Volk auf den steinernen Platten des Fußbodens, unter denen schon viele Geschlechter schlummern, sucht Trost und Stärke im heißen Notschrei der Seele. Wie oft tobte Plünderung, Brand und Mord durch die Gassen, und Rat und Bürgermeister waren machtlos. Für Freund und Feind war die Stadt nur ein Ziel der Beutegier. Jonas Schönlebe, dessen Wappen heute noch sein Stammhaus an der Ecke des Obermarktes und der Erbischen Straße ziert, war in den schwersten Tagen Bürgermeister der Stadt. Schweres Schicksal hat er für seine Stadt auf sich genommen und erduldet: Am 29. November 1632 wurden er, der Superintendent Gensreff und der Ratskämmerer Lindener als Geiseln über das winterliche, fast weglose Gebirge durch Eis und Schnee nach Böhmen geschleppt und kehrten erst am 31. Dezember nach schwerer Drangsal glücklich wieder heim. In jenen furchtbaren Tagen der Not mag er, vielleicht angeregt durch seinen geistlichen Leidensgefährten Gensreff, gelobt haben, wenn er glücklich errettet würde, an Stelle des alten unscheinbaren hölzernen Predigtstuhles eine neue Kanzel zu stiften, eine Kanzel für Luthers reine Lehre, nachdem er unter der grausamen Faust der papistischen Soldateska des Kaisers geseufzt und in Luthers Lehre seinen Trost und seine Hoffnung gefunden.
Entsetzliche Jahre der Not und Angst folgten. Unsägliches hat die Stadt und ihre Umgebung gelitten unter den Besetzungen, Belagerungen, Durchzügen, Kontributionen und Peinigungen von Freund und Feind. Der friedliche Bürger wurde heute von Schweden, morgen von Kaiserlichen oder den Soldaten des eigenen Landesherrn mißhandelt und ausgepreßt. Handel und Wandel war durch die Unsicherheit unmöglich gemacht. Wer sich vor die Tore der Stadt wagte, lief Gefahr, ausgeraubt oder gar ermordet zu werden. Wurden doch bei einem Begräbnis auf dem Donatsfriedhof dicht vor dem Tor das ganze Trauergefolge ausgeplündert. Die Zufuhren blieben aus, und weder Getreide noch andere Nahrungsmittel kamen zu Markte.
Häuser und Scheunen vor der Mauer wurden geplündert und verbrannt, und was nicht brennen wollte, ward niedergerissen oder sonst durchlöchert und verwüstet. Auch innerhalb der Mauer war die Unsicherheit groß und der ruhige Bürger gar oft der wilden Willkür, Habsucht und Wut fremden Volkes preisgegeben. Ständig waren Mauern und Türme von den Bürgern besetzt, und jeder rüstige Mann mußte Waffendienst bei Tage oder Nacht für seine Stadt leisten. Bald waren die »Blauröcke« Herren in der Stadt, bald bedrohte Oberst Ulefeld, bald Generalfeldmarschall Holk, bald »Krabatenoberst« Beygott, bald Oberst Taube, bald General Arnim die Stadt mit Plünderung und Brandschatzung. Im September 1634 bedrohten die Schweden unter Banner die Stadt mit Mord und Brand, im Oktober die Kaiserlichen unter Oberstleutnant Schütze und Schönickel und verbrannten alle Vorstädte, Freibergsdorf und Johannishospital und das vor dem Peterstor liegende große Glockengießhaus, »davon eine solche Brunst und flammende Hitze entstanden, daß die Funken in und über die Stadt haufenweiße geflohen und die Stadt in höchste Feuersgefahr geraten«. Viele Jahre kein Tag ohne Angst, Mord und Brand! Seuchen und Pest wüteten in der Stadt. Im Jahre 1633 z. B. sind 1632 Personen öffentlich bestattet worden außer denen, die heimlich begraben wurden. Diese furchtbare Zahl wird recht deutlich, wenn man vergleicht, daß heute bei etwa der doppelten Bevölkerungsziffer jährlich rund 500 Todesfälle zu verzeichnen sind. Die Zahl der Todesfälle in jener Zeit beträgt also das Sechsfache bis Achtfache der normalen Sterblichkeit.