Die Meisen flattern zirpend von Zweig zu Zweig. Von ferne klingt die Holzaxt durch die grüne Einsamkeit und harzduftige Stille. Da leuchtet es hell durch die schlanken, goldbraunen Stämme, eine weiße Wand, braune Holzverschläge, grüne Fensterladen und ein graues Schindeldach, »das Schindelhaus« auf grüner Lichtung wie in einen Saal mit weichem, grünem Teppich gestellt, einst für bergmännische Zwecke erbaut. Wir tauchen weiter in die grünen Tiefen des Waldes und folgen dem schmalen Pfad, der uns hineinlockt, das Flüstern und Rauschen der Wipfel zu hören und ihren köstlichen Duft zu trinken. Da tritt heimlich aus tiefer Einsamkeit ein graues Dach hervor. Auf einer Halde, das taube Gestein ganz überwuchert von Grün, liegt dort ein altes Scheidehaus, jetzt das Heim anspruchsloser Waldarbeiter, »das Silberschnurer Scheidehaus«. Mächtige Fichten im grünen Kreise schauen hernieder wie hütende Wächter. Die Könige dieser grünen Riesen sind zwei Hängefichten, deren Äste mit langen hängenden Zweigen wuchten, als wären sie von den Feen der Waldeinsamkeit und deutscher Waldherrlichkeit mit Prachtgehängen geschmückt.

Wie zwei Türme wachsen sie empor in den blauen Himmel, zwei Türme, die die grüne Gotik des Waldes mit zartestem Astfiligran geziert, zwei Türme, die leben und duften, die eine Seele und eine Stimme haben zu singen und zu sagen. Leise, leise wiegen und rauschen ihre Zweige, als webten darin die Klänge von deutscher Sehnsucht und deutschem Leid, von alter Heldenzeit und jungem Trotz. Vorn im Gärtchen leuchtet es von Blumen im bunten Flor. Da stehen steif gravitätisch die hohen Malven mit ihren zarten Farben, die Kresse mit feurigen Blüten schlingt sich am niedrigen Gitter, Rittersporn und Eisenhut, Rosen und Nelken duften. Die Bienen des nahen Bienenstandes summen durch den Wohlgeruch und die Farbenpracht und sammeln ihre süßen Schätze ein. Kinderlachen klingt um das Haus, Windeln und bunte Lappen flattern am Seile. Im wärmenden Sonnenstrahl sitzt Großmutter am Klöppelstock. Auf Stufen führt gewunden ein schmaler Pfad hinauf auf die Halde, deren altes verlassenes Scheidehaus nun frisches, junges Leben birgt, Leben, Zukunft, Behagen und Zufriedenheit, eine Heimat tief im grünen Walde, eine Heimat aus Waldmärchenland auf uraltem, bergmännischem Grunde. –

Doch auch die letzte Heimat hat ein Großer des Bergbaues einst in einer Halde gesucht und dort seine Ruhe gefunden. Dicht bei Freiberg auf der Höhe liegt die Halde der alten Grube zu den heiligen drei Königen. Inmitten eines kleinen Haines von im Winde rauschenden Laubbäumen, grün umwuchert und laubüberdacht ist diese Halde ein Grab und ein Grabmal, wie es sinniger und stimmungsvoller kein Bergmannsherz finden kann. Hier auf freier Höhe angesichts der alten Bergstadt, die unten gleich einer malerischen dunklen Silhouette auf goldenem Grunde erscheint, inmitten der Freiberger Gruben, Halden und Hüttenwerke verfuhr der Oberberghauptmann Freiherr von Herder, ein Sohn des Dichters und Patenkind von Goethe und Matthias Claudius nach seinem eigenen letzten Wunsche seine letzte Schicht.

»Und sink ich einst in jenes dunkle Reich der Nacht,

aus dem auf seine Berge keiner wiederkehrt,

erhebt dann hoch, ihr treuen Knappen, mir das Grab;

nur aufgehäufte Erd und graue Stein,

ein Zeichen eurer Liebe, Knappen! –

Sitzt dann ermüdet an dem grünen Hügel einst der Wandrer

und gedenkt der Tag entflohener Zeit: