Welche Bergeslasten von Sorge, Not und Angst für sich, die Seinen und vor allem für die ihm anvertraute Stadt mögen auf dem Herzen des tapferen Bürgermeisters Schönlebe gelegen haben! Und doch, das Werk seiner Kanzel fördert und treibt er »aus besonderer Andacht und zu Beförderung des Gottesdienstes und Zierde der Kirchen« trotz aller Nöte und Unruhen, so daß es im Jahre 1638 im Dome am mittelsten Pfeiler aufgestellt werden konnte. Hans Fritzsche, »der lange Bildenhauer«, scheint der Meister dieser Kanzel gewesen zu sein. Wie mag in der Werkstatt des Künstlers in seltener, ruhiger Stunde der tapfere Bürgermeister dem Werden des Werkes zugeschaut, Anregungen, Vorschläge und Wünsche gebracht haben, während draußen schon die Sorgen lauerten und mit knöchernem Finger an die Türe pochten. Ein Friedensdenkmal aus Freibergs schwerster, furchtbarster Zeit, aus grimmiger Kriegsnot, wo das Sterbeglöcklein nicht stille stand und täglich der rote Hahn seine feurigen Flügel schlug, wo blutiger Mord durch die Gassen schlich oder des Todes eiserne Würfel vor den Mauern rollten, ein Denkmal innigen Glaubens aus einer Zeit, wo Leidenschaften und Laster regierten, alles Heilige nur ein Spott war, und das wilde Leben der Begierden die kurze Spanne der zugemessenen Zeit genießen wollte in Saus und Braus, wo zwischen Blut und Pest das üppige Leben leidenschaftlichen Genusses in um so wilderen Strudeln schäumte. Ein stilles Denkmal der Kunst aus einer Zeit, wo alle Musen schwiegen und in glücklichere Lande entflohen schienen, wo Zerstörung und Vernichtung alles Schönen, der Untergang aller Kunst und edleren Kultur unter den eisernen Schritten des unersättlichen Krieges gewiß schien, wo tausend Kirchen und Altäre, Schlösser und stolze Häuser mit ihren Kunstschätzen in Staub und Asche sanken, geplündert und vernichtet wurden, und alle Keime und Blüten der Kunst und höheren Schaffens und Denkens zertreten und zermalmt schienen, ein heiliges Werk, emporgeblüht wie eine stille, edle Blume aus blutgetränktem Boden, eine Blume, an derem Werden und Wachsen sich in jener wilden Zeit vielleicht alle edlen und feinen Geister, alle sehnsüchtigen Herzen der Stadt erfreuten und aufrichteten wie an einem Symbol, daß einmal doch noch Friede und bessere Tage kommen müssen, ein Werk, das vielleicht heimlich an verborgener Stätte, von der kein Feind oder Verräter wußte, Gestalt gewann, und gerade dadurch den Treuen und Starken, den Trägern einer besseren Zukunft, um so teurer und heiliger, um so bedeutungsvoller und erhebender war.

Betrachten wir uns das Werk jener wilden blutigen Zeit, so fühlen wir es heute noch, wie hier die Stürme schwiegen und die Innigkeit des Glaubens, der Sehnsucht nach einem höheren Frieden seinen Ausdruck suchte. Vielleicht könnte im Leidenswege des Heilandes, der in den Feldern der Brüstung der Kanzeltreppe dargestellt ist, etwa ein Gleichnis, ein heiliger Widerklang der eigenen Leidenszeit, des schweren Kreuzes, das die treue Gemeinde selbst zu tragen hatte, angedeutet sein und gefunden werden. An der Kanzelbrüstung selbst ist der Gekreuzigte in Alabaster angebracht. Links und rechts davor knien anbetend die Freifiguren des Stifters Jonas Schönlebe und seiner Gattin Anna geb. Horn aus edlem Marmor gefertigt. Sie wollten selbst an heiliger Stätte mit betend emporgehobenen Händen verewigt sein. Sie, die so viel gesorgt, geschaffen und gelitten, wollen ihre Demut bezeugen, daß mit eigener Kraft nichts getan ist und nur der Glaube in schwerer Zeit aufrecht erhalten kann und die Kraft zum Durchhalten bei aller Not gibt. Wie oft mag so dieses Ehepaar gekniet haben in der Angst und unter der Verantwortungslast für die ihnen anvertrauten Leben und Güter der alten Stadt während der furchtbaren Tage der Belagerungen und blutigen Kämpfe, unter feindlicher Faust und giftigen Seuchen.

Den Kanzeldeckel ziert der aus dem Grabe auferstehende Erlöser. Ein Bergmann mit Fahrkappe, Kniebügeln und Barte ist einer der Wächter am Grabe. Dieser oberste Abschluß des Kanzelbaues war dem Stifter und Künstler wohl ein Sinnbild der Hoffnung und heiligen Glaubens auch daran, daß es aus der Grabluft, dem Blut und Tod der furchtbaren Zeit doch eine Auferstehung und Erlösung geben müsse.

Die Kanzeltreppe wird getragen von einem kauernden Bergknappen mit starkem Nacken und muskulösen Armen. Er ist ein Sinnbild der breiten Masse des Volkes der Arbeit, auf dessen Hingabe zur Sache, auf dessen fester Treue das Wort ruhen und sich stützen soll, in dem es fest wurzeln muß, wenn es Frucht bringen soll.

Den Rumpf der Kanzel selbst trägt auch ein Bergmann, ein Steiger, auf seinem Haupte und stützt sie mit seinen Händen in geschlossener ruhiger Haltung. Sein Kopf mit langem, lockigem Barte ist fein geschnitten, geadelt durch geistige Arbeit und mit gedankenreicher Stirn. Ist es der Künstler selbst, der sich hier dargestellt hat? – ein Künstlerkopf könnte es wohl sein – oder ist diese Gestalt das Sinnbild der geistigen Macht, des geistigen Erlebens, des Forschens und Denkens, des geistigen Ringens, aus welchem die Verkündigung des Wortes hervorwachsen muß, soll sie nicht verflachen, inhaltlos, leer und kalt werden? Das Bergmannskleid mag sagen, daß du wie ein Bergmann in die Tiefe schürfen und in die Höhe denken mußt, in unablässiger Arbeit, in Arbeitssüßigkeit und Arbeitsqual, du und jeder, der edle Erze fördern und die Tiefe des göttlichen Wortes ausschöpfen, erleben und dem Herzen nahebringen will. –

Welch eine lange Reihe von geistesgewaltigen Predigern und Seelsorgern hat auf dieser Kanzel gestanden und ist durch die reizvolle, künstlerisch geschnitzte Renaissancetür geschritten, welche die Kanzeltreppe abschließt. Der Schwung und die Anmut des Linienspiels dieser Tür ist wie eine künstlich verschlungene liebliche Melodie, welche vor der Predigt in hellen Akkorden sich aufwärts schwingt.

Die Bilder der alten Pfarrherrn und Superintendenten hängen oben auf der Orgelempore im Vorsaal zum Orgelraum am großen Wendelstein und schauen aus ihren dunklen Rahmen so ehrwürdig und ernst hernieder.

Sie, die Redner der Bergmannskanzel, ruhen zum Teil draußen auf dem »grünen« Friedhof, dessen Baumwipfel durch die Fenster des Domes schauen und mit Zweigspitzen wie mit zarten Fingern an die runden bleigefaßten Scheiben pochen. Sind die Wurzeln der Bäume tief im Grunde durch ihre Herzen gegangen und steigen nun ihre Herzensgedanken sehnend empor zum Licht und begehren Einlaß in das Heiligtum, welchem sie ihr Leben geweiht? – Andere schlummern hier unter den Fliesen im Dom, im Bereiche ihrer alten Kanzel, der Auferstehung entgegen als Ausklang und Ziel ihrer Predigt und ihres Lebens, wo die Kanzel selbst mit steinernem Munde predigt: Aus dunklem Grunde aufwärts auf Leidenswegen durch Not und bitteren Tod zur Auferstehung, zu einem schöneren Licht.

Ihre Worte sind verklungen, ihre Gedanken sind verschwunden, die einst geistesmächtig den Raum füllten und die Gemeinde stille machten. Die Gedanken und die Stimme eines anderen sind aber geblieben. Wir hören die Stimme in zarten weihevollen Tönen, in flutender Harmonie und im Brausen der mächtigen Akkorde, es ist die Orgel, die Stimme Gottfried Silbermanns, die Jahrhunderte nun schon zu den Herzen spricht, sie erbaut und ergreift und auch heute uns in geheimnisvolle Zauber spinnt, uns Vergangenheit und Gegenwart lebendig macht, verbindet und verschmilzt zu einer wunderbaren Einheit. Dort im alten Hause am Schloßplatz, das die Tafel mit seinem Namen trägt, hat er vor 200 Jahren seine Meisterwerke geschaffen. 54 Orgeln gingen aus seiner Werkstatt hervor, eine immer die andere übertreffend, so daß auch neidische Gegner ihre Bewunderung nicht verhehlen konnten. Er selbst stellte die höchsten Anforderungen an sich und sein Werk und war ein so eigensinniger Künstler, daß er im künstlerischen Jähzorn gleich ganze Instrumente zertrümmerte, wenn sie ihm nicht Genüge leisteten und seinen Erwartungen nicht entsprachen. Sein größtes und letztes Werk, mit 2896 klingenden Stimmen, ist die Orgel in der katholischen Hofkirche in Dresden, die er in besonderem Auftrage August III. schuf. »So wie diese Orgel gebaut ist, wird keine mehr gebaut«, sagte voller Begeisterung der Dresdner Orgelkönig Johann Schneider von ihr.

Unsere Freiberger Domorgel gibt ihr nichts nach mit ihren 2674 klingenden Stimmen, welche allen Jubel und alles Leid des Menschenherzens singen und tönen können. Im Vertrage erklärt er, es solle »das Hauptmanual einen gravitätischen Klang bekommen, das Oberwerk scharf und etwas spitzig, die Brust recht delikat und lieblich intoniert werden, in Summa das ganze Werk soll also beschaffen sein, daß es, wenngleich die ganze Gemeinde beisammen ist, dennoch seinen rechten Effekt zeugen kann und kapabel ist durchzudringen.« Zwei Jahre arbeitete er mit seinen zehn Gesellen daran, so daß das Werk 1714 vollendet ist. Mit dem bescheidenen Preis von 1500 Talern ist der schlichte, redliche »Orgelmacher«, wie er sich nannte, zufrieden. Ihm war der größte Lohn, daß sein Werk der Gemeinde und der Kunst dient, wie noch keine Orgel zuvor. Ein Kantor aus Leipzig und ein Hoforganist aus Altenburg übernehmen die Prüfung der neuen Orgel und kommen zu dem Schlusse, daß zu solchem Werke nur von Herzen Glückwünsche auszusprechen seien.