Daraus folgt, daß in denjenigen Teilen der Welt, wo wir mit England unter gleichen Bedingungen konkurrieren, die englische Ausfuhr insgesamt 6113 Millionen Mark, die deutsche Ausfuhr aber 8905 Millionen Mark beträgt, daß also Deutschland England in der Ausfuhr längst schon überholt hätte, wenn nicht Englands Kolonialbesitz die unbedingte Fundierung für die englische Industrie und den englischen Handel abgeben würde, eine Tatsache, die zu denken gibt, wenn nach dem Kriege die Frage der Vergrößerung des deutschen Kolonialbesitzes erörtert werden wird.
Erst unter diesen Gesichtspunkten versteht man Englands Kampf gegen eine weitere koloniale Betätigung des Deutschen Reiches, versteht man weiter auch die imperialistischen Ideen Chamberlains. Sie sind der Ausdruck eines gegen Deutschland gerichteten Wirtschaftskampfes. Bereits im September 1897 schreibt Sir Alfred Mond in der „Saturday Review” wörtlich: „Wenn Deutschland morgen vernichtet wäre, so gäbe es in der Welt nicht einen Engländer, der übermorgen nicht um so reicher wäre. Völker haben jahrelang um eine Stadt, um ein Erbfolgerecht gekämpft. Müßten wir nicht um 250000000 £ jährlichen Handels Krieg führen? Wenn England einst erwacht und sieht, was seine einzige Hoffnung für eine gedeihliche Zukunft ist, dann nieder mit Deutschland.” Das ist der Geist, der von dem Herstellungsgesetz zu den Schiffahrtssubventionen, zum Patentgesetz, zur Vorzugsstellung Englands gegenüber seinen Kolonien, zu dem Tage führte, wo England die Völker der Erde in Sold nahm, um Deutschlands wirtschaftliche Macht gewaltsam zu brechen, nachdem es mit allen anderen Mitteln nicht gelungen war, Deutschland von der zweiten Stelle der Weltwirtschaft zurückzudrängen.
Unter dem Gesichtspunkt dieses Kampfes gegen Deutschlands wirtschaftliche Stellung sind neben der Entfesselung des Weltkrieges selbst diejenigen Maßnahmen mit zu buchen, die England gegen Deutschland in dem jetzigen Weltkrieg ergriffen hat, um es wirtschaftlich auf die Knie zu zwingen. Mehrere Gesichtspunkte kamen für England nach dieser Richtung in Frage, einmal die Abschneidung Deutschlands von der Nordsee, um die Lebensmittelzufuhr und damit die Ernährung der deutschen Bevölkerung in Frage zu stellen, zweitens die völlige Unterbindung der deutschen Ausfuhr nach neutralen Ländern, soweit diese Ausfuhr durch England kontrolliert werden konnte, drittens die Vernichtung der deutschen Handelsflotte, viertens die Vernichtung seiner Guthaben im feindlichen Ausland, vor allen Dingen in England selbst, fünftens die Eroberung der deutschen Absatzmärkte während der Zeit der Ausschließung Deutschlands vom Weltverkehr, schließlich die Unterbindung aller Zufuhr von Rohstoffen zur völligen Lahmlegung der deutschen Industrie.
Wenn man diese Maßnahmen übersieht, wird man feststellen müssen, daß sie teilweise völlig wirkungslos geblieben sind, teilweise den erhofften Erfolg nicht gehabt haben. Zunächst ist die Lebensmittelversorgung Deutschlands nach menschlichem Ermessen, wenn auch unter Einschränkung des Verbrauchs, sichergestellt. Die deutsche Wirtschaftspolitik hat uns in die Lage gesetzt, den größten Teil des deutschen Bedarfes selbst zu erzeugen. Bis August dieses Jahres ist Deutschland mit Lebensmitteln derart versorgt, daß jede Hoffnung des Feindes, eine Schwächung Deutschlands durch den Mangel an Lebensmitteln herbeizuführen, als gescheitert anzusehen ist. Daß wir den Krieg nicht im eigenen Lande haben, sondern daß unsere Truppen verstanden haben, denselben in Feindesland hineinzutragen, so daß das deutsche Heer zum großen Teil durch Requirierung im fremden Lande leben konnte, hat selbstverständlich mit dazu beigetragen. Hat doch erst kürzlich der Berichterstatter einer neutralen Macht das glänzendste Zeugnis deutscher Organisationstätigkeit darin erblickt, daß es den deutschen Militärbehörden in Frankreich gelungen wäre, die Versorgung der deutschen Armee mit Lebensmitteln ohne Zufuhren aus Deutschland selbst durchzuführen!
In bezug auf die Unterbindung unserer Ausfuhr nach dem neutralen Ausland ist es England gelungen, einen teilweisen Erfolg zu erzielen. Die Schiffe der Hapag und des Lloyd sind entweder in die Kriegsflotte eingereiht oder liegen in neutralen Häfen, ein Handel unter deutscher Flagge ist bei der gegenwärtig noch vorhandenen Beherrschung der See durch England nur in geringem Maße möglich. Andererseits hat sich aber bereits gezeigt, daß die völlige Unterbindung des deutschen Außenhandels sich nicht hat bewerkstelligen lassen. Einmal kommt für den deutschen Außenhandel das Gebiet des verbündeten Österreich, ferner das Gebiet der neutralen Staaten, Schweiz, Italien, die Balkanländer und die Türkei in Betracht, soweit nicht die Sorge um die eigene Volkswirtschaft Ausfuhrverbote als notwendig erscheinen ließ. Weiterhin sind aber diejenigen Waren, die nicht Kriegskonterbande sind, zum Teil auf neutralen Schiffen in das Ausland befördert worden. Hat es doch, worauf schon hingewiesen, beispielsweise durchgesetzt werden können, daß ohne Schwierigkeiten die Ausfuhr chemischer Produkte nach Amerika unter amerikanischer Flagge und unter dem Schutz der politischen Macht der Vereinigten Staaten erfolgt. Damit ist nicht nur für Deutschland die Möglichkeit der Ausfuhr seiner Chemikalien gegeben, sondern es ist gleichfalls dafür eingetauscht worden die Zusage der Vereinigten Staaten, daß Baumwolle nicht Konterbande sei, und nach der Erklärung des amerikanischen Botschafters Gerard ist die von den Vereinigten Staaten festgesetzte Ausfuhr amerikanischer Baumwolle nach Deutschland in Höhe von 50000 Ballen pro Monat bestimmt worden, und bis zum 31. Dezember 1914 sind bereits in Bremen 48617, in Rotterdam 69900 Ballen amerikanischer Baumwolle angekommen. Gewiß werden sich noch Schwierigkeiten in bezug auf die Heranschaffung anderer Rohstoffe bemerkbar machen, andererseits sind wir aber zum Teil dadurch dieser Schwierigkeiten enthoben worden, daß uns durch die Eroberung Belgiens und die besetzten französischen Gebiete die gewaltigen dortigen Rohstoffbestände in den Schoß gefallen sind, beträgt doch das besetzte französische Gebiet, industriell berechnet, 40 % der gesamten in Frankreich arbeitenden Maschinenkräfte. Bereits heute nach einem beinahe einhalbjährigen Kriege sehen wir, daß es uns gelungen ist, die Rohstoffversorgung Deutschlands annähernd sicherzustellen und die Überzeugung unserer verantwortlichen Stellen ist, daß dies auch während der ganzen Dauer des Krieges der Fall sein wird.
Ebensowenig ist es England gelungen, die deutsche Handelsflotte zu vernichten. Wäre es vom ersten Tage an auf die Seite unserer Gegner getreten, vielleicht hätte es große Erfolge nach dieser Richtung hin erreichen können. So aber versuchte es in seiner alten Heuchelei den Anschein des Friedensvermittlers zu erwecken, verhandelte über Belgiens Neutralität, die ihm innerlich ganz gleichgültig war, um dann als das moralische Gewissen der Welt in die Arena zu treten. Herr Ballin wußte, weshalb er die „Vaterland” von Neuyork nicht abfahren ließ, weshalb der „Imperator” im Hafen von Hamburg liegen blieb. Wir wissen nicht, wie groß die Verluste sind, die England unserer Handelsflotte zugefügt hat, wohl aber wissen wir, wie groß der Inhalt derjenigen Schiffe ist, welche die „Emden” aufgebracht hat, welche die „Karlsruhe” zum Sinken brachte und welche durch andere Hilfskreuzer Deutschlands vernichtet wurden. Auf 1,9 % der englischen Handelsflotte hat man im englischen Parlament Ende 1914 die Verluste der englischen Handelsflotte angegeben, sicherlich wird man dabei nicht zuviel gerechnet haben. Legen wir aber selbst diese englische Berechnung zugrunde, so wurde sich doch daraus allein ein Verlust von englischen Schiffen in Höhe von etwa 250000 t ergeben. Im August 1914 sanken sieben britische Dampfer mit 35742 t, im September 15 Dampfer mit 61055 t, im Oktober 22 Dampfer mit 89591 t. Vivant sequentes! Seit dem 18. Februar 1915 ist Deutschland auf den Weg getreten, den der Staatssekretär von Tirpitz in der Unterredung mit dem Vertreter der United Press gewiesen und durch die Vernichtung des „Bulwark” durchzuführen bereits begonnen hat, die feindlichen Handelsschiffe durch seine Unterseeboote zu vernichten. Erfüllen sich die auf diese Aktion gesetzten Hoffnungen, dann wird am Ende des Krieges voraussichtlich auf Englands Seite der größere Verlust zu buchen sein. Deutschlands Handelsflotte hat große Einbuße erlitten, aber daß sie groß auch nach dem Kriege dastehen wird, und daß nach dem Kriege die größten Schiffe der Welt nach wie vor unter deutscher Flagge fahren werden, liegt nach dem ganzen Stand der Dinge klar zutage.
Das meiste aber haben sich die Engländer von einem rücksichtslosen Vorgehen gegen die deutschen wirtschaftlichen Interessen versprochen. In England war kurz nach dem Ausbruch des Krieges eine Verordnung in Kraft getreten, wodurch der Handel mit dem Feinde verboten wurde. Keine Geldsumme durfte an den Feind oder an feindliche Gesellschaften gezahlt werden, keine Vergleiche geschlossen, keine Sicherheit für die Zahlung einer Schuld gegeben, keine Handlung zu seinen Gunsten, wie Trassieren, Akzeptieren usw. begangen werden. Lebens- oder andere Versicherungen mit oder zu Gunsten des Feindes konnten nicht abgeschlossen werden, die Zufuhr von Waren oder der Bezug von Waren war ausgeschlossen. Bestimmungen über die völlige oder teilweise Beseitigung von Patenten und Marken, die für Deutschland geschützt waren, wurden getroffen. Die deutschen Unternehmungen in England wurden unter staatliche Aufsicht gestellt und teilweise in gehässiger Weise liquidiert.
England hat weiter Maßnahmen getroffen, um nicht nur die deutschen Unternehmungen in England lahmzulegen, sondern auch alle englischen Betriebe, in denen Deutsche beschäftigt waren, zur Entlassung derselben gezwungen. Es hat die englischen Firmen von den Vertragsverpflichtungen gegen Deutschland entbunden, es hat die Hausbesitzer entbunden von der Verpflichtung der Einhaltung der Mietsverträge, und es hat vom ersten Augenblick an den wirtschaftlichen Krieg gegen Deutschland auf eigenem Grund und Boden in unfairer Weise geführt.
Deutschland ist mit Gegenmaßregeln gegen England erst vorgegangen, als die öffentliche Meinung dies gebieterisch verlangte. Inwieweit die deutschen Interessen durch das Vorgehen Englands geschädigt sind, läßt sich bis heute noch nicht übersehen, unzweifelhaft ist eine Schädigung der deutschen Volkswirtschaft dadurch herbeigeführt worden, daß Forderungen an England uneinbringlich sind, daß somit deutsche Unternehmungen, die Geschäfte mit England treiben, heute über Außenstände verfügen, deren Einbringung derzeit unmöglich ist. Ebenso sind unzweifelhaft alle diejenigen Unternehmungen geschädigt, welche in England domizilieren, und es dürfte keinem Zweifel unterliegen, daß die Zahl der deutschen Gesellschaften in England ebenso wie die Zahl der in England lebenden Deutschen weit größer ist als die der in Deutschland lebenden Engländer oder der englischen Unternehmungen in Deutschland.