In den Ziffern des deutschen Gesamtaußenhandels kommt diese Steigerung deutlich zum Ausdruck. Noch im Jahre 1887 war England in seinem Export Deutschland um etwa 50 % überlegen (4533 Millionen gegenüber 2937 Millionen Mark). Im Jahre 1912 war diese Differenz auf etwa 10 % gesunken (9943 Millionen Mark auf englischer gegenüber 8956 Millionen Mark auf deutscher Seite). Nehmen wir den gesamten Welthandel, so sehen wir im Spezialhandel der Völker, daß seit 1887 Englands Anteil um 113 %, derjenige der Vereinigten Staaten von Nordamerika um 173 %, der deutsche um 225 % gestiegen ist. Allein in den Jahren 1901–1911 ist die deutsche Ausfuhr von Fabrikaten um 93,2 % gegenüber 62,3 % bei Großbritannien gestiegen. Noch führt England im Welthandel der Völker mit einer Gesamtziffer des Gesamthandels von 24,2 Milliarden Mark, ihm folgt dann an zweiter Stelle mit einem Gesamtaußenhandel von etwa 22,5 Milliarden Mark Deutschland, an dritter Stelle folgen die Vereinigten Staaten mit etwa 17,9, an vierter Stelle Frankreich mit 12,46 Milliarden Mark. Von Einzelheiten sei hier erwähnt die deutsche Maschinenausfuhr, die 1913 678 Millionen Mark wertete gegen 674 Millionen Mark in England, während dieselben Ziffern im Jahre 1900 noch 183 Millionen für Deutschland gegenüber 401 Millionen Mark in England betrugen. In 14 Jahren also für Deutschland eine Steigerung um mehr als das 3½fache, in England nur um mehr als die Hälfte! Denkt man an die Zeit, in welcher Englands Welthandel denjenigen Deutschlands um das Doppelte überragte, und nimmt man an, daß es Deutschland gelungen wäre, diesen relativen Aufschwung aufrechtzuerhalten, den es bisher aufweisen konnte, so konnte man allerdings erwarten, daß eine Zeit kommen würde, welche überhaupt nicht mehr England, sondern Deutschland an der Spitze des Welthandels aller Völker sehen würde.
Die gewaltige Entwicklung, die sich in diesen Ziffern zeigt, tritt auch zutage in der Entwicklung der Handelsmarine. Zwar ist hier Englands Vorsprung ein ganz anderer wie auf dem Gebiet des Welthandels an sich. Noch ist es der große Weltverfrachter, und wenn auch allein in den letzten zehn Jahren der Raumgehalt der deutschen Seeschiffe um 111,4 % stieg gegenüber 39 % bei England, so ist dieses doch in der absoluten Ziffer der deutschen weit überlegen. Von 1416300 Registertonnen stieg in den letzten 20 Jahren der Nettoraumgehalt der deutschen Seeschiffe auf 2994200 Registertonnen, während in der gleichen Zeit der Nettoraumgehalt der englischen Seeschiffe von 8933500 auf 12415800 Registertonnen stieg. Allerdings muß man dem gegenüberhalten, daß der Anteil Englands an der Welthandelsmarine in dem gleichen Zeitraum von 46,8 % auf 42,6 % gesunken ist, während gleichzeitig Deutschlands Anteil von 7,4 auf 10,3 % gestiegen ist. In der amtlichen Denkschrift zur Begründung der deutschen Flottenvorlage ist zuerst, vielleicht damals mit allzu großer Deutlichkeit, auf diese Entwicklung der deutschen Seeinteressen hingewiesen worden. Auch hier sah England Deutschland als Rivalen neben sich, sah, wie Hamburg mit London und Liverpool wetteiferte, mußte vor allem erleben, daß die beiden führenden großen deutschen Schiffahrtsgesellschaften es verstanden hatten, sich eine Führung ohnegleichen auf dem Gebiete des Personen- und Frachtenverkehrs nach den Vereinigten Staaten zu sichern, mußte erleben, wie der „Imperator” und das „Vaterland” vom Stapel liefen und die größten Schiffe der Welt unter deutscher Flagge ihren Weg sich durch die Fluten bahnten.
Vervollständigen wir das Bild, das diese Ziffern geben, noch durch zwei Betrachtungen. Deutschland war einstmals das Land der Auswanderung; politische Unzufriedenheit um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hat die einen, wirtschaftliche Not auch noch nach Gründung des Reiches die anderen über die Meere getrieben; bis auf jährlich 275000 Menschen stieg die Zahl derjenigen, die Deutschland verließen, um sich eine neue Heimat jenseits des großen Wassers zu begründen. In Neuyork, in Chicago, in Milwaukee, in Cincinnati ebenso wie in Rio Grande do Sul zeigen sich noch heute die Folgen dieser Auswanderung. Wie anders ist das geworden! Im letzten Jahre haben noch 25000 Deutsche ihr Heimatland verlassen, aber mehr als 12000 sind zurückgekehrt, so daß Deutschland zu den wenigen europäischen Ländern gehört, die fast keine internationalen Auswanderungsverluste zu verzeichnen haben, denen es möglich ist, das, was hineinwächst in ihre Bevölkerung, auch im eigenen Vaterlande zu ernähren; ja die große Zahl ausländischer Wanderarbeiter zeigt, daß selbst diese wachsende Bevölkerung Deutschlands nicht mehr in der Lage war, Deutschlands Bedarf an Arbeitskräften zu decken, welche das Neudeutschland der Gegenwart verlangte.
England muß demgegenüber den großen Bevölkerungsverlust decken, wozu namentlich die Stimmung in Irland beiträgt, das unter englischer Herrschaft zu einem entvölkerten Lande wurde. Dem Wachstum Deutschlands, das seinen Geburtenüberschuß in den letzten Jahren als wirtschaftlichen, militärischen und politischen Machtzuwachs buchen konnte, stehen die 240000 Engländer gegenüber, die in den letzten Jahren durchschnittlich England und Irland verlassen haben.
Im Volkswohlstand beider Länder kommt letzten Endes das Ergebnis zum Ausdruck. Auf den Kopf der Bevölkerung gerechnet, ist England auch heute noch reicher als Deutschland. Seine Steuerpolitik hat bis in die letzten Jahre hinein erlaubt, in viel größerem Maße als in Deutschland die niedrigen Einkommen von der Steuer freizulassen. Nach dem „Economist” wird das Gesamtvermögen Englands auf 285 Milliarden Mark, nach Ballot dasjenige Deutschlands auf 270 Milliarden Mark geschätzt. Wir können heute nach dem Ergebnis des Wehrbeitrages die Überzeugung aussprechen, daß diese Schätzung Ballots zu niedrig gegriffen ist, daß wir weit mehr Steinmann-Bucher glauben können, der Deutschlands Volksvermögen auf 350 Milliarden Mark berechnet. Einen Vergleich geben auch die Sparkasseneinlagen. Im Jahre 1875 kamen auf den Kopf der Bevölkerung gemessen in Deutschland 44 Mark, auf den Kopf in England 42 Mark, im Jahre 1911 in England 103, in Deutschland 272 Mark.
Keine Sprache ist für die Engländer verständlicher als die Sprache der kühlen, nüchternen Ziffern, und auf den Ziffern, die hier genannt sind, beruht Englands Eifersucht und Neid.
England hat schon lange vor dem Krieg die Folgerung aus dieser Entwicklung gezogen. Sein Wirtschaftskrieg gegen Deutschland begann mit jenem 1887 erlassenen Gesetz über die Herkunftsbezeichnungen „Made in Germany”, das ein Brandmal sein sollte für deutsche Erzeugnisse, aber zu einem Ehrendenkmal deutscher Qualität wurde. Daß es bewußt gegen Deutschland gerichtet war, bedarf keines weiteren Hinweises, denn Deutschland gehört zu den Hauptversorgern von Großbritannien. Dieses Gesetz war der erste Bruch mit der bis dahin traditionell betriebenen Freihandelspolitik Englands. Wie oft ist uns das Lied dieser englischen Freihandelspolitik nicht gesungen worden! Die guten Deutschen, die so gern das Vorbild im Ausland suchen und die vielleicht ein gewisses Recht hatten, in der Zeit preußischer Reaktion ein englisches Parlament, das seine Vorzüge hatte, anzuerkennen, vergaßen, daß Englands Wirtschaftspolitik nie von einem anderen Gesichtspunkt geleitet worden ist als von demjenigen des rücksichtslosesten Eigennutzes. Professor Harms, dem wir verschiedene hervorragende Darlegungen über England und Deutschland verdanken, hat in einem in der „Deutschen Revue” veröffentlichten Aufsatz über England und Deutschland mit Recht darauf hingewiesen, daß England zunächst durch Jahrhunderte hindurch an einer rücksichtslos gehandhabten Ausschließungspolitik festhielt und erst dann, als es nach dem Niederbruch Frankreichs die unbedingte kommerzielle Übermacht in Europa hatte, seine Grenzen aus dem Grunde öffnete, weil die anderen Völker auf seinem eigenen Markt nicht konkurrieren konnten und weil es die Hoffnung hatte, daß die anderen Staaten dem Beispiel folgen und ihm die Grenzen öffnen würden und ihm dann diese Absatzgebiete schrankenlos offen standen. Diese Hoffnung Englands hat sich als vollständig richtig erwiesen. Es wurde die große Werkstatt der Welt und es konnte sich die unbedingte Herrschaft auf den Märkten der Welt aneignen, solange dieses Freihandelssystem auch von anderen Ländern adoptiert wurde. Die Notwendigkeit von Schutzzöllen für die deutsche Industrie hatte ja zuerst Friedrich List, dessen geradezu grandiose prophetische Voraussage man auch darin wieder bewundern muß, in den Vordergrund seiner Ausführungen gestellt. Als England merkte, daß diese Freihandelspolitik ihm gefährlich wurde, beginnt es mit dem Abbau des Freihandels, und das Gesetz: „Made in Germany” ist der erste Schritt auf diesem Wege. Mit einem freien Wettbewerb aller Völker ist ein Gesetz, welches eine besondere Kennzeichnung bestimmter Waren verlangt, grundsätzlich unvereinbar. Die Nachahmung, welches dieses Vorgehen in Frankreich gefunden hat mit einem Versuch, die Waren durch die Worte: „Importé d'Allemagne” vom französischen Markt zu verdrängen, zeigt ja, aus welchen Erwägungen heraus das Gesetz gekommen ist. Daß es in das Gegenteil des Gewollten umschlug, ist sicherlich weder Englands Absicht noch sein Verdienst gewesen.
In gleicher Richtung bewegt sich die englische Wirtschaftspolitik, die in dem englischen Patentgesetz vom Jahre 1907 zum Ausdruck kommt. Im Abs. 1 des § 27 dieses Gesetzes wird bestimmt, daß jedermann in England den Antrag auf Nichtigkeit eines Patentes stellen kann mit der Begründung, daß die patentierte Ware fast ausschließlich außerhalb Englands hergestellt wird. Eine solche Nichtigkeitsklage kann also erhoben werden, wenn die Fabrikation im Auslande stattfindet, ja sogar schon, wenn die Herstellung hauptsächlich im Auslande stattfindet. Die Herstellung muß in England geschehen, oder es muß ein triftiger Grund angeführt werden, weshalb das nicht geschehen kann.
Es erhellt von vornherein, daß eine derartige Bestimmung sich namentlich gegen die chemische Industrie Deutschlands und gegen die Vorherrschaft auf dem Gebiete der Erzeugung und des Vertriebes patentierter Artikel richtet. England versuchte diejenigen deutschen Firmen, die bisher auf Grund englischer Patente den englischen Markt beherrschten, zu zwingen, ihren Tribut in der Form zu zahlen, daß sie entweder ihre Patente an Engländer abtreten oder ihre eigenen Fabriken nach England verlegen und so die Löhne für die Erzeugung englischen Arbeitern zugute kommen lassen, ebenso wie ihr Gewinn mehr als bisher in England versteuert werden sollte. Tatsächlich hatte auch gerade bei der chemischen Großindustrie das Gesetz vom Jahre 1907 in dieser Form gewirkt. So haben die Elberfelder Farbenfabriken gemeinsam mit der Aktiengesellschaft für Anilinfabrikation in Berlin eine Filiale in England eingerichtet, um auf diese Weise die bisher in England abgesetzten Waren in England herzustellen und vor der Nichtigkeitserklärung zu schützen. Desgleichen sind die Höchster Farbwerke gezwungen worden, nach England zu gehen.