Alle diese mehr kunstgewerbliche Verwendung des sächsischen Marmors war mehr vorbereitende und begleitende Arbeit zu dem Hauptwerke Nossenis, der Begräbniskapelle, wo in unübertrefflicher künstlerischer Weise das edle Material verwendet und in seiner Farbenpracht im matten Glanz der Polituren sich gegenseitig steigernd zu vollendeter Wirkung gebracht ist.
Durch dieses großartige Werk und Nossenis kunstgewerbliche Leistungen wurde der sächsische Marmor weithin berühmt und Proben dieser Kunst gingen auch ins Ausland und kündeten den Ruhm des sächsischen edlen Gesteins und der Kunstfertigkeit sächsischer Marmorbildhauer und Dreher. – – Wenn wir heute diese Werke schauen, so fragen wir uns, warum diese Edelindustrie untergegangen ist? Sind die Brüche erschöpft? Sind die Stätten verlorengegangen, wo »so herrliche, schöne Steine gefunden werden«, wie Nosseni 1580 dem Kurfürsten August mitteilt; sind sie vergessen, verschüttet? – Nur die Serpentinsteinindustrie von Zöblitz hat ihre bescheidene Blüte und erweckt größere Hoffnungen, nachdem der Geist modernen Kunstempfindens mehr und mehr die Erzeugnisse formt und adelt. Aber wo sind die anderen Stätten und Fundorte edlen Materials? Wie Kurfürst August sein Land durchforschen ließ, um fremdes Material zu vermeiden und im eigenen Heimatboden diese Schätze an kostbarem Gestein sich zu erschließen, so sollte man auch heutzutage »die Rute deutschen Findergeistes« zur Hand nehmen und forschen, bis man findet, was vergessen oder unentdeckt und unerschlossen im heimatlichen Boden ruht und zum Aufbau und neuer Blüte der Heimat beitragen und helfen mag. –
Doch wenden wir uns nun zu dem Werke, dem nach dem Plane und der Absicht des Kurfürsten August in erster Linie der Umbau des Domchores gelten sollte, dem Grabdenkmale des Bruders des Kurfürsten, dem Moritz-Monumente in der Vierung des Chores. Wie das gewaltige Modell einer Gralsburg aus Marmorgestein türmt es sich auf, auf deren höchster Zinne die Marmorgestalt des Kurfürsten in Panzer mit dem geschulterten Schwerte barhäuptig anbetend vor dem Gekreuzigten kniet. Helm, Streithammer und Pistole und das farbige Kurwappen sind vor dem Kreuzesstamme niedergelegt. Panzer und Waffen sind den Stücken nachgebildet, die der Kurfürst in der Schlacht bei Sievershausen trug. In feiner, sinniger Weise sagt so dieses Grabdenkmal, daß der Fürst seine Waffen und sein Leben seinem Glauben geweiht, und sich und sein Land im Leben und im Tode unter das Kreuz gestellt haben wollte. Dreigeschossig erhebt sich diese Marmorburg auf drei schwarzen Marmorstufen, auf denen zwölf weibliche Figuren aus Alabaster sitzen, die Musen der Geschichte, Künste und Wissenschaften. Bunte rote, gekuppelte Marmorsäulchen tragen das reiche rotbraune, vielverkröpfte Marmorgebälk des unteren Geschosses und auf ihm die Gruppen der vor dem oberen Geschosse Wache haltenden Krieger mit den farbigen Wappen der Länder des Kurfürsten. Das oberste Geschoß ist ein sarkophagartiger Aufbau, der von zehn in Messing gegossenen Greifen getragen wird. Engelsfiguren mit Sanduhr, Helm, Wappen und ähnlichen Sinnbildern sitzen am Rande der Deckplatte, auf welcher der Kurfürst kniet.
Reicher Schmuck an Reliefplatten aus Alabaster, symbolische Darstellungen aus Krieg und Frieden, Kunst und Wissenschaft, Handel und Gewerbe und andere köstliche Ornamente und Figuren beleben die Flächen des gewaltigen Unterbaues in künstlerischer Vollendung und reden im Sinnbilde von dem, was der Kurfürst geleistet und gewollt hat.
Auf 20 Inschrifttafeln aus schwarzem Marmor am Denkmal sind sein Leben und seine Taten im Frieden und Kriege in goldenen Buchstaben in lateinischer Sprache rühmend geschildert. Diese Inschriften sollte ursprünglich Melanchthon verfassen, der aber darüber hinstarb. Nach anderen Versuchen übernahm es schließlich der Kanzler Dr. Ulrich Mordeisen, die Aufgabe mit anderen gelehrten Männern zu lösen. Auf seinem Gute Kleinwaltersdorf bei Freiberg, das er sich erworben und umgebaut hatte und dessen Eingangstür heute noch sein Wappen mit der Jahreszahl 1560 schmückt, versammelte er vier Leuchten der Wissenschaft zu diesem Zwecke. Fünf der gelehrtesten Männer ihrer Zeit spitzten dort ihre Federn und schärften ihre Gedanken, um das Lebenswerk eines Zweiunddreißigjährigen in würdiger Form zu feiern – und wahrlich das Leben des Kurfürsten Moritz war kurz, aber voll von sprühender Tatkraft, von Taten, Gedanken und großen Plänen: Vielleicht war das, was an Hoffnungen mit seinem Tode ins Grab sank, viel größer und bedeutungsvoller als das, was er getan und erreicht hatte. – Ulrich Mordeisen, der drei Kurfürsten treu gedient, starb am 5. Juni 1572 und liegt unter dem Altar in der Kirche von Kleinwaltersdorf begraben. Das Altarwerk dort ist zugleich das Epitaphium für den Kanzler und zeigt ihn mit seiner Familie vor dem Gekreuzigten knieend dargestellt. In lateinischen Worten dort wird seine Treue und sein kluger Rat gerühmt. Auch hier bei dem Moritz-Monument hat sich sein kluger Rat bewährt, denn er war offenbar der Vertrauensmann des Kurfürsten, der mancherlei Aufträge zu erledigen und Verhandlungen wohl zu führen wußte. Das Moritzdenkmal ist das erste monumentale Freigrab Sachsens, das in Renaissanceformen ausgeführt ist. Es könnte auch in irgendeiner italienischen Stadt, einer Kirche von Florenz z. B. stehen, so italienisch ist seine Art. Nicht deutsche Hände haben dem deutschen Fürsten das Kunstwerk geschaffen.
Gabriel und Benedikt v. Thola aus Brescia »die welschen maler« am Hofe zu Dresden – es war Mode, italienische Künstler sich zu halten –, hatten die Entwürfe gemacht, nach denen erst ein Modell des Denkmals hergestellt wurde. »Vater« August war nun aber ein sparsamer Landesvater, der den Daumen auf seinen Beutel hielt und oft lieber seine lieben Landeskinder huldvollst für seine Passionen zahlen ließ, statt in die eigene Tasche zu greifen. So befahl er hier einfach dem Rate zu Freiberg, seine Domsakristei aufzugeben und ihm zur Verfügung zu stellen und die Allerheiligenkapelle am Chore, wo Freiberger Bürger der ersten Geschlechter begraben lagen, und heilige Ehrfurcht ihnen ewige Ruhe gelobt hatte, rücksichtslos zu räumen, die Grabmäler herauszubrechen und unter peinlichster Schonung der Gruft seines Bruders Moritz für seine Zwecke umzubauen, zu erweitern, den Domaltar in das Schiff hineinzurücken und Weiteres zu verändern. Er zwang sie sogar gnädigst noch die Fundamente zum Denkmal auf Stadtkosten zu errichten und die Abschlußgitter herzustellen. So ehrte er pietätvoll das Andenken seines tapferen Bruders aus der Tasche der Stadt Freiberg in landesväterlicher Huld. Wo die Gebeine der alten Freiberger blieben, kümmerte ihn wenig. Diese huldreiche, väterliche Sparsamkeit und Fürsorge bewies er auch weiter bei der Ausführung des Denkmals. Zwei Dresdner Bildhauer, Melchior Barthel und Christoph Walther forderten für die Ausführung des gewaltigen Marmorwerkes 6000 Taler. Bei dieser Summe versanken alle schönen Grundsätze von der Kunst, Arbeit, Verdienst im eigenen Lande, von landesväterlicher Fürsorge zur Hebung von Gewerbe, Handwerk und Steuerkraft, denn das ging schmerzhaft an den eigenen Beutel! August übertrug die Arbeit an Hans Wessel in Lübeck und dieser verdingte sie weiter für 2800 Taler an Meister Antonius von Zerun zu Antwerpen. Dieser ist später erst durch Klagedrohung zu der Restsumme von 613 Talern gekommen, welche weder der Kurfürst noch Hans Wessel bezahlen wollte! Aus belgischem Marmor von Dinant ist das Moritzdenkmal gefertigt. Dinant ist die Stadt, um welche zu Beginn des Weltkrieges das Blut der Freiberger Jäger besonders geflossen ist bei der Eroberung und durch Verrat und Hinterhalt im Straßenkampf. Diese belgische Stadt hat einen blutigen Namen für Freiberg voller Tränen und wehen Stolzes.
Von Antwerpen wurde das Marmorwerk in einzelnen Teilen zu Schiff über Hamburg elbaufwärts nach Torgau, wo der Kurfürst Hof hielt, und von dort nach Dresden und mit Wagen nach Freiberg geschafft und von Zerun und seinen Gesellen aufgestellt. So kam es, daß deutsches Geld, aber nicht deutsche Kunst und deutsche Hände dieses italienische Werk mitten im Herzen Deutschlands für den deutschen Fürsten geschaffen haben. Fremd ist es auch unserem Empfinden und fern von der innigen Gemütstiefe z. B. der Tulpenkanzel.
Der Kurfürst war sehr stolz auf das Werk und besorgt um den kostbaren Marmor und Alabaster, daß er zur rechten Wirkung käme und nicht durch Farbe übermalt würde. Er schreibt: »das man an den bildern nur die augenn und meuler mit ihren natürlichen farben anstreichen und sonst gar nichts mit farben daran schmieren solle außerhalb was vorguldet werden mus«, weil sonst »das gantze werck vorstellt und verunadelt würde«.
In diesen wenigen Worten kennzeichnet sich ein grundsätzlicher Unterschied fremdländischer gegenüber der deutschen mittelalterlichen Kunstauffassung, wie sie sich bis in die Renaissancezeit hinein erhalten hatte, die in der kräftigen Farbengebung und in der Steigerung des Materiales und der Formen durch Malerei große, feierliche und charaktervolle Wirkungen erzielt hatte.
Tilman Riemenschneider (1460–1531), der berühmte süddeutsche Meister, hat z. B. seine köstlichen Marmorwerke im Dome zu Würzburg farbig bemalt, ohne daß »das gantze Werck vorstellt und verunadelt« worden wäre, sondern nur an lebendiger künstlerischer Wirkung erhöht und gesteigert worden ist. Wir denken ferner an die goldene Pforte unseres Domes mit ihrer wunderbaren, uns kaum mehr faßbaren und erreichbaren Farbenpracht. Unsere ganze mittelalterliche, so echt deutsche, tiefe Kunst lebt und ist stark durch die Farbe. Das wundersame Leben in den köstlichen Altarwerken auch in den kleinsten Dorfkirchen ist auf die Farbe abgestellt. Diese Werke sind aus dem Seelenleben und tiefstem Empfinden und oft unbewußtem, künstlerischem Wollen unseres Volkes geboren und auf diesem Grunde hat sich echt deutsche Kunst zu eigenartiger, schöner Blüte entfaltet.