In Paris schrieb er seine Predigten noch auf. Aber oft konnte er kaum entziffern, was er selbst geschrieben hatte. So machte er sich, wie wir sahen, schon in Dellwig frei von seinem Konzept. Und vollends in Bethel ließ ihn das Gedränge seiner Arbeit selten vor dem Sonnabendnachmittag an seine Predigt kommen. Von Anfang an hatte er nicht gut am Studiertisch nachdenken können. In Dellwig war er am liebsten in den Wald und die einsamen Weiden längs des Ruhrtals gegangen; in Bethel wurde der Friedhof oben im Walde sein stiller Zufluchtsort, wohin er sich mit seinem Text zurückzog. Dort zwischen den Gräbern standen die Entschlafenen im Geiste um ihn und wurden ihm zu Auslegern und Zeugen für das, was er der Gemeinde bringen wollte. So trug ihm die Gemeinde der Vollendeten das zu, was er der Gemeinde der Streitenden zu sagen hatte. Nur selten nahm er andere Ausleger oder Predigten zur Hand; wenn es doch vorkam, am liebsten Bengel, Rieger und Löhe.

Je näher die Stunde der Predigt kam, je ernster wurde er, je gebeugter wurde seine Gestalt. Die Last der Verantwortung legte sich auf ihn. „Gib mir ein Tröpflein für meine arme Gemeinde!” hörte man ihn wohl seufzen. So war es nichts Erdachtes, was er brachte, sondern Erlebtes, Erkämpftes, Erbetenes, oft aus tiefster Armut heraus Erbetteltes. Aber wenn er dann auf der Kanzel stand, dann merkte man nichts mehr von den Kämpfen, die hinter ihm lagen. Dann war es wie frischester, perlender Tau, der aus den ewigen Höhen kommt. Ein Kandidat der Theologie, voll Zweifel und Zerrissenheit im Herzen, saß zum ersten Male in der Zionskirche, als Vater auf die Kanzel trat und den Gruß in die Gemeinde hinunterrief: „Gnade sei mit euch und Friede!” Es sei ihm, erzählte er später, durch Mark und Bein gegangen, hätte ihn um und um geworfen und von Stund an seinem Leben die klare entscheidende Richtung gegeben. Denn mit zwingender Gewalt habe er hier gespürt, das sei erfahrene Gnade, erlebter Friede, die auch für ihn erfahrbar und erlebbar seien.

Die Predigt, die auf solchen Gruß folgte, konnte darum auch nur auf Tatsachen sich gründen. Nicht wie ein Luftgebilde trat sie vor die Gemeinde, sondern sie ruhte von Anfang bis zu Ende auf Geschehenem. Wenn ich nicht irre, ist es Professor Kähler gewesen, der einmal sagte: „Die beste Art der Evangeliumsverkündigung ist nach Gesichtspunkten geordnete Erzählung.” So war es bei Vaters Predigt. Schon das Thema wurde am liebsten in Form einer Geschichte geboten und die Teile mit Geschichten gefüllt; vor allem mit Geschichten der Bibel und eigenen Erlebnissen. Vor unsern Augen wiederholten sich diese Geschichten. Aber Abraham, Joseph, Moses, David waren keine Menschen der Vergangenheit, sondern Menschen von heute. Die Jahrtausende, die uns von ihnen trennten, schrumpften zusammen; Vergangenheit und Gegenwart flossen ineinander. Vor allem bei den Geschichten des Herrn. Wir zogen mit den Weisen; wir knieten an der Krippe; wir saßen mit im Boot auf dem stürmenden See; wir lagerten im Grase mit den Tausenden, und die Jünger teilten Brot und Fische unter uns aus; wir sahen Jairi Töchterlein vor uns die Augen aufschlagen; wir standen mit verhaltenem Atem unter dem Kreuz und von Trauer und Hoffnung hin- und hergerissen vor dem leeren Grabe.

So wurden angesichts der Großtaten Gottes die eigenen Sorgen, Wünsche, Erlebnisse und Zweifel klein. „Was ich besitze, seh’ ich wie im Weiten, und was entschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.” Die Person des Heilandes, alle Welten, alle Zeiten überragend, stand unmittelbar vor uns, den Ernst und die Güte Gottes auf der Stirn, Segen und Frieden in seiner Hand und auf seinen Lippen. So kam der Glaube zustande, nicht durch Überredung, sondern durch den Anblick der Wirklichkeit. Und in diesem Menschen, der auf der Kanzel stand, trat er selbst, der Herr, vor uns hin, weckte das Vertrauen, das sich ihm ganz hingab, und den Gehorsam, der zur entschlossenen Nachfolge willig wurde, und die Buße, die mit Petrus sprach: „Herr, gehe von mir hinaus; denn ich bin ein sündiger Mensch!”

Zu dem Herrn aber, der zum Vertrauen, Gehorsam und zur Buße lockte und reizte, trat dann die Wolke von Zeugen, die uns ermunterte, solchem Locken und Reizen nicht zu widerstehen, sondern dem Fürsten des Lebens uns aus ganzer Macht zu überlassen. Dann sandten die Gräber, zwischen denen Vater am Abend vorher gestanden hatte, ihre Boten in unsere Mitte: Heinrich Hudel kam und der alte Heermann, Pastor Stürmer und der treue Mellin, und die Brüder und Schwestern, die den Weg des Glaubens gegangen waren durchs Leben und durch den Tod. Und die Apostel und Märtyrer mischten sich hinein und die Erstlinge von den Bergen Usambaras, und Kiase, der Aussätzige, rief: „Hört es, Leute, Leute! Kein Leid mehr, keine Schmerzen mehr, kein Sterben mehr; hört es, Leute, Leute!”

So war es der Glaube, der uns gepredigt wurde, aber gepredigt von einer Liebe, die sich auch zu dem Schwächsten herunterließ und sich auch dem müdesten Kopf verständlich machte. Denn diese aus der Schrift und dem Leben geschöpften Geschichten konnte jeder verstehen; hiervon konnte jedermann etwas mitnehmen nach Hause. Und wenn die Geschichten selbst dem wirren, kranken Gehirn vielleicht auch schnell wieder entschwunden waren, der Glanz der großen, herrlichen Wirklichkeit, der über ihnen lag, ging mit in die Woche hinein.

Aber weil es Geschichte war, erhabenste Geschichte, weltbewegende Ereignisse, Erlebnisse, die über alles andere Erleben hinausgingen, darum brauchte auch der Gesundeste, Klügste, Nachdenksamste unter uns nicht leer auszugehen, sondern sah sich zu eigenem Nachdenken geweckt, zur eigenen Ausgestaltung dessen, was er gehört hatte, angeregt. Alle aber waren vereinigt in dem einen Lebensstrom, worin, wie Luther sagt, der Elefant schwimmt und das Lamm plätschert. Nicht hier und da ein einzelner war es, zu dem er sprach, sondern die ganze Zuhörerschaft. So wurden wir zur Gemeinde zusammengefaßt.

Und eben ein Sprechen war es, keine Rede. Wäre es eine Rede gewesen, so wären uns die 40, ja 50 Minuten, die Vater auf der Kanzel stand, zu lang geworden. Aber weil es ein Gespräch war, wo Frage und Antwort wechselten, darum ließen wir ihm gern lange Zeit. Er sprach mit allen, mit denen, die körperlich vor ihm saßen, und mit den andern, die im Geiste versammelt waren. „Paulus, Paulus,” konnte er wohl fragen, „was sagst du? Ich sterbe täglich? Ich verstehe dich nicht, wie meinst du das?” Und dann fragte er wieder in die Gemeinde hinein: „Kann es von euch mir wohl einer sagen, wie Paulus das eigentlich meint?” Und wenn die Antwort noch auf sich warten ließ, dann ging er zu Luther hinüber und fragte den, bis es eins von den Epileptischen aus dem Munde Luthers mit deutlicher Stimme durch die ganze Kirche hin sagte: „Es bedeutet, daß der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott ewiglich lebe.”

So ging Frage und Antwort hin und her, so waren wir alle beteiligt, alle zur Mitarbeit am Text berufen, alle zu Auslegern geworden, einer dem andern zum Wegweiser gesetzt auf dem Wege zum Leben. Darum drang unser Glaube, unser Gehorsam, unsere Buße über den Kreis des eigenen kleinen Ich hinaus; einer trat für den andern ein, einer empfing für den andern die Gabe des Lebens; gemeinsam wurde unsere Last, gemeinsam unsere Freude. Unser Blick, unsere Liebe, unsere Hilfe wuchsen schließlich nicht nur über die Grenzen des eigenen Lebens, sondern auch der eigenen Gemeinde hinüber; wir lernten teilnehmen an den Aufgaben draußen, für die Vater der Kanal war, der sie uns zuleitete, lernten uns freuen mit den Fröhlichen und weinen mit den Weinenden.

Es war ein wunderbares Ineinander von Ernst und Heiterkeit, das über diesen Stunden lag. Es konnte vorkommen, daß die ganze Kirche hell und aus vollem Herzen lachte, und im nächsten Augenblick, wenn der Schrei eines Epileptischen, der im Anfall zusammengebrochen war, durch die Kirche drang, lag wieder der feierliche Ernst über der Versammlung. „Hört ihr den Todesschrei?” rief Vater dann wohl. „Wir können es nicht wissen, wie bald der letzte Schrei auch für uns kommt! Dicht, dicht stehen wir vor den Toren der Ewigkeit.”