Ist auch der Klang das Wichtigste, gleichsam die Seele und das Leben der Orgel, so ist doch auch ihre äußere Form für den Kirchenraum von größter Bedeutung. Bewundernswert ist es, wie der Meister Silbermann die Orgel in den Raum hineinpaßt, so daß sie eine künstlerische Steigerung der Raumwirkung von großer Schönheit bedeutet. Wie sind die Scharen der mattschimmernden Zinnpfeifen zu gewaltigem Eindruck und mächtig schwungvollem Abschluß des Kirchenschiffes zusammengefaßt, von reich bewegter Schnitzerei umschlossen und seitwärts von musizierenden Engelsgestalten begleitet. Die Wirkung des Kirchenraumes erfährt hier eine Steigerung, in welcher Musik, Architektur und Plastik zu einem rauschenden Psalm zusammenklingen, ein Psalm, der erhebt und erbaut und aus dem Zusammenwirken der Künste einen heiligschönen Gottesdienst macht. Was für ein herrliches Bild mag die stolze Halle des Domes gegeben haben, als die Orgel zum ersten Male vor der versammelten festlichen Gemeinde erbrauste und wie in Engelchören alle ihre Stimmen und Register jubelten und sangen und wiederum im dröhnenden Fortissimo die Pfeiler und Wände zu erbeben schienen. Niemals vorher war ein Orgelwerk von gleicher Tonfülle, Macht und Harmonie geschaffen worden. Dort saßen alle die stolzen Bürger und Ratsherren, der Oberberghauptmann mit seinen Beamten in ihren bunten Uniformen und kleidsamen Trachten der Barockzeit. Das Haupt deckte die gewaltige Lockenperrücke, welche den Köpfen jener Zeit eine so besondere Würde und Bedeutung verleiht. Dazu die Reihen der Bergleute in ihren dunklen Bergkitteln mit blitzenden Barten über die Schulter, die den ernsten Hintergrund für das buntfarbige Bild abgeben. Noch lebte überall an Wänden und Pfeilern die Fülle der künstlerischen Bildwerke, mit denen Jahrhunderte das Innere des Domes geschmückt hatten, durch welche ein natürliches Kunstempfinden und tiefes religiöses Gefühl den Dom zu einer Weihestätte vieler Geschlechter, zu einem Heiligtum und Denkmal Alt-Freiberger Kunst und Pietät gemacht hatte. Einer späteren Zeit blieb es vorbehalten, viele dieser Kunstdenkmäler in Museen zu schaffen und dort einzusargen, oder zu zerstören und den Dom in engherzig beschränkter, nüchterner Auffassung zu stilreiner Gotik zu »reinigen«. Da stand noch über dem Altar das gewaltige romanische Kunstwerk aus Freibergs Frühzeit, die in Eichenholz geschnitzte Kreuzigungsgruppe, der Heiland am Kreuz mit Maria und Johannes zur Seite. Der Heiland breitet sterbend die Arme aus mit ergreifendem Ausdruck der Milde und Hingabe an die Menschheit: »Es ist vollbracht.« Maria ist wie eine edle römische Matrone gestaltet, mit antikem Faltenwurf des Gewandes, aber mit echt deutschem Gesicht, in dem Schmerz und Hoheit wunderbaren innigen Ausdruck finden. Es ist eine Frau unseres Blutes und Stammes, der dort sieben Schwerter des Schmerzes das Herz durchbohren. Sie preßt die Hand in bitterem Weh mit tiefbeseelter Bewegung an das zuckende Herz. Johannes steht wie ein römischer Senator, der mit der Linken die reichen Falten seines Gewandes rafft, die Rechte aber wie beschwörend oder gelobend erhebt. Das verklärende Licht der Antike scheint noch aus diesen Werken zu leuchten in unbesieglicher Schönheit, jedoch inniger christlicher Beseelung. Das ganze Werk gehört zum Höchsten, was die deutsche romanische Kunst des Mittelalters geschaffen hat.
An den Pfeilern der Emporen leuchten die zwölf Apostel in Gold und bunter Farbenpracht, und an den freien Pfeilern des Schiffes sind die Gestalten der fünf törichten und fünf klugen Jungfrauen angebracht. Sie sind in der reichen Tracht der Zeit um 1500 wie deutsche Edelfrauen dargestellt, deutsche Mädchengestalten im deutschen Dom, um die Lehren und tiefen Gedanken des Evangeliums der Gemeinde nahezubringen. Köstlich ist der frohe Gesichtsausdruck der klugen, mit Kronen geschmückten und der verdrossene, träge der törichten Jungfrauen getroffen.
Weiter glänzen überall an Pfeilern, Wänden und Gewölben die bunten Wappen der alten edlen Freiberger Geschlechter, reich geschnitzte Epitaphien in Gold und Weiß und bunten Farben, und die kapellenartigen Nischen zwischen den Pfeilern unter den Emporen sind durch Holzeinbauten mit üppigen Schnitzereien von Rankenzügen und Blattwerk in schwungvollen Windungen und Verschlingungen abgeschlossen.
Fürwahr, die Gemeinde, über welche die Wohllautströme der neuen großen Orgel des großen Meisters Silbermann sich ergossen, der herrliche Raum des Domes, in welchem echt deutsche Kunst von Jahrhunderten sich zusammendrängte wie in einem geschliffenen Kristall, alles schloß sich zusammen in ehrfürchtigem Erschauern mit der gewaltigen musica sacra zu einer Einheit, in der nichts Fremdes, Unharmonisches war, zu einem Gesamtkunstwerk, wie es nur in besonders leuchtenden Stunden sich für sehnende und schauende Seelen gestalten kann. – Nicht einer kann es gestalten, nicht Geschlechter könnens schaffen, nicht der Künstler allein kann es aus den Tiefen seiner Seele emporheben, nein, du selbst mußt mit der Schöpfer des Gesamtkunstwerkes sein; denn die Kunst ist nur da, wo sie erlebt, erfühlt und mit dem Herzen ergriffen wird. Ohne dieses Erleben und Ergriffenwerden, ohne dich ist keine Kunst für dich vorhanden, und mag sie noch so herrlich leuchten und anderen Offenbarung und tiefes Glückserlebnis bedeuten. –
Die spätgotische Halle des Domes mit ihren Kunstwerken ist eine Schöpfung des Bürgertumes der alten getreuen Bergstadt. Sie diente der Gemeinde und ihrem Leben als heiliger Raum, in dem ihre innere Gemeinschaft und ganze Innigkeit zum Ausdruck kam und ihre Anschauungen und Gefühle Form und Gestalt gewannen. Dort hinter dem Altar aber, wo eiserne Gitter den langen Chor mit der Vierung vom Kirchenschiff abschließen, dient der Raum nicht den Lebenden, sondern den Toten. Nicht das freischaffende Bürgertum, sondern fürstlicher Wille, Reichtum, Prachtliebe und Kunstfreude und nicht zuletzt der Stolz auf die Ahnen und edles altes Geschlecht hat dort einen Raum geschaffen, wie es nur wenige seinesgleichen gibt in weiten Landen, die Fürstengruft der evangelischen Wettiner.
Wie eine rauschende, strahlende Melodie steigen von den Wänden in leuchtendem, edlem, farbigem Marmor die Säulen und Pilasterstellungen zu tabernakelartigen Aufbauten empor, mit Kapitälen und Gesimsen, mit Nischen und reichgegliedertem Gebälk in zwei Geschossen übereinander, mit reichem Schmuck von Ornamenten, von Maskenwerk, Frucht- und Laubgewinden, farbigen Wappen und anderen Verzierungen in Marmor, Alabaster, Gold und Bronze in kunstvollen, feinempfundenen Renaissanceformen. In der unteren Reihe der Nischen die knieenden Bronzegestalten der Fürsten und Fürstinnen zwischen korinthischen Säulenpaaren, zwischen den Pilasterstellungen der oberen Ordnung acht Propheten und oben auf den Gesimsen eine lustige Schar musizierender Engel, 34 an der Zahl, mit allen möglichen echten Instrumenten, die heute noch benutzt werden könnten, wie z. B. Mandoline, Geige, Harfe mit echten Saiten, Flöte, Posaune, Cymbal, Triangel usw., und über den ganzen Raum eine Decke gespannt, in der im blauen Himmel mit hängenden Wolken das Nahen des Jüngsten Gerichts durch die Posaunen der Engel, durch den Erzengel Michael mit Schwert und Wage und den Weltheiland mit der Erlöserfahne, umgeben von wimmelnder Engelschar in malerisch-plastischer Buntheit dargestellt ist, – ein Drängen von Gestalten, Formen und Farben, daß das Auge nur schauen und schauen kann und von der Fülle der Eindrücke überwältigt wird.
Zu den Füßen im marmorbelegten Fußboden liegen die großen Grabplatten aus Messing mit den Bildnissen der Fürstlichkeiten, welche hier ihre letzte Ruhe fanden. Die Bildnisse sind nach der Art des Kupferstiches mit Meißeln in das Metall eingegraben. 28 solche kostbare Platten mit wundervoller Zeichnung und Ornamentik, zumeist aus der Werkstatt der Hilliger stammend und von sächsischen Hofkünstlern entworfen, bilden so ein gewaltiges, ehernes Bilderbuch, wie es seinesgleichen kaum sonst zu schauen ist. Da ist die herrliche Grabplatte Herzog Heinrichs des Frommen, welche diesen mannhaften, waffenfrohen Fürsten in ähnlicher Darstellung wie auf dem Bilde im Rathause zeigt, im Panzer mit Arm- und Beinschienen, mit langem zweihändigen Schwert in den Händen, mit Schwert an der Linken und Dolch an der Rechten. Ein reich ornamentierter Rahmen mit Wappen auf üppigen Akanthusranken, in denen Genien herumklettern, umschließt das plastisch wirkende charaktervolle Bild des Fürsten. Er war es ja, der die kurfürstliche Begräbniskapelle gestiftet hat und 1537 testamentarisch bestimmte:
»Und wann wir dann nach dem wyllen des Herrn verstorben und entschloffenn sein, und uns der Allmechtige Gott aus diesem Jammerthal gefordert hatt, So wollenn wir das unnser Corper in unnser Stiefftkirchenn zu Freybergs soll bestattiget und begrabenn werdenn, und kain erhohet grab, Sondern ain schlechter (schlichter) Leichstein mit einem messingenn Pleche, darauf ein biltnuß mit umbschrieft unnsers titels gemacht werden soll.«
Da sind die Bilder fürstlicher Damen in kostbarer Kleidung mit reichem Spitzenschmuck angetan. So fein und zart ist die Zeichnung der Spitzen durchgeführt, daß kunstgeübte Hände nach diesen herrlichen Mustern diese zarten Wunderwerke neu schaffen könnten. Da sind die Bilder fürstlicher Kinder, welche, früh verstorben, nur durch diese künstlerischen Darstellungen der ewigen Vergessenheit entrissen sind. Eine solche Platte zeugt besonders von tiefem, echtem, unter Tränen lächelndem Humor: Das kleine frühverstorbene Söhnlein des Kurfürsten Johann Georgs I. in steifem Röckchen und mit dicken Pausbäckchen trägt eine Blume in der Hand und hört recht mißvergnügt, verdrießlich und mißtrauisch auf die überredenden Worte eines köstlichen Engelbuben, der ihn mit listiger Miene mit einem Apfel in das Paradies locken will. »Paradies, Paradies, wie ist deine Frucht so süß«, dieser Sehnsuchtsvers aus einem Kirchenliede ist dem kleinen Kerl oder vielmehr Prinzlein anscheinend nicht recht geheuer. Er wäre offenbar lieber bei der lieben Mutter geblieben und hätte mit den Geschwistern getollt, als daß er mit fremden Engeln Äpfel äße! – Ein echtes, tiefes, kindliches Künstlerherz kann nur so Leben und Tod, Leid und Hoffnung verbinden und versöhnen durch die überwindende künstlerische Empfindung und Kraft der Seele. Wie der wehmütige Klang eines alten Volksliedes, in dem von Jugend, von Liebe, von Rosen, Lilien und Tod gesungen wird, rührt dieses Bild auf der Grabplatte an das Herz. Wir denken an jene Grabplatte an der Nikolaikirche von Dippoldiswalde vom Jahre 1628, auf der ein Mägdelein dargestellt ist, das einen Blumenstrauß an sich drückt. Sie trägt den wehmütigen Vers:
»Begrabn Ligt ein Roselein hie,