Doch immer wieder gehen unsere Blicke zu den knieenden Bronzegestalten dort in den Nischen, die Carlo de Cesare’s Meisterhand schuf, zu der prachtvollen Mannesgestalt Herzog Heinrichs des Frommen mit breitem Vollbart, der die Linke auf die gepanzerte Brust legt und die Rechte beteuernd erhebt, als wollte er sein tapferes, glaubensmutiges Wort wiederholen, daß er lieber am Stabe bettelnd sein Land verlassen, als das Evangelium verleugnen wolle, dort Kurfürst August mit dem Zweihänder über die rechte Schulter gelegt, und ihnen gegenüber die edlen Frauen, die Herzogin Katharina und die Kurfürstin Anna in fürstlichem Gewande, anbetend knieend mit andächtig edlem, mütterlichem Gesichtsausdruck. Neben diesen vier Gestalten vermag die Gestalt Christians I. von Cesare und Johann Georg I. von dem Venetianer Pietro Boselli nicht in gleichem Maße zu fesseln.
Carlo de Cesare war ein Schüler des Giovanni da Bologna (1524–1608) und stammte aus Florenz. Um den rechten Künstler für die Bronzegestalten seines Werkes zu gewinnen, reiste Nosseni zu Pferde nach Italien und durch Vermittlung Giovanni’s holte er sich als Mitarbeiter den begabten Cesare vom glänzenden Hofe der Mediceer nach dem rauhen Freiberg. Im Oktober 1590 kam Cesare mit einigen Gehilfen hier an und hat 2 Jahre 8 Monate hier gewirkt, »Epitaphia von metallischen und andere Bilder von Sculpturn possirt, formirt und gegossen«. Von seiner Hand stammen an Gußwerken außer den Gestalten der fünf Fürstlichkeiten, die Figuren Johannes des Täufers und des Apostels Petrus, sowie das Kruzifix auf dem Altar, die Bildnisse der Gerechtigkeit und Liebe, der Hoffnung und des Glaubens am Chorschlusse und acht als Schildhalter verwendete Engel, ferner eine Reihe von in Stuck gebildeten Figuren.
Während des Baues der Kapelle mag Freiberg an eine der großen italienischen Kunststätten der Renaissance erinnert haben. Da wurde kostbarer Marmor in mächtigen Blöcken herbeigefahren, und in den Werkstätten der Steinmetzen arbeiteten kunstfertige Hände. Hieronymus Eckhart, Michael und Jonas Grünberger, Peter Beseler, Tobias Lindner, die Meister aus Freiberg, beschäftigten eine Fülle von Gesellen aus allen deutschen Gauen. Aus Straßburg, Metz, Heidelberg, Bamberg, Budweis, Dresden, Leipzig, aus Westfalen und anderen Gegenden des Reiches kamen sie herbei, um bei dem für Deutschland unerhörten Werke Lohn und Arbeit zu finden und vielleicht auch von der Kunst der Italiener zu lernen. Italienische Sprache und Laute klangen auf den Straßen der Stadt und die stolzen Südländer gingen keck einher und ihre Dolche saßen locker in den Scheiden. Ohne Eifersucht und Reibereien ging es unter den italienischen und deutschen Bildhauern nicht ab, denn Künstlerstolz und Künstlerblut ist rasch und heiß. Am 27. Dezember 1590 z. B. schrieb der Stadtschreiber in das Protokoll der Ratssitzung: »Die Steinmetzen, die welschen, richten allerhand Unlust an, haben ihre Dölche und Wehren.« Auch manche Freiberger Mädchen, denen schon damals ein schwarzhaariger, fremder Geselle oft besser gefiel, als ein ehrlicher deutscher Bursche, mögen an manchem Griff nach dem Dolche nicht schuldlos gewesen sein.
Fürsten, Edelleute, Bildhauer, Maler, Baumeister, Kunstgießer, Goldschmiede, vornehme Kunstfreunde, Reisende aller Art aus Deutschland und Italien kamen herbei, um diese neue glänzende Kunststätte zu sehen und ließen sich vom Baumeister Nosseni selbst oder vom Meister Hieronymus Eckhart, dem Steinmetzen und Pfleger der Fürstengruft führen, um dann den Ruhm des neuen großen Werkes weiterzutragen, denn wo gab es sonst in deutschen Landen ein ähnliches Zusammenwirken der Künste und Künstler zu großem, fürstlichem Werk und künstlerischer Tat wie hier?
Nosseni war auf sein Werk sehr stolz und eifersüchtig auf seine Rechte bedacht. Gleichwohl aber war er nicht zu stolz, bei fröhlichen Taufen und Hochzeiten in der Bürgerschaft mitzufeiern, Pate zu stehen und Trauzeuge zu sein. Als Bürgermeister Löser am 19. September 1594 Hochzeit hielt, waren Johann Maria Nosseni und der Baumeister Hans Irmisch unter den fröhlichen Gästen. Hans Irmisch war vielbeschäftigter kurfürstlicher Baumeister und hatte den Bau des Schlosses Freudenstein geleitet, auf dem Königstein, in Frauenstein, Torgau, Dresden und an anderen Orten größere Bauten ausgeführt und nun am Chor des Freiberger Doms die Vorbereitungen und Arbeiten zur Umwandlung zur kurfürstlichen Begräbniskapelle geführt. Die Buchstaben H(ans) I(rmisch) B(aumeister) und der Spruch: »Wer Gott vertraut, hat wohlgebaut« an der nördlichen, äußeren Chorseite sind die bescheidenen Zeichen, durch welche er an sich und seine Tätigkeit beim Umbau erinnert.
Wie sehr unterscheidet sich diese echt deutsche schlichte Sachlichkeit, die die Person hinter das Werk zurückstellt, von der Ruhmredigkeit des eitlen Italieners Nosseni, der hinter dem Altar der Kapelle auf weißem Marmor in lateinischer Sprache sich und sein Werk mit folgenden anmaßenden Worten preist:
Fremder, steh und lies! Was ich sage, ist nur wenig. Dies köstliche Begräbnis, das du siehst, ist in fünf Jahren mit wunderbarer Kunst, vieler Arbeit und wirklich sehr großem Aufwand errichtet worden. Bei seinem Bau war ich nicht nur zugegen, sondern ich habe ihn auch immer geleitet, ich, Johannes Maria Nosseni aus Lugano, ein Italiener. Doch nicht nur die Form allein dieses prächtigen Werkes ist von mir, als Architekten, geschaffen, sondern ich habe selbst das Material in diesem Lande in eigener Person ausgeforscht, gefunden und künstlerisch nutzbar gemacht. Dies habe ich geglaubt mitteilen zu müssen, damit du Leser nicht unwissend bleibst, zum ehrenvollen Gedächtnis nicht so sehr von mir als dieses Landes, in welchem jederlei Art von Marmor gebrochen wird, dann vor allem der tapferen Fürsten Sachsens, welche über dieses reiche Land glücklich und ruhmvoll herrschen. Ich habe gesprochen, gehe weiter, lebe wohl und verkünde den Ruhm des Künstlers, wenn du überhaupt Kunstgefühl genug hast, um dieses herrliche Kunstwerk zu würdigen.
1603.
Mit keinem Worte erwähnt in dieser geschmacklosen Prahlerei Nosseni seine Mitarbeiter, einen Carlo de Cesare oder gar die wackeren deutschen Meister, welche so hohen Anteil am Gelingen des Werkes hatten. Im Gegenteil rühmt er sich gar fremder Verdienste, denn die Marmorbrüche, welche er benutzte, waren meist schon vorher gefunden und bei seinen Untersuchungen waren ihm sachkundige Meister zur Hand. Gleichwohl ist die künstlerische Verwendung der edlen Materialien, womit ihn Kurfürst August beauftragte, seine besondere Stärke. Der Kurfürst drängte ihn immer wieder, kostbares Gestein ausfindig zu machen, teils aus Prachtliebe, teils der wirtschaftlichen Bedeutung wegen, und daraus Kunstgegenstände zu schaffen. Alabaster aus Weißensee, rotweißen Dolomit von Schwarzenberg, Serpentin aus Zöblitz, bunten Marmor von Lengefeld, Rauenstein, Kalkgrüna, Wildenfels und Crottendorf, Kristalle, Amethysten, Topase, Achat, Jaspis und andere Halbedelsteine verarbeitete er. Ja, er erhielt sogar das Privilegium, einige dieser wertvollen Brüche für sich abzubauen, zu brechen und zu verkaufen und errichtete vor dem Wilsdruffer Tore zu Dresden eine Marmorschneidemühle an der Weißeritz, die auch für das Schleifen und Polieren von Halbedelsteinen eingerichtet war.
Heute noch können wir im Dresdner historischen Museum einige dieser kostbaren Marmormosaikwerke bewundern und uns an dem Glanz und der Fülle der Farben und Äderungen des heimatlichen Marmors erfreuen. Steinerne Tische »von Bildwerk und andern Ornamenten«, zwölf Stühle »mit mancherlei Steinwerk aufs höchste« geziert und andere kostbaren Werke sind vorhanden. Handbecken, Kannen, Leuchter, Schüsseln, Teller, Schalen, Löffel, Messerhefte, Büsten römischer Kaiser, Marmorfußböden für fürstliche Gemächer gingen aus seiner Hand hervor. Nicht immer ist der Kurfürst mit ihm zufrieden, sondern er erteilt ihm gelegentlich einen kräftigen Wischer: »Wir spüren aber daraus, das du nicht fast große lust zur arbeit hast und dein Besoldung lieber mit müßig gehen verdienen wollest.« –